Sammler Jean-Pierre Lehmann verklagt Galerie auf 1 Million Dollar Schadensersatz

Geldspiele im Supreme Court

Walter Robinson
21. Januar 2005
Wäre man Zyniker, würde man sagen, dass es ein Galerist erst dann wirklich geschafft hat, wenn ein Sammler ihn auf 1 Million Dollar verklagt. In diesem Sinne hat es die New Yorker Galerie The Project geschafft. Sie wurde 1998 von Christian Haye in Harlem gegründet und zog vor kurzem in die 57. Straße - die renommierte Adresse für Galerien. Mit einer Leihgabe von 75.000,- US-Dollar unterstützte der Schweizer Sammler Jean-Pierre Lehman, dessen Frau Rachel Lehman Partner in der Lehman-Maupin Gallery ist, das Projekt. Die Geldleihe war mit einigen, sagen wir, ungewöhnlichen Konditionen verbunden, die zu einem Scheitern der Vereinbarung Anfang 2004 führten. Lehman reichte darauf hin eine Klage auf Schadensersatz über 1.140.000,- US-Dollar gegen The Project, Christian Haye und die Direktorin der Galerie, Jenny Liu, ein. Nach einem zweitägigen Verfahren in New York State Supreme Court befand die Richterin Ira Gammerman, dass Lehman seinen Beweis geführt hätte und beraumte eine letzte Anhörung für Mitte Februar an, um über die Höhe des Schadensersatzes zu befinden. Es sieht nicht gut aus für den einnehmenden jungen Galeristen.

Was war passiert? Die ursprüngliche Vereinbarung zwischen Lehmann und The Project sieht täuschend einfach aus. Als Kompensation für die geliehene Summe von 75.000,- US-Dollar, die im Februar 2001 gezahlt wurde, versprach Haye dem Sammler das Recht, als Erster aus allen Arbeiten der durch die Galerie vertretenen Künstler auszuwählen. Darüber hinaus wurde mit Lehmann ein Preisabschlag von 30 Prozent auf alle Kunstkäufe verabredet, bis die Summe aller Preisnachlässe 100.000,- US-Dollar erreicht haben würde. Als Lehman zum Beispiel im Jahr 2001 drei Videoarbeiten von Paul Pfeiffer kaufte, bezahlte er 30 Prozent weniger als den offiziellen Preis von 60.000,- US-Dollar, also nur 42.000,- US-Dollar. Damit „verbrauchte“ er 18.000,- US-Dollar seines 100.000-Dollar-Kredits. Jeder Kunsthändler müsste einen solchen Deal für extrem attraktiv halten: Das einzige, was der Händler zu tun hat, um einen 75.000-Dollar-Kredit zurück zu zahlen, ist, Kunst im Gesamtwert von 333.333,- US-Dollar an den Leihgeber zu verkaufen!

Nach Angaben des Sammlers ging es bei der Leihe hauptsächlich darum, den Zugang zu den Kunstwerken zu kaufen. Zwar sind große Preisnachlässe im heutigen starken Kunstmarkt ein wichtiges Thema, doch die Schwierigkeit ist, besonders im Falle von brandheißen Künstlern wie Julie Mehretu oder Paul Pfeiffer, überhaupt an substantielle Werke zu kommen. Die Wartelisten für diese Künstler sind oft lang. Top-Sammler und Museen drängeln sich und nur wenige sind so glücklich, die Trophäe mit nach Hause nehmen zu können.

Der Zwist zwischen Lehman und The Project begann dann auch tatsächlich über eine Arbeit von Mehretu, einer talentierten Zeichnerin, die - in Äthiopien geboren - riesige, arbeitsintensive Abstraktionen anfertigt. Ihre Kompositionen sind ausgefeilt und voll mit Anspielungen auf politische Aufstände in der Dritten Welt. Seit sie 1997 die Rhode Island School of Design abschloss, machte Mehretu eine bemerkenswerte Karriere. Nach einer Einzelausstellung im November 2001 bei The Project wurde ihr eine Ausstellung bei White Cube in London im Juli 2002 angeboten sowie eine Einzelausstellung im Walker Art Center vom 6. April – 10. August 2003. Ein großes Gemälde wurde auf der Whitney Biennale 2004 gezeigt und gegenwärtig ist sie an der Carnegie International beteiligt. Der Kunstmarkt belohnte ihren Aufstieg: Ein Gemälde im Format 160 x 230 cm kostete Anfang 2001 in der Galerie 20.000,- US-Dollar. Heute wäre es 87.500,- US-Dollar wert - was eine Preissteigerung von mehr als 400 Prozent innerhalb von vier Jahren bedeutet!

