13. September 2006
„Rundgang Kunst“, Spinnereigelände, Leipzig. 9. und 10. September 2006 Auch in diesem Herbst war der Leipziger Galerienrundgang ein Publikumsmagnet. Wie nicht anders zu erwarten, manifestierte sich das insbesondere in den Räumen der Galerie Eigen & Art. Judy Lybke – der seit längerem prophezeit, die Skulptur werde die Malerei nun bald an Attraktivität überflügeln – wartete mit der Ausstellung von insgesamt elf neuen Gemälden Neo Rauchs auf. Bis zum 22. Dezember des Jahres sind sie unter dem Titel „Der Zeitraum“ zu bestaunen. Mit einer Ausnahme handelt es sich um die gewohnt großen Formate. Die meisten der riesigen Leinwände sind einmal in der Mitte geteilt und man fragt sich, ob das so ist, damit sie sich leichter abtransportieren lassen… Natürlich sind alle Werke zu Ausstellungsbeginn bereits verkauft – hier wird richtig Geld verdient. Abgesehen davon stehen die großformatigen Gemälde den hohen, hellen Räume der Galerie gut.
Thematisch herrschen in diesen neuen Arbeiten Rauchs Gewalt und Krieg vor, als neue Farbe taucht ein grelles Pink in manchen von ihnen auf. Auffallend ist, dass sich das Alter Ego des Künstlers oft in Bedrängnis zeigt. In Das Blaue wird er von einer Kapitänsfigur gewaltsam auf eine Mülltonne niedergedrückt, während in der rechten Bildhälfte in einer Art Sprechblase sich mehrere Figuren daran machen, kleine Skulpturen auf hohen Sockeln zu enthüllen. Das kleinste Format mit dem Titel Ungeheuer, sehr präzise im Farbauftrag und in fast altmeisterlicher Manier gemalt, zeigt die Alter-Ego-Figur von Fliegen umschwirrt.
Malerei ist auch bei Pierogi in der Gallery 1 zu sehen. Bei den interessanteren Stücken des aus Kanada stammenden Graham Gillmore handelt es sich um zwei große Formate auf denen er jeweils altes, von seinem Vater zurückgelassenes Buchungspapier mit eigenem Text überzogen hat. Aus der chaotischen, bunten Überschreibung der fein säuberlich beschriebenen Buchungsblätter ergibt sich ein spannungsvoller Kontrast. Neben den Gemälden Graham Gillmores werden Arbeiten von Tavares Strachan, Jonathan Schipper und Marit Neeb präsentiert, im Videoraum sind zwei kurze Zeichentrickfilme von Elise Florenty zu sehen. Bevor man den schönen Raum wieder verlässt, laden am Eingang die „Flat Files“ zum stöbern ein – eine Besonderheit der Galerie, bei der sich in schweren Planschränken so manches gute Stück zu erschwinglichem Preis finden lässt.
Wieder gibt es Neuzugänge auf dem Gelände: Direkt neben Eigen & Art und auf Betreiben Judy Lybkes nutzt vorübergehend der Ableger der Londoner Galerie Fred einen kleinen Projektraum und präsentiert sich zur Eröffnung mit recht schwülstig anmutenden Gemälden von Philip Jones. Wo vormals André Kermer angesiedelt war, nutzt inzwischen trotz eines Aufnahmestopps für deutsche Galeristen auf dem Gelände der Spinnerei die Galerie Filipp Rosbach den Raum. Sie wird von Josef Filipp, der acht Jahre lang künstlerischer Leiter des Leipziger Kunstvereins war, und seiner Tochter Michaela Rosbach geführt. Künftig möchte die Galerie mit circa 15 deutschen Künstlern zusammenarbeiten, viele davon kennt Filipp aus seiner Zeit am Leipziger Kunstverein. Wichtig ist den beiden ein regionaler Bezug und die Repräsentation von Künstlern, die in Leipzig studiert haben. Zur Eröffnungsausstellung, die mit „Grand Ouvert“ überschrieben ist, purzelt einem gleich am Eingang ein von Andreas Grahl gestaltetes, riesiges Küken aus einem grellgelben Überraschungsei entgegen. Grahl ist allerdings nur Gast während der Eröffnungssaustellung, er wird von Amerika in Berlin vertreten. Im letzten Kabinett des durch drei neu eingezogene Trennwände effektvoll gestaffelten Raumes präsentiert die als Gruppenschau konzipierte Ausstellung beispielsweise Arbeiten von Sabine Dehnel und Thomas Steinert sowie dokumentarische Fotografien von Helfried Strauß, die er in den 1970er Jahren in Russland und Sachsen aufgenommen hat. Sie zeigen eine ländliche, längst vergangene Idylle. Gemütlich schläft hier ein Huhn auf den ausgestreckten Beinen einer auf zwei Stühlen ruhenden Bäuerin.
