Sarah Szczesny bei Cinzia Friedlaender, Berlin

Das Selbstbewusstsein von Gips

Hans-Jürgen Hafner
22. Januar 2010
Sarah Szczesny: „Cabin Fever Press” – Galerie Cinzia Friedlaender, Berlin. Vom 5. Dezember 2009 bis 30. Januar 2010

Auch in der Kunst gibt es Märchen und Legenden. Etwa, dass hier alles ginge, dass hier alles möglich wäre. Denn natürlich lässt sich nicht an jede Baustelle ein künstlerisches Projekt anschließen. Die Gründe dafür sind Legion. Oft liegt es bereits am Medium oder an Fragen der Technik, dass sich ein künstlerisches Anliegen damit nicht adäquat darstellen lässt. Und genauso wie Looks und Stile sind ja auch Inhalte oder Themen kulturellen Konventionen, intellektuellen Moden oder einfach nur der relativ pragmatischen Logik von Marktzyklen unterworfen. Nein, wir dürfen sicher sein: Selbst im, idealiter, grenzenlosen Möglichkeitsraum der Kunst geht das Gespenst der Freiheit um und sorgt dafür, dass sich unser Erstaunen normalerweise in Grenzen hält.

Zugegeben, durch besondere Neu- oder Andersartigkeit glänzt auch die aktuelle Ausstellung von Sarah Szczesny (Jg. 1979) nicht. Im Gegenteil. Angesichts ihrer Schau drängt sich geradezu der Begriff von „klassischer“ Bildhauerei auf. Hier scheint es ganz und gar um Kunst als Ding, ums Werk in Form völlig eigenständiger Objekte zu gehen. Ohne große installative Koketterie stehen, liegen oder hängen da wirkungsvoll abstrakt verknappte wie auch höchst detailliert ausgearbeitete Skulpturen da. Bilden ein Tableau, das dank seiner gipsern-weißen Grundtönung, seiner deutlich ausgestellten Materialität und Handwerklichkeit sowie einer gewissen formalen Nähe zum Architektonischen relativ kohärent daherkommt. Ein Tableau, in dem – immer noch oder vielleicht schon wieder? – die etwas abgestandene Luft der 1950er-Jahre in Bewegung zu geraten scheint. Ein wenig wirkt diese Ausstellung, als würde Carlo Scarpas organisch-symbolgeladene Architektur als Ambiente für die assoziativen Skulptur-Fetische Cy Twomblys, mögliche formale Ahnen Sarah Szczesnys, entdeckt. Dennoch sind ihre Objekte weit davon entfernt, historische Referenzen aufzurufen, so etwas wie Türöffner in die Vergangenheit zu sein. Denn diese Skulpturen erfordern (und bestätigen sich darin als „Werke“ im traditionellsten Sinn), dass man sie zuallererst betrachtet, als Objekte an und für sich erfährt und in ihrer Qualität erschließt.

In mehreren Arbeitsschritten sind diese skulpturalen Dinger, Stelen und Wandstücke konstruiert. Ein Skelett aus Holzelementen, diversen An- und Einbauten kommt da zustande; es wird mit Leim, Leinwand und Gips behandelt, umkleidet, ja, überkleistert, wird zur spezifischen Oberfläche gestaltet, teils glatt, teils grindig verputzt oder farbig akzentuiert gefasst. Besonders frappant in ihrer Wirkung fallen die Wandstücke aus, Mixed Blessings etwa oder Savant (beide 2009). Deren Grundfläche will unter dem Druck der hineingestemmten, darin verkeilten Inserts aus kleinteilig zusammengesetztem Mauerwerk oder groben Betonkeilen buchstäblich bersten. Hier findet die gedrängte Anspannung, ganz so wie sie der Ausstellungstitel „Cabin Fever Press“ suggeriert, eine äußerst sinnfällige Entsprechung. Und dies ganz aus den Materialien, ganz aus der Form heraus. Denn selbst Szczesnys sehr ausgesuchte Titel führen von einer eindeutigen „Lesbarkeit“ ihrer Arbeiten eher weg.

Freilich – wie eingangs gesagt – wäre vollkommen berechtigt einzuwenden, dass das, was Szczesny da so selbstverständlich-souverän an Bildhauerkunst vorlegt, alles andere als neu ist. Nicht nur aufgrund von Stichworten wie 1950er-Jahre oder Twombly sind wir hier daran erinnert, dass Szczesnys technisch-formale Register bereits ziemlich gut eingeführt sind und zu notorisch ähnlichen Effekten führen. Zu einer Skulptur, die über Rhetoriken der Materialität und Machart auf Körperlichkeit bzw. Empfindung wirken will. Dem ist zu entgegnen: Nichts an diesen Arbeiten lässt auf einen nur rhetorischen Einsatz ihrer Mittel schließen. Nichts daran sieht nach der sentimentalen Beschwörung einer besseren Vergangenheit aus. Nichts weist darauf hin, dass es durch das Ausstellen von Handwerklichkeit und anderer authentizistischer Register um das bloße Aufrufen heroischer Vorbilder ginge – oder gar um nostalgische Rettungsversuche eines seit Längerem ins Hintertreffen geratenen Mediums und seines ikonografischen Vokabulars. Nein, die Intensität, die in „Cabin Fever Press“ herrscht, ist in jedem einzelnen Objekt schlicht und ergreifend nach besten Kräften verantwortet. Fast schon als Nebeneffekt wird dadurch eine Baustelle, das Terrain der klassischen Bildhauerei, revaluiert. Und damit – vor allem mit der direkt-rauen Art und Weise, mit der Sarah Szczesny daran anschließt – war momentan wirklich nicht zu rechnen. Prompt staunen wir dann doch.


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