Lehman behauptet, dass er versuchte, Arbeiten von Mehretu zu erwerben – aber trotz der Vereinbarung war The Project für fast zwei Jahre, vom Februar 2001 bis zum Ende 2003, nicht in der Lage, ihn zu bedenken. Mit einer Ausnahme jedoch: Während der Armory Show im Februar 2003 wurde Lehman ein kleines Gemälde im Format 81 x 137 cm angeboten, dass er für 17.500,- US-Dollar (ursprünglich 25.000,- US-Dollar) kaufte. Trotz seiner Schwierigkeiten mit The Project kaufte er insgesamt sechs Arbeiten von Pfeiffer und „verbrauchte“ damit alles in allem 82.500,- US-Dollar seines 100.00-Dollar-Kredits. Schwierig wurde es nach der Mehretu-Ausstellung im Walker Art Center im Frühjahr 2003, als Lehmann im Ausstellungskatalog entdeckte, dass die Galerie eine Reihe großer Bilder an andere Sammler verkauft hatte, die ihm niemals angeboten worden waren.

Im Dezember 2003 versuchte er noch verzweifelt die Galerie zu überzeugen, sein Recht der „ersten Ablehnung“ einzuhalten und forderte, dass der ihm noch zustehende Betrag von 17.500,- an ihn ausgezahlt werde. Nachdem Haye den Scheck überwiesen hatte, zeigte Lehman die Galerie wegen Vertragsbruchs an. Haye sagte, dass er den Vertag mit Lehman immer habe einhalten wollen. Der Sammler sei zu einer Preview der einzigen Einzelausstellung von Mehretu in der Galerie im November 2001 eingeladen gewesen, habe aber andere Pläne gehabt. Als er schließlich die Ausstellung sah, seien alle Kunstwerke bis auf eines schon verkauft gewesen. Er habe abgelehnt, das verbliebene zu erwerben. Alan Effron, der Anwalt von The Project, ließ verlauten, dass die Galerie den Eindruck gehabt hätte, Lehman sei nur an großen Arbeiten interessiert gewesen. „Er wollte ein sehr großes Kunstwerk“, sagte Haye zu artnet News auf den Stufen zum Gerichtsgebäude. „Mehretu hat aber nur drei oder vier gemacht und ich bat ihn, etwas Geduld zu haben.“ Ausserdem sei es, laut Effron, Bestandteil der Vereinbarung gewesen, dass neben Lehman noch vier weitere Personen das Recht der ersten Wahl auf Arbeiten der vertretenen Künstler hätten.

„Das ist eine wichtige Mehrdeutigkeit“, so Effron. „Die Vereinbarung warnt ausdrücklich davor, dass auch weitere Personen das Recht der ersten Wahl hätten.“ Nach Aussagen der Beklagten sind darunter Dennis Scholl, ein Sammler aus Miami, und Jeannie Greenberg Rohatyn, Galeristin aus New York. The Project betrachtete offensichtlich Verhandlungen mit Museen und anderen Galerien nicht als Gegenstand des Vertrages mit Lehman. Haye glaubt, dass der Prozess in Wahrheit dem Zweck dienen sollte, Lehman an die Spitze der Warteliste zu heben. Nach Aussage von Jenny Liu befinden sich gegenwärtig ca. 30 Personen auf dieser Liste. Im Zuge des Verfahrens war The Project gezwungen, Information über den Verkauf aller Mehretu-Arbeiten offen zu legen: das Verkaufsdatum, den Listenpreis und die tatsächliche Verkaufssumme.

