Rundgang Wiener Galerien

Der Sommer der feurigen Alten

Astrid Mania
21. Juli 2010

Im Sommer passiert bekanntlich nirgendwo viel. Wenn selbst Politiker in Urlaub fahren, darf auch der Kunstbetrieb die Zügel schleifen lassen. In Wien aber gönnen sich einige wenige Galerien in dieser Zeit Schmankerl-Projekte, die sie sich im Herbst oder Frühling – der Hochsaison des Kunstbetriebs – kaum zu zeigen trauten. Dazu gehört die Schau in der Georg Kargl BOX wo der Galerist mit Arbeiten des piktorialistischen Fotografen Heinrich Kühn (1866 – 1944) erneut der historischen Lichtbildnerei huldigt. Kühn, der mit unterschiedlichen fotografischen Verfahren experimentierte, suchte das technische Medium in Motiv und Ausdruck der Malerei anzunähern. Dicht an dicht hängen nun in dem kleinen, Camera-obscura-artigen Ausstellungsraum pittoreske Straßenszenen, Familienbilder, Portraits. Ein kleiner feiner Ausflug in die Kunstgeschichte.

Derart weit zurück reicht die Zeitreise bei Kerstin Engholm nicht, doch auch hier liegt ein wenig historische Patina über manch einem Werk. Zu sehen sind ausschließlich Arbeiten von in Österreich lebenden Künstlerinnen, viele aus der Hochzeit des Feminismus und aus der Töchter-Generation. Vielleicht ist es dem kuratorischen, vielleicht dem künstlerischen Blick geschuldet, dass in den überwiegend schwarz-weißen Werken derart viel Beklemmendes, Erstickendes zu sehen ist: sei es Birgit Jürgenssens Signet-Werk Ich möchte hier raus! (1976/2006), auf dem sie sich artig gekleidet gegen eine Glasscheibe drängt, sei es ein Werk aus Renate Bertlmanns Serie Häutungen (1974/2010), auf dem sie sich von einer Stoffschlange würgen lässt, seien es die Machtrepräsentationen aufspürenden Aufnahmen Eva Grubingers, die wie Bilder aus Gefängnissen anmuten. Insgesamt kommt die jüngere Generation deutlich stiller, und oft auch schwächer, daher – allerdings lassen sich Arbeiten wie Bertlmanns Messerschnullerhände (1981/2010) in ihrer Aggressivität auch schwer toppen. Dennoch, die alte Garde überzeugt mehr.

Andernorts hingegen wagt man nicht, den sommerlich gestimmten Besucher mit derart viel Inhaltlichkeit oder gar sozialen Konflikten zu belästigen. Bei Krinzinger, Krobath und Meyerkainer zieht man sich ganz hinter die malerische Oberfläche zurück. Bei Krinzinger, an der Seilerstätte, hat Secundino Hernández seinen ersten Einzelauftritt. Er bestreitet ihn mit Mischtechniken, die in der Art und Weise, wie er dort Figuren in ein Rahmengefüge setzt, arg an heitere Giacometti-Gemälde erinnern. Daneben stehen die Großformate von Ann-Kristin Hamm, überbordende Farb- und Formverschlingungen, die jedem generös ausgestatteten Sommerhaus zur Zierde gereichen würden. Auch Esther Stockers Raster-Konstruktionen in durchgängig Weiß-Schwarz oder Gelb-Schwarz beunruhigen allenfalls durch ihre geometrischen Unregelmäßigkeiten, während nebenan, bei Meyerkainer, Martina Steckholzer auf ihren Leinwänden alle Register des Abstrakten zieht: Hier vereinen sich Neo-Geo, Neo-Konstruktivismus, Neo-Tachismus und andere ungegenständliche Neos zu einem farbigen Bilderchor, der das Hohe Lied der sich selbst repräsentierenden Malerei singt.

