17. Dezember 2010
Wer einmal das Vergnügen hatte, Ulla und Heiner Pietzsch in deren Villa im Berliner Grunewald zu besuchen, der wird diese Erinnerung lange nicht los. Tief versunken in weichste 90er-Jahre-Sofas in ICE-Farben-Bezug nimmt der Gast von der Hausherrin selber hergestellte Leberwurstschnitten entgegen, während die Tiffanylampe auf schwarzem Lacktisch diskret Licht spendet. Noch fällt der Blick auf einen frisch abgestaubten Gummibaum, doch dann der Schock. Was als traute Gemütlichkeit begann, gleicht plötzlich einem Erweckungserlebnis. Erst einmal behaglich eingerichtet, wird der Gast der Schätze gewahr, die ihn umgeben. Petersburger Hängung ist kein Ausdruck für das, was ihm entgegenstrahlt. Keine Wand, an der nicht gleich mehrere, einzigartige Meisterwerke prangten. Das ganze Haus ein Tempel für die Kunst. Sonstige Einrichtungsgegenstände im Untergeschoss des Hauses? Fehlanzeige! Wo auch soll Platz sein für ein Bücherregal, wenn der doch dringend für den nächsten Paul Delvaux, Francis Bacon, André Breton, Hans Arp, Salvador Dalí, Yves Tanguy oder Balthus benötigt wird? Hier die einzige Zeichnung von Frida Kahlo in deutschem Privatbesitz, dort eines der bedeutendsten Gemälde von René Magritte, an anderer Stelle wieder eine ganze Empore voller Werke aus allen Schaffensphasen von Max Ernst. Eines wird schnell klar: Hier müssen Besessene am Werk sein. Besessene mit Adlerauge.
„Die Schärfe des Blicks und des Geschmacks“ von Ulla und Heiner Pietzsch lobte 2005 schon Thomas Krens, damals noch Direktor der Solomon R. Guggenheim Foundation. Eine Ausstellung mit dem Titel „Affinities“ richtete die Peggy Guggenheim Collection im Sommer desselben Jahres dem Sammlerehepaar in Venedig aus. Dazu ein großes Geburtstagsfest zu Ehren des Sammlers auf der Dachterrasse des Museums, Sonnenuntergang über dem Canal Grande inklusive. Ein Schelm wer Böses dabei dachte. Neben dem verblüffenden Vergleich der Sammlung Peggy Guggenheim mit denen der Pietzschs - eine Gegenüberstellung der europäischen Surrealisten den Abstrakten Expressionisten - spielte damals mit Sicherheit auch der Wunsch der Peggy Guggenheim Collection eine Rolle, die eigenen Bestände eines Tages eventuell durch die wunderbaren Bilder der Sammler bereichern zu können.
Kein Wunder! Denn derart delikate, wirklich durchdacht konzeptuelle Sammlungen wecken natürlich Begehrlichkeiten. Zuvor hatte schon die Stadt Dresden versucht, Ulla und Heiner Pietzsch mit einer Präsentation ihrer Sammlung an keinem geringeren Ort als dem Dresdner Schloss als Mäzene zu gewinnen. Dresden, der Geburtsort von Heiner Pietzsch – prädestiniert für ein Museum mit seinen Surrealisten und anderen modernen Meistern. Die Sammler nahmen die Präsentationsangebote gerne wahr. Eine kleine Drohgebärde in Richtung Berlin? Vielleicht. Ein wirksame auf jeden Fall: Ende 2009 richtete die Neue Nationalgalerie in Berlin den Sammlern endlich auch eine Ausstellung mit dem Titel „Bilderträume“ aus. Das wurde auch Zeit, denn in keiner anderen deutschen Stadt hätte man eine derartige Sammlung wohl so lange Jahre schlichtweg ignoriert. Der neue Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, ging schnellstens in die Charmeoffensive, schwärmte in einem Video zur Ausstellung von der Geschlossenheit der Sammlung Pietzsch und regte die Zuschauer dazu an, doch mal „über Träume zu reden“. Der eine, große Traum ist nun wahr geworden.
Ulla und Heiner Pietzsch haben „ihre Kinder“, wie sie die Werke selber nennen, verschenkt, und zwar an Berlin. Eine einzigartige Kunstsammlung von 150 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen der Klassischen Moderne, in fünfzig Jahren zusammengestellt, gehen laut unterzeichnetem Schenkungsvertrag nach dem Tode der Sammler an das Land.
Andere werden heute Trauer tragen. Zum Beispiel Dresden. Ulla Pietzsch ist zwar geborene Berlinerin, Heiner Pietzsch fühlte sich jedoch seiner Geburtsstadt Dresden stets verbunden, auch wenn er seit 1951 in Berlin lebt. Lange hat er damit geliebäugelt, die Sammlung seiner „Kulturstadt Dresden“ zu vermachen. Ihm ist die Entscheidung für Berlin offenbar schwerer gefallen – das sieht man ihm auch während der Pressekonferenz an. Ausschlaggebend für die Entscheidung, Berlin mit der Schenkung zu beehren, sei die „Nachdrücklichkeit“ gewesen, mit der die Neue Nationalgalerie an ihn herangetreten sei. Letzte Zweifel, ob die Berliner seine Kinder überhaupt würden schätzen können („nun kommt der Pietzsch och noch mit ‘ner Sammlung“) hätte die Zahl der 200.000 Ausstellungsbesucher aus dem Weg geräumt. Und Ulla Pietzsch ergänzt, dass sie die offene Begeisterung der Menschen für die Schau als den schönsten Lohn für das jahrzehntelange Sammeln empfunden habe.
Bleiben noch die Auflagen des Ganzen. Selten moderat sind die, jedenfalls verglichen mit den sonst üblichen Forderungen, die Sammler in für Museen zunehmend klammen Zeiten in den letzten Jahren gerne gestellt haben. Kein „Museum Pietzsch“ wird es geben, nicht mal einen „Pietzsch-Flügel“ in einem Ausstellungshaus, keinen plötzlichen Rückzug der Bilder nach 50 Jahren. „Wenn schon, denn schon. Die Sammlung ist ein Geschenk! Nur lasst sie bitte nicht im Archiv verschwinden“, so Heiner Pietzschs inständige Bitte.
Die Sammlung muss dem Vertrag entsprechend als Dauerleihgabe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Verfügung stehen und dort auch dauerhaft „in wesentlichen Teilen“ präsentiert werden, denn Ulla und Heiner Pietzsch finden „Sammler und Museen schrecklich, die ihre Bilder in den Safe stecken“. Wo und wie allerdings die Präsentation der Bilder von Statten gehen soll, steht noch in den Sternen. Von einem „Riesengeschenk und einer Riesenaufgabe“ spricht denn auch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Supermuseum soll her – allerdings ja schon seit längerer Zeit. Ein Bau, der die Bestände der Neuen Nationalgalerie, deren Gebäude längst zu klein geworden ist für die Darbietung der archivierten Schätze, mit denen der Sammlung Pietzsch kombiniert. Man setze alles daran, das „Museum des 20. Jahrhunderts“ zu realisieren, das Berlin so dringend benötige, um die Lücke zu schließen, die der Nationalsozialismus mit der Verbannung einer ganzen Kulturelite und deren Werken in die Sammlung gerissen habe. Die großzügige Geste der Sammler erhöhe den Druck. Oder in den Worten Heiner Pietzschs: „Wenn wir mit unserer Schenkung den Anreiz zum Bau des Museums gegeben haben, dann kann ich eines Tages zufrieden in die Kiste steigen!“.