11. Juli 2005
Das Szenario könnte aus einer Folge der Science-Fiction-Serie „Time tunnel“ aus den 1960er Jahren stammen: Man betritt ein venezianisches Handelslagerhaus aus dem 16. Jahrhundert, kommt aber in einem Hongkonger Teehaus im 21. Jahrhundert an. Innen vollkommen mit Plastikplanen in Blau, Rot und Weiß ausgeschlagen, wie sie sonst Hongkongs Baustellen von der Außenwelt abschirmen, und mit blau-weißen Laternen bestückt, hängt dem Raum vor der in warme Braun- und Ockertöne getauchten venezianischen Kulisse eine artifizielle Sterilität an. Das Teehausambiente ist Surrogat einer untergegangenen Kultur; statt dampfendem Lapsang Suochong füllen die Tassen auf den acht Tischchen Zeitungspapierschnipsel. Eine stumme Asiatin sitzt allein am hinteren Ende des langen Raumes und klimpert versunken auf der Tastatur ihres Laptops.
Investigation of a journey to the west by micro + polo nennt die Kuratorin Sabrina M.Y. Fung Hongkongs Beitrag zur 51. Biennale Venedig, zu der neben dem Teepavillon ein raumgroßes Holzmodell von Venedig gehört.
„Anothermountainman“ – so das Pseudonym des Hongkong-Chinesen Stanley Wong – will mit seiner Installation auf Marco Polos Reise nach China und dessen mythischen Reisebericht anspielen. Der venezianische Kaufmannssohn hatte in seinem Mittelalter-Bestseller Beschreibung der Welt schlicht die Essenz Chinas unterschlagen, das traditionelle Teehaus. Die Kraft der Inszenierung liegt aber vor allem darin, dass man den futuristisch-surrealen Eindruck selbst dann nicht los wird, wenn man selber ein Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts ist. Hier ist Kommunikation erstickt; die Installation lässt sich als Travestie lesen auf Traditionen, die im neoliberalen Wettbewerb zu hohlen Kulissen verkümmern. Auf einer andern Ebene ist sie die Reflexion auf eine postkoloniale Ära, in der – gemäss dem Theoretiker des Postkolonialismus Homi Bhaba – das dezentrierte, metropolitane Subjekt in einem dritten Raum, dem Zwischenreich einer vermischten Kultur, agiert. Die Frage stellte sich, wohin die – zugegeben mit leichter Hand inszenierte - Zukunftskepsis führt: Rückbesinnung auf lokale Tradition? Oder vorwärts, in den globalen Eintopf?
Auf solche Fragen ist man eingestimmt, wenn man an die zweite Installation herantritt. Aus einer den Raum füllenden Struktur aus Holz, auf Augenhöhe platziert und begehbar, sind braune Papiertüten hervorgestülpt, die Struktur lehnt sich an den Stadtplan von Venedig an, Kanäle und Brücken sind ersichtlich: In Chan Yuk-keungs Stadtmodell steht Venedig Kopf; die versinkende, auf Holz gebaute Lagunenstadt läuft förmlich aus. Von dem filigranen Werk geht ein sonderbarer Zauber aus. Sollte man es als Fingerzeig darauf verstehen, dass die Welt vielleicht doch nicht so beschaffen ist, wie sie sich der Westler in seinem Eurozentrismus zurecht gelegt hat? Sie steht, je nach Perspektive, Kopf.
Beide Erlebnisinstallationen verweisen darauf, dass sich der westliche Mensch im globalisierten Dorf nicht mehr wohlig in der Exotik einrichten kann wie einst der venezianische Kaufmann Marco Polo. Der „ferne Osten“ ist in der mikrotechnologischen Ära unter uns; wir und das „Andere“ treffen uns in einem hybriden Raum, in dem sich die Kulturen vermischen. Die „Erkundung einer Reise in den Westen“, die die beiden Hongkong-chinesischen Künstler betreiben, hat auf der Biennale Venedig – als mit ihren Nationenpavillons anachronistisches Herzstück des globalen Kunstbetriebs – einen klingenden Resonanzraum.
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