Martin Janda setzt auf die konzentrierten Gemälde Jan Mertas, die mit ihrer Konfrontation verschiedener Repräsentationssysteme – Schrift, Abbild, malerisches Kürzel – immer auch das Versprechen auf einen verrätselten Sinn in sich tragen. Begleitet werden diese stoischen Zwitter von einer konzeptuellen Schau Donnelle Woolfords. Hinter dem Namen verbirgt sich Joe Scanlan, ebenfalls Künstler der Galerie, der sein fiktives Alter Ego von unterschiedlichen Schauspielerinnen verkörpern lässt und es mit allen gegenteiligen Eigenschaften seiner selbst ausgekleidet hat: Woolford ist eine junge Afroamerikanerin, deren Arbeit aktuell zu einem resteverwertenden Neo-Konstruktivismus aus hölzernen Reliefs tendiert, wobei sie hier wohl mit den „Abfallprodukten“ Scanlans gearbeitet hat. Wer mag, kann hierin eine Kritik an Rollenbildern und dominanten Strukturen im Kunstbetrieb sehen. Mit Fragen der Selbstinszenierung beschäftigt sich auch Anna Ceeh, die in ihrer Schau bei Charim der russischen Elektroszene huldigt: Sie zeigt Videos von DJ-Performances und in Vitrinen die Fetische der Clubszene – zumeist Schuhe und Fotos. Wenn man, wie die Autorin, die russischen Beats mag, kann man auch einer solch oberflächlichen Ausstellung etwas abgewinnen. Denn dass jede Szene, ob bildende Kunst oder Musik, ihre eigenen Codes, Gesetze und Rollenbilder kennt, wussten wir schon vorher. Allerdings kannten wir bisher nur wenig Kunst aus Russland, die einen so unverkrampften, hedonistischen Blick auf ein post-kommunistisches Land wirft.

Ernst und skulptural wird es dann noch einmal bei Grita Insam und Rosemarie Schwarzwälder. In ihrer Galerie nächst St. Stephan zeigt Christoph Weber abstrakte Betonskulpturen und Betonkratzungen, in die silhouettenhaft Momentaufnahmen von Szenen an der israelischen Mauer eingeritzt sind. Auch seine unter dem eigenen Gewicht kollabierte Betonwand, zitiert die Form des israelischen sogenannten Schutzwalls. Was aber hat Weber, der doch auch mit ungegenständlichen Skulpturen – wie er hier ebenfalls beweist – allein durch das Material und dessen Behandlung Spannungszustände und Brüchigkeiten erzeugen kann, zu einer solchen Übercodierung von Material und Thema getrieben? Sehr viel subtiler geht da sein Kollege bei Grita Insam vor. Peter Sandbichler flirtet auch mit aktueller politischer Brisanz, wenn er das Konterfei Roberto Savianos – dem Autor von „Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra“ – anamorphotisch aus schwarz bemalten Holzlatten hervortreten lässt. Fraglich ist, warum eine solche Referenz überhaupt ins Werk geholt werden muss, wenn es hier doch angeblich um Fragen von Abbildhaftigkeit und Wahrnehmung geht. Dafür beschränkt sich Sandbichler sonst auf lapidare Modulkonstruktionen aus Pappe, auf Skulpturen, die allein von Zug- und Druckkraft gehalten werden – eine Anspielungen auf die Konstruktionen Buckminster Fullers – oder auf weiß lackierte Abgüsse von Pappkartons, die auch als Möbel fungieren können und den Betrachter, der fragile Kartons erwartet, mit der Härte von Sewacryl foppen. Irgendwie ist das charmant und funktioniert mit seiner Mischung aus architektonischen Referenzen, Materialverliebtheit und einer Portion Schabernack an einem heißen Sommertag sehr gut.

Heinrich Kühn: „einmal KÜHN, immer KÜHN“ – Georg Kargl BOX, Wien. Vom 10. Juni bis 14. August 2010

Anna Artaker/Lilla Khoór, Renate Bertlmann, Marita Fraser, Eva Grubinger, Kathi Hofer, Birgit Jürgenssen, Tatiana Lecomte, Ulrike Lienbacher, Lone Haugaard Madsen, Lisa Ruyter, Patricia Reinhart, Eva Schlegel, Maja Vukoje, Astrid Wagner – Kerstin Engholm Galerie, Wien. Vom 29. Juni bis 7. Juli 2010

Ann-Kristin Hamm: „Distel“, Secundino Hernández: „Indigenismo“ – Galerie Krinzinger, Wien. Vom 15. Juli bis 13. August 2010

Esther Stocker – Galerie Krobath, Wien. Vom 30. April bis 31. Juli 2010

Martina Steckholzer – Galerie Meyerkainer, Wien. Vom 11. Juni bis 30. Juli 2010

Jan Merta, Donelle Woolford: „Wite Trash“ – Galerie Martin Janda, Wien. Vom 11. Juni bis 31. Juli 2010

Anna Ceeh: IMAGINARY ROOMS AND VIRTUAL TIME CAPSULES, 11 WEEKS OF TRANSMISSIONS – Galerie Charim, Wien. Vom 9. Juli bis 11. September 2010

Christoph Weber: „loose concrete“ – Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien. Vom 25. Jun bis 21. August 2010

Peter Sandbichler – Galerie Grita Insam, Wien. Vom 23. Juni bis 30. Juli 2010

 


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