Im Jahr 2001 verkaufte die Galerie Gemälde an Jeanne Greenberg Rohatyn (21.000,- US-Dollar), Michael Danoff (21.726,- US-Dollar), Jay Jopling (20.000,- US-Dollar), Marvin und Alice Kosmin (40.000,- US-Dollar), Thomas Dane (27.000,- US-Dollar) und Dimitri Daskolopoulos (51.000,- US-Dollar) sowie eine Reihe kleinerer Zeichnngen auf Mylar zwischen 2.000,- und 3.000,- US-Dollar. Desweiteren ein Gemälde durch Douglas Fogle an das Walker Art Center (18.000,- US-Dollar). Zum besseren Verständnis: Die meisten Kunden erhielten einen Rabatt von mindestens 10 Prozent. Jopling bekam 20 Prozent Preisnachlass, während die Kosmins den vollen Preis bezahlten. Die Arbeit von Daskolopoulos Retropistics: A Renegade Excavation ist mit 280 x 600 cm besonders groß.

Im Jahr 2002 verkaufte The Project Gemälde an Thomas Dane (35.468,- US-Dollar), Jenny Liu (8.147, 35 US-Dollar) und Jeanne Greenberg Rohatyn (43.452,- US-Dollar). Des Weiteren wurden ein Gemälde und zehn Zeichnungen en bloc an Jay Jopling von White Cube zu einem Discount von 40 Prozent verkauft. In 2003 dann kaufte Greenberg Rohatyn vier weitere kleine Bilder aus derselben Serie wie das Bild, das Lehman erwarb - für 12.500,- US-Dollar pro Stück, was einen Preisnachlass von 50 Prozent zum Listenpreis darstellt. Im selben Jahr wurden wichtige Arbeiten an das Walker Art Center verkauft (100.000,- US-Dollar, Listenpreis 120.000,- US-Dollar) und an Dennis und Debra Scholl (80.000,- US-Dollar), die den vollen Preis bezahlten. Zusätzlich verkaufte die Galerie das Gemälde Empirical Construction (2003) – es wurde auf der Istanbul Biennale 2003 und auf der Whitney Biennale 2004 gezeigt - schon Ende 2003 an das MoMA. So jedenfalls vermutet Lehmans Anwalt Peter R. Stern, auch wenn die Zahlung erst im Jahr 2004 gebucht wurde. Man muss außerdem wissen, dass The Project drei große Gemälde und acht Papierarbeiten, alle aus 2003, an die Galerie carlier | gebauer in Berlin schickte, für eine Ausstellung im Januar 2004.

Keine dieser Arbeiten wurde Lehman angeboten. Nach der Einschätzung von Stern verkaufte The Project 40 Arbeiten von Mehretu während der Laufdauer des Vertrages und nur eines wurde Lehman als Erstem angeboten. „Er versprach die Hälfte von Mehretus Produktion an Jeannie Greenberg, die Hälfte an White Cube, ein Drittel an den Berliner Galeristen Gebauer und das Recht der ersten Ablehnung an vier weitere Parteien…“, sagt Stern über Haye. „Für mich war das wie in dem Musical The Producers. Ich war wirklich versucht, ihn zu fragen, ob er Max Bialystock kenne.“ Das Ansehen Lehmans als Sammler ist übrigens beeindruckend – er ist das Gegenteil eines Kunstspekulanten. Während der Gerichtsverhandlung sagte er aus, dass er im Jahr 1 Million Dollar für Kunst ausgebe und dass er in den Jahren seiner Sammlertätigkeit insgesamt 1000 Kunstwerke zusammengetragen habe, von denen er ungefähr zehn wieder verkauft habe.

Das Verfahren in einem bescheidenen Gerichtssaal auf der Centre Street bestand zu großen Teilen aus einem Duell von Experten, die darum kämpften, den gegenwärtigen Marktwert der Werke Mehretus und damit die Höhe des Schadensersatzes zu bestimmen. Die Sachverständige Lehmans, Ann Cook, die 500,- US-Dollar pro Stunde für ihre Expertise berechnet, sagte aus, dass nach ihrer Sicht das Bild Dispersion - 250 x 400 cm, mit einem Listenpreis von 50.000,- US-Dollar, verkauft für 43.452,- US-Dollar an Jeannie Greenberg Rohatyn im September 2002 - heute 350.000,- US-Dollar wert sei, also ca. 38.000,- US-Dollar pro Quadratmeter. In ihrer Aussage zitierte Cook die artnet Price Database. Das Gemälde Ringside von 1999, ca. 200 x 230 cm groß, wurde auf einer Off-Season-Auktion bei Christie’s New York am 23. September 2003 für 74.900,- US-Dollar inklusive Aufpreis, also deutlich über dem Schätzpreis von 20 – 30.000,- US-Dollar, versteigert.

