Ryoji Ikeda im Hamburger Bahnhof, Berlin

In der sanften Dezibel-Kapelle

Thomas Groetz
7. Februar 2012

Ryoji Ikeda: „db“ – Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin. Vom 28. Januar bis 9. April 2012

Sie hat sich im Hamburger Bahnhof fest etabliert: Die Veranstaltungsreihe „Musikwerke Bildender Künstler“. Lawrence Weiner, Stephen Prina, Hanne Darboven, Rodney Graham, Carsten Nicolai – sie alle haben hier seit 1999 unter der Kuratel der Initiative „Freunde Guter Musik“ Klangprojekte realisiert. Nun stellt sie Berlin den in Paris lebenden japanischen Klang- und Medienkünstler Ryoji Ikeda vor – und zeigt nicht nur, dass seine sound- und lichtbasierten Arbeiten durchaus einem musealen Rahmen standhalten, sondern sich sogar hier erst richtig entfalten.

Unter dem Titel „db“ hat Ikeda in zwei symmetrisch angelegten Räumen jeweils im Ost- und Westflügel eine Art Spiegelbild-Installation realisiert. Das Kürzel „db“, das auch für die akustische Maßeinheit Dezibel steht, bringt bereits in nuce eine Verklammerung zum Ausdruck, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen ausstrahlt.

Im Westflügel tritt der Besucher in einen komplett weißen Raum ein, an dessen Ende ein großer schwarzer Parabol-Lautsprecher aufragt. In Fußballstadien benutzt man so etwas als Schallquelle, um Sound nicht nur gleichmäßig auszusenden, sondern strahlförmig zu bündeln. Die Besucher des Museums durchbrechen nun beim Durchschreiten des Raumes diesen Sound-Strahl – die Akustik und eigene Wahrnehmung verzerrt sich.

Von feiner, beinahe halluzinatorischer Wirkung ist auch das intensive Weiss, das keine aseptische Krankenhaus-Atmosphäre erzeugt, sondern vielmehr eine Aura der entmaterialisierten Entrückung. Als Gegenpol dieses numinosen Phänomens befinden sich an den Längsseiten des Raumes jeweils fünf tiefschwarze, quadratische Bildfelder. Auf jedem davon wurden über eine Million winziger Zahlen in einem aufwendigen Pigmentdruck übereinander geschichtet. Dargestellt werden verschiedene irreduzible Zahlen – solche, die nicht aus kleinen, abgeschlossenen Einheiten bestehen, sondern sich unüberschaubar und unendlich ausdehnen: Wie etwa die Zahl π, deren Abfolge nach dem Komma ein fortlaufendes, irrationales, das heißt nicht wiederkehrendes Muster abgibt. Die strukturelle und materielle Dichte der Bildtafeln ist faszinierend und steht einer monochromen schwarzen Malerei in nichts nach. Ryoji Ikeda hat mit zeitgemäßen Mitteln eine Art Mark Rothko-Kapelle des 21. Jahrhunderts realisiert.

Sein Pendant dazu ist der schwarze Raum im Ostflügel. Hier hinein projiziert ein starker Scheinwerfer vom Eingang aus ein Bündel aus reinem weißem Licht. Dort, wo der Lichtkreis auf die gegenüberliegende Wand auftreffen würde, ist ein Loch geschnitten. Das Licht wird dahinter in einen weiteren Raum geleitet, der mysteriös erhellt ist. Der Besucher kann ähnlich wie im weißen Raum auch hier in den Strahl eintauchen und die Streuung der Teilchen beeinflussen. An den Längswänden befinden sich diesmal zehn helle Videoprojektionen, die Rechenvorgänge veranschaulichen. Verbunden mit einem Computer laufen in rasendem Tempo verschiedene Zahlenreihen ab. Diesmal sind es keine irreduziblen, sondern transzendente Zahlen.

Auch ohne mathematische Spezialkenntnisse erschließt sich Ryoji Ikedas „db“-Installation als ein vexierbildartiges, sowohl statisches als auch zeitbasiertes Kunstwerk, das weit davon entfernt ist, uns die Binsenweisheit verkaufen zu wollen, dass wir in einer Welt aus Bits und Bytes leben. Überhaupt ist Ikedas Interesse an Technologie zweitrangig. Wichtiger sind für ihn philosophische und existenzielle Gegebenheiten, aus denen er schließlich die Fragestellungen ableitet: Was ist Klang? Was ist Licht? Um sich dem anzunähern, verwendet er einfache, grundlegende Gestaltungsmittel, mit denen er ein paradoxes, verblüffendes Spannungsfeld inszeniert.

In dieser Hinsicht entspricht Ikeda dem Klischee einer typisch bipolaren japanischen Ästhetik: Äußerst verfeinerte, sensitive Mittel wechseln sich mit totaler Nüchternheit, roher Gewalt und unverblümtem Sex ab, wie man es im japanischen Film der letzten Jahre oder auch ganz einfach bei Nobuyoshi Araki sehen kann.

Ikeda allerdings gestattet den Blick ins Innere einer computerisierten Kultur und Gesellschaft. Die kalte, abstrakte Mechanizität von Apparaturen ist jedoch mit einer sich unendlich generierenden Bewegungsdynamik verbunden. Diese Dynamik wirkt beinahe kreatürlich oder organisch und deutet einen mysteriösen, evolutionären oder gar schöpferischen Prozess nicht nur an, sondern macht ihn auch erlebbar.


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