Der Griff nach den Sternen bei mærzgalerie führt das Publikum schnell an die Grenzen. Für die aktuelle Ausstellung hat die Fotografin Esperanza Spierling Sternenhimmel in verschiedenen Planetarien aufgenommen. Wer sich sehnsuchtsvoll im tiefen Blau der Aufnahmen verliert, stolpert mit den Augen plötzlich über die feinen Linien einer Planetariumskuppel oder den Schatten eines Projektionsgerätes. Stärker überzeugen die etwas älteren Arbeiten der Künstlerin, für die sie leere Museumsräume fotografiert hat. Eine dieser Aufnahmen ist im Büro der Galerie zu sehen.
Großformatige Holzschnitte auf Papier von Katsutoshi Yuasa zeigt D. Arne Linde von ASPN unter dem Titel „Floating World“. Die nach fotografischen Vorlagen in sehr aufwändiger Handarbeit hergestellten Drucke hängen ohne Rahmen direkt an den Wänden des Galerieraumes und entfalten durch das von der Maserung des Druckstocks überlagerte Claire-Obscure, das die Motive charakterisiert, einen ganz besonderen Reiz. Der Künstler greift auf eine Jahrhunderte alte japanische Tradition zurück, hat seine Technik in Europa verfeinert und reflektiert sie über das technisch reproduzierbare Medium der Fotografie. Es ist seine erste Einzelausstellung in Europa und die Galeristin ist vom regen Interesse an den Arbeiten während des Rundgangs überrascht, wie sie im Gespräch erzählt. Auf der Preview in Berlin Ende des Monats wird sie ebenfalls Arbeiten des 1978 in Tokio geborenen Künstlers zeigen.
Nebenan bei Dogenhaus liegt ein beeindruckendes Ungetüm aus orangefarbenen Saftkisten, das vom Set eines Science-Fiction-Films abgefallen sein könnte. Die ovale Röhre von Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt, die im Inneren mit Polstern ausgestattet ist und das ältere Publikum zum Verweilen, das jüngere zum herumtollen einlädt, kann in dem für solche Ausmaße viel zu kleinen Ausstellungsraum ihre Wirkung leider nicht entfalten.
Ziemlich platt kommt bei Galerie b2 die Kombination gestrickter Autorennstrecken mit in rotem Lack auf Aluminiumplatten abstrakt aufgezeichneten Stillprotokollen von Bea Meyer daher – einer Künstlerin, die aus der einstigen legendären Produzentengalerie „Liga“ stammt. Das traditionell weiblich konnotierte Handarbeitsverfahren wird hier mit den „Umrissen“ eines ausschließlich von Männern dominierten Sports zusammengestrickt. Als Malgrund für die Stillprotokolle dienen die in ihrer Materialität vollkommen kalten Aluminiumplatten. Die rote Farbe des Lacks und auch das Aluminium selbst verweisen wiederum zurück auf den Rennsport.
Auf dem Weg zurück in die Stadt steht noch ein Besuch der Galerie für zeitgenössische Kunst auf dem Programm. Unter dem Thema Architektur bzw. Urbanismus sind hier im Neubau Positionen von Dorit Margreiter und dem Büro für kognitiven Urbanismus, zu dem Andreas Spiegl, Christian Teckert und Karoline Streeruwitz gehören, zu sehen. Für diese Arbeiten muss man sich viel Zeit nehmen. Auf der Dachterrasse des Altbaus thront indessen in leuchtendem Grün das Hotel Everland, eine temporäre Aktion des Künstlerpaares Sabina Lang & Daniel Baumann, ursprünglich als Kunstprojekt für die Schweizer Expo.02 geschaffen. Im Kokon der schwebenden Behausung würde man sich nach dem anstrengenden Parcours gerne ganz exklusiv und bequem zurückziehen, die Minibar austrinken, am nächsten Tag die Handtücher mitgehen lassen – alles im Preis von 220,- Euro inbegriffen – und über das Internet ein paar E-Mails in die große weite Welt versenden, die einem von dort oben zur Abwechslung einmal zu Füßen liegt.