Sandra Danicke: Kunst interessiert keine Sau.
Alexandra Wendorf, Wiebke Ollendorf, Julia Brodauf: Wie Künstler mit Social Networks bekannt werden.

Perlen vor die Säue

Michael Mayer
11. Mai 2011

Sandra Danicke: Kunst interessiert keine Sau. Belser Verlag, Stuttgart 2011. 88 Seiten. ISBN 978-3-7630-2571-8. EUR 12,95

Alexandra Wendorf, Wiebke Ollendorf, Julia Brodauf: Wie Künstler mit Social Networks bekannt werden. Im Internet richtig kommunizieren mit Facebook, YouTube, Twitter & Co. GKS – Fachverlag für den Kunstmarkt. Bad Honnef 2011. 95 Seiten. ISBN 978-3-9808298-8-5, EUR 24,80

Ein Museum für moderne Kunst mag nicht immer die Erwartungen erfüllen, die man in den Besuch seiner Sammlungen gesteckt hatte. Doch als Schauplatz einer Alltagsphänomenologie menschlicher Verlegenheiten ist es allemal ein trefflicher Ort. Wer etwa nicht recht weiß, was er bei der besinnlichen Betrachtung eines, sagen wir, nicht recht überzeugenden Artefakts tun soll, kann sich an der diskreten Beobachtung seiner Leidensgenossen schadlos halten. Da ist beispielsweise der Kennerblick, mit dessen Imitat oft männliche Besucher ihre Verwirrung zu kaschieren versuchen. Mit dem Bügel der Designerbrille im Mundwinkel, mit leicht zurückgebeugtem Oberkörper mustert er das Corpus Delicti erst eingehend um anschließend forsch in Nahsicht die haarfeinen Pixel einer Schneelandschaft vor weißem Hintergrund zu studieren. Mit einem leisen „Aha“ auf den Lippen, den Kopf zur Seite geneigt, tritt der Mann dann wieder drei Schritte zurück und signalisiert in steifer Pose zumindest der Außenwelt ein klares ästhetisches Bewusstsein vom Sinn und Zweck der Arbeit.

Natürlich gehören auch abschätzige Bemerkungen oder eine demonstrativ aufgesetzte Empörung zu diesem Setting menschlicher Reaktionsmuster angesichts einer Kunst, die sich oft hartnäckig weigert, auch nur den kleinsten Fingerzeig ihrer Deutbarkeit zu geben. Was soll das Ganze? Und interessiert das überhaupt jemanden?

„Kunst interessiert keine Sau.“ Sandra Danickes schmissiger Titel mutet den Ratlosen unter den Laien wie ein Befreiungsschlag an. Indes macht der Buchrücken aus flapsiger Parole alsbald eine Frage: „... oder doch?“ Immerhin gehört zur Stärke des schmalen Bändchens, dass es das Know-how der Insider vorab außen vor lässt und die Zweifel ernst nimmt, die zu äußern sich nur wenige trauen. Die Autorin, promovierte Kunsthistorikerin und freie Mitarbeiterin einschlägiger Organe, demonstriert anhand von zwanzig Fallbeispielen – von Joseph Beuys, Katharina Grosse und Duane Hanson über Yves Klein, Thomas Rentmeister, Cy Twombly u.a. - einen angenehm unverkrampften Zugang zu Werken, die den zweiten Blick auch dann lohnen, wenn einem auf dem erstem dazu nichts einfallen will.

Bei Martin Creeds Work No. 88: A Sheet of Paper Crumpled into a Ball von 1995, zu sehen in der Staatsgalerie Stuttgart, verweist sie etwa auf die „raffinierten Faltungen und Verschattungen“ des Objekts, die dem entgehen, dem die überstürzte Frage nach dem Sinn alsbald die Sinne verschließt. Kaum anders verhält es sich mit einer Arbeit wie Animal Pyramid von Bruce Nauman (1989), die zuerst eher komisch, dann aber zunehmend bedrohlich wirkt. Die Anekdoten über den Entstehungszusammenhang und das künstlerische Selbstverständnis, die Danicke dazu liefert, sind keine bloßen Dreingaben, sondern Versuche, dem Betrachter die Scheu vor seiner eigenen Sprachlosigkeit zu nehmen. Denn offensichtlich ergeht es dem Künstler mit seiner Kunst oft nicht anders wie dem Betrachter selbst. „Ich weiß nicht, was ich sagen möchte, aber ich möchte etwas sagen“, so jedenfalls Creed. Sandra Danickes Ratgeber ist flott geschrieben, gut lesbar und doch seriös.

Eigens für Künstler, die sich in den Weiten des Web 2.0 professioneller etablieren wollen, haben Alexandra Wendorf, Wiebke Ollendorf und Julia Brodauf eine nützliche und didaktisch geradezu idiotensicher aufbereitete Anleitung geschrieben, die selbst dem PC-Muffel den Zugang zu Facebook, Youtube und Twitter erleichtern soll. Zweifellos wird kein Künstler mehr die rasante Entwicklung des Internet als Plattform für Marketing und Verkauf ignorieren können. Die Frage, ob und wie sich dabei eventuell auch die Inhalte künstlerischer Arbeit verändern, steht indes auf einem anderen Blatt. Bleibt allenfalls zu hoffen, dass die Kunst, die im Social Network angeboten werden soll, mehr einbringt als ein paar Klicks auf den Gefällt-mir-Button.


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