Kann Kunst nach Quadratmeterpreisen verkauft werden wie Teppich? In seiner Zeugenaussage erklärte Haye, dass die Galerie Mehretus Preise gegenwärtig nach folgender Formel festsetze: Für Arbeiten größer als 10 Quadratmeter kostet der Quadratmeter 10.000,- US-Dollar. Arbeiten zwischen fünf und 10 Quadratmetern kosten 15.000,- US-Dollar pro Quadratmeter und Werke kleiner als fünf Quadratmeter kosten 25.000,- US-Dollar pro Quadratmeter, mindestens jedoch immer 25.000,- US-Dollar. Nach der Rechnung der Galerie würde das Gemälde Dispersion also heute 135.000,- US-Dollar wert sein. Haye setzt die Wertsteigerung von Mehretus Arbeiten über die letzten drei Jahre bei 100 Prozent an. Auf dem Zeugenstand war auch Stefania Bortolani. Früher eine Direktorin der Gagosian Galerie, eröffnet sie demnächst ihre eigene Galerie in Chelsea. Bortolani sagte für den Galeristen Haye aus und schätzte das Gemälde Dispersion deutlich niedriger ein als Cook, aber immer noch auf 180.000,- US-Dollar.

Die letzte Zeugin war die Künstlerin selber, die in Begleitung ihrer Lebensgefährtin Jessica Rankin - eine weitere Künstlerin von The Project - im Gerichtssaal erschien. Mehretu sprach ungerührt, mit leiser Stimme und war nur kurz auf dem Zeugenstand. Sie schätzte den Wert ihrer Arbeiten von allen am niedrigsten ein. Sie glaubte, dass Dispersion gegenwärtig 100.000,- US-Dollar wert sein. Als der Richter nach ihrer Reaktion zu den hohen Preisen, die ihre Arbeiten erzielten, fragte, antwortete sie knapp: „Ich war überrascht.“ Mehretu sagte außerdem aus, dass sie keinen Vertrag habe, der sie an die Galerie binden würde, und auch nichts von der Verabredung zwischen der Galerie und Lehman gewusst habe. So auch nicht von deren Streit – bis die Vorladung zum Gerichtsverfahren gekommen sei.

Zum Ende der zweitägigen Sitzungen belehrte Richterin Gammerman beide Parteien, forderte sie auf, Memos bezüglich der Schadenshöhe anzufertingen und vertagte das Gericht bis zum 16. Februar 2005. Stern sprach mit artnet News und erwartet einen Schiedsspruch, der im günstigsten Falle The Project zu einer Schadensersatzzahlung von immer noch 800.000,- US-Dollar verurteilen würde. Effron dagegen glaubt, dass die Summe deutlich niedriger ausfallen werde. Haye steht auf dem Standpunkt, dass sich während des Verfahrens klar gezeigt habe, dass eine Galerie sich zu allererst um die Interessen der Künstler kümmern müsse. Dabei sei es eine Priorität, an Museen zu verkaufen und Ausstellungen zu arrangieren, um die Karriere der Künstler zu befördern. „Das Verfahren war ein Instrument, um eine kleine, junge Galerie zu zwingen, einem Sammler das Objekt der Begierde zu verschaffen“, sagte Effron. Haye hat sich energisch gegen die vorgebrachten Ansprüche des Sammlers Lehman gewehrt. Dennoch sieht es so aus, als ob er demnächst die Schadensersatzzahlungen als zusätzliche Geschäftsausgaben verbuchen muss. Natürlich können beide Parteien, sollten sie sich durch die Gerichtsentscheidung zu sehr inkommodiert fühlen, immer noch die nächsthöhere Instanz anrufen.

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