Sammlung Pietzsch eröffnete in der Peggy Guggenheim Collection

Venezianische Wahlverwandschaft

Henrike von Spesshardt
13. Juni 2005
Die Augen von Heinz H. Pietzsch strahlen, als er endlich ein paar ruhige Minuten findet, um sich mit seinen aus Berlin angereisten Mitarbeitern zu unterhalten. „Was haben wir doch für schöne Bilder! Meine Frau und ich sind gerade durch die Räume gelaufen und ganz begeistert von der Hängung. Das wirkt hier ja alles noch viel besser als zu Hause.“ Und tatsächlich: Das Guggenheim Museum Venedig unter der Leitung von Philip Rylands hat dem Berliner Unternehmer zu seinem 75. Geburtstag eine ausgesprochen faszinierende und dabei geradezu liebevoll arrangierte Ausstellung ausgerichtet. Unter dem Titel Affinities: Works from the Ulla and Heiner Pietzsch Collection, Berlin können Besucherinnen und Besucher bis zum 18. September 2005 eine Auswahl an 43 exquisiten Gemälden und Papierarbeiten aus der Sammlung moderner Kunst des leidenschaftlichen Kunstconnaisseurs betrachten.

Heiner Pietzsch ist mit dem Rahmen der Ausstellung seiner Schätze zu Recht hochzufrieden. Denn was kann Auszeichnung mehr sein, als seine Kostbarkeiten im berühmten Palazzo Venier dei Leoni ausstellen zu dürfen, der ab 1949 Wirk- und Ausstellungsstätte der legendären Mäzenin und Kunstsammlerin Peggy Guggenheim war. Und damit nicht genug. Die Kuratoren Susan Davidson und Luca Massimo Barbero stellen die Werke des Ehepaares Pietzsch – so verrät bereits das dem Ausstellungstitel zugefügte „Affinities“ – unmittelbar Teilen der Sammlung der unsterblichen Peggy Guggenheim gegenüber. Diese erlebt am Tag der Eröffnung ihre postmortale Ehrung nicht nur in den vergeblichen Sonnenbrillenbemühungen einiger Besucherinnen. Vielmehr zeigt sich in den für die Ausstellung ausgewählten Werken einmal mehr und sehr deutlich, welche Rolle der exzentrischen Dame bei der Vermittlung zwischen der europäischen und der New Yorker Avantgarde in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zukommt. Als das Ehepaar Pietzsch in den 1960er Jahren vorausschauend begann, Arbeiten europäischer Surrealisten und amerikanischer Abstrakter Realisten zu sammeln, hatte Peggy Guggenheim bereits maßgeblich zu deren Etablierung beigetragen; beispielsweise als Förderin junger Künstler wie Jackson Pollock, Robert Motherwell und William Baziotes, von denen die Ausstellung bedeutende Werke aufweist.

Der Dialog zwischen den beiden Sammlungen gelingt denn auch hervorragend. In der Gegenüberstellung bestimmter Werke, etwa von Picasso, Hans Bellmer, André Breton, Matta und Picabia, ergeben sich nicht nur aufschlussreiche Blicke auf Weiter- oder Rückentwicklung im Oeuvre der Künstler. Mancherorts entstehen auch geistreiche, geradezu vergnügte Konstellationen. So wie beim fesselnden kleinformatigen Ölgemälde Two Women der Malerin Leonor Fini, dessen farbliche Brillanz eine Fotografie nicht in der Lage ist, wiederzugeben. Um die Bedeutung des Ölbildes, das 1939 entstand, ranken sich im Hause Pietzsch packende Spekulationen. Dort meint man, in den beiden Dargestellten das Selbstporträt Finis und die Wiedergabe von Leonora Carrington, einer der leidenschaftlichsten Lieben von Max Ernst, zu erkennen.

Gemeinsam mit Carrington hatte Ernst 1938 ein Haus in Südfrankreich erworben und zu einem heute bedauerlicherweise zum großen Teil zerstörten elysischen Künstleridyll umgebaut, in dem beide eine zeitlang einträchtig lebten und arbeiteten. Doch bereits zum Zeitpunkt der Entstehung des Ölbildes kriselte es im Lebensentwurf der Künstler. Als Ernst im September 1939 als „feindlicher Ausländer“ vom Vichy-Regime inhaftiert und später in das berüchtigte Lager Les Milles gesperrt wird, bricht die ohnehin empfindsame Carrington psychisch zusammen. Unter der heißblütigen Bewunderung seiner Person, die Max Ernst – ob willkürlich oder unwillkürlich – fortdauernd in anderen liebesentbrannten Frauen erzeugte, hatte sie zuvor ebenfalls gelitten.

Eine der Verehrerinnen des gegenüber Schmeicheleien nicht abgeneigten Künstlers war die blutjunge und begehrte Surrealistin Leonor Fini, die Ernst 1935 kennen lernte. In ihrem Gemälde Two Women schreitet sie in einem Wams von cäsarischer Farbe über einer harlekinischen Strumpfhose, mit brennenden Kerzen im Haar, auf einer dünnen Eisscholle in Richtung Wasserkante. Dabei wird sie argwöhnisch beobachtet: von der Carrington, in deren schwarzem Habitus sich die Trauer um den bald für immer einzubüssenden Mann bereits anzukündigen scheint. So jedenfalls lautet eine der spannenden Deutungen, die Ulla und Heiner Pietzsch für das wunderbare Gemälde bereithalten. Dass dieses nunmehr ausgerechnet im Palazzo derjenigen Dame hängt, die Carrington um die innige Zuneigung durch Max Ernst stets beneidete und die Finis Arbeiten in ihrer Biografie giftig als liebenswürdige Bagatelle bezeichnete, stellt einen beschwingten Streich der Ausstellungsmacher dar.

Zu allem Überfluss hat man Max Ernsts Gemälde für Junge Leute gleich auch noch in der Nähe der beiden Favoritinnen des Malers angebracht. Er schuf es im Sommer 1943, den er kurz nach seiner Trennung von Peggy Guggenheim mit seiner neuen Flamme Dorothea Tanning in Arizona verbrachte. Mit ihr sollte er bis zu seinem Tod 30 Jahre verheiratet sein. Annähernd solange also wie Ulla und Heiner Pietzsch, die seit über 40 Jahren einander zugetan sind. Dass sie schon so lange miteinander so gut können, liegt wohl auch an der gemeinsamen Liebe zur Kunst. Am Tag nach der Eröffnung der Ausstellung konnte man die beiden jedenfalls erneut beim Lustwandeln durch das Museum beobachten. Und die Besuchergruppe, aus deren Reihe eine Dame fragte „Wo und wann lebte denn dieser Sammler Pietzsch überhaupt?“ staunte nicht schlecht, als die Museumsführerin darauf antworten konnte: „Aber sehen sie nur, er steht doch dort hinten und betrachtet seine Bilder“.


Bescherung für Berlin von Henrike von Spesshardt
Die Eheleute Ulla und Heiner Pietzsch haben ihre Kinder, wie sie ihre einzigartige Kunstsammlung selber nennen, verschenkt. Der glückliche Gewinner ist: Berlin! Andere werden Trauer tragen. Zum Beispiel Dresden. Oder New York.


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