11. Juni 2010
„was draußen wartet“, 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst – KW Institute for Contemporary Art, Oranienplatz 17, Dresdener Straße 19, Kohlfurter Straße 1, Mehringdamm 28, Alte Nationalgalerie und im öffentlichen Stadtraum, Berlin. Vom 11. Juni bis 8. August 2010
Die Menschen sind ratlos. Unruhig, irritiert und gelangweilt stehen sie herum, mit ihren Kameras und Mikrofonen, Fotoapparaten und Notizblöcken. Es sind Journalisten, die von Neuigkeiten, Sensationen und Bildern leben. Jetzt aber müssen sie ohne Informationen und vor allem ohne Bilder auskommen. Denn im Prozess gegen „das Monster von Amstetten“, den Rentner Josef Fritzl, sind aus Zeugenschutzgründen keine Medienvertreter zugelassen. Also stehen sie alle vor der Tür des Landesgerichts Sankt Pölten und saugen begierig jede noch so kleine Kleinigkeit auf. Meistens aber warten sie, draußen, vor der Tür.
Hearing the Shape of a Drum heißt der Film, der dieses Szenario schildert. Er stammt von der französischen Künstlerin Marie Voignier und ist einer der gelungensten Beiträge auf dieser 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Er ist deshalb so gelungen, weil er in bester Dokumentarfilm-Manier still beobachtet und seinem Sujet Zeit lässt, sich zu entfalten – um am Ende die ganze Absurdität einer hohllaufenden Bildermaschine auf Entzug zu zeigen und sich in einer zweiten Schleife in den Maschinenraum medialer Wirklichkeitsproduktion zu begeben. Auf beinahe gespenstische Weise löst dieser Film das Motto der Kuratorin Kathrin Rhomberg ein, die unter dem Titel „was draußen wartet“ untersuchen will, wie sich Kunst zu einer irgendwie gearteten „Wirklichkeit“ und „Gegenwart“ in Beziehung setzen kann. „Was draußen wartet“, das ist in Voigniers Fall die Produktionsmacht der Massenmedien, auf die die Kunst immer interessiert, fasziniert und manchmal auch neidisch schaut. Weil sie, anders als die Kunst, „Wirklichkeit“ mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu generieren imstande ist.
Tatsächlich scheint diese Biennale nicht daran interessiert, theoretisch über die verschiedenen Formen von „Realität“, ihrer Produktion oder Aneignung, zu reflektieren. Der Umgang mit dem Begriff der „Realität“ ist eher pragmatisch. Er ist eine Setzung, um einen kuratorischen Ausgangspunkt zu markieren, von dem aus sich eine Ausstellung denken, in einen architektonischen und urbanen Raum einschreiben lässt. Und so ist es gerade diese nonchalante Ignoranz gegenüber zu Tode gewälzten und in ihrer Bräsigkeit nicht zu überbietenden ontologischen Problemen, die eine Konzentration auf die Werke selbst erlaubt. Hat man sein Unbehagen dem Thema „Wirklichkeit“ gegenüber erst einmal überwunden, dann eröffnet sich hier ein ungeahnter Spielraum für Kunst und Betrachter.
Beim Gang durch die Ausstellungsräume am Oranienplatz fällt dann auch sehr schnell auf, dass Rhomberg ihren Künstlern und deren Arbeiten in jeder Beziehung Platz gibt, sich zu entfalten. Da ist Raum für die brutal überdimensionierte „Garderobe“ von Roman Ondák ebenso wie für die riesigen, seltsamen und an Kinderzeichnungen erinnernden Hubschrauberzeichnungen von Sven-Åke Johansson, die sich bis in das Treppenhaus hinein erstrecken. Die Hängung und Konzentration auf einen Künstler ist hier sicher gelungen, allerdings fragt man sich an dieser Stelle bei aller konzeptuellen Offenheit der Ausstellung dann doch, ob der Realitätsbezug hier nicht etwas arg konstruiert ist. Und ob es eine gute Idee ist, Mohamed Bourouissas Mobiltelefon-Fotos aus dem Gefängnis so viel Platz einzuräumen, ist ebenso fraglich. Bei aller gesellschaftlichen Subversion wirkt ihre Message vom mit Billigtechnik aufgenommenen Gegenbild zur offiziellen Politik doch etwas abgegriffen – wie auch ihr medienkritisch angelegtes Ausstellen des digitalen Bildermachens selbst. Gleiches gilt für Nir Efrons Film Echos ein Stockwerk höher, der in guter selbstreflexiver Manier mit dem Pixelfleisch der Bilder spielt. Noch plakativer sind eigentlich nur die sich in purer Protestfolklore verlierenden Beiträge von Minerva Cuevas und Bernard Bazile. Schade, dass man erst ins KW Institute for Contemporary Art gehen muss, um einen gegenteiligen Ansatz zu sehen, Mark Boulos‘ All That Is Solid Melts Into Air. Boulos, der das Geschrei auf dem Börsenparkett den ritualisierten Drohgebärden der Bewohner des Nigerdeltas als zwei Seiten des Geschäfts mit Öl gegenüberstellt, hat eines begriffen: Wer echte Politik machen will, muss seine Signifikanten so weit entleeren, dass auch der letzte Hohlkopf sich damit identifizieren kann. Was als Kompliment gemeint ist.
Keine Frage, diese Ausstellung hat ihre Lücken und Löcher. Das wird gerade in der großzügigen Dehnung des Raums augenfällig, wodurch viele Arbeiten schlicht auf sich allein gestellt sind. Rhomberg entfaltet ein loses Geflecht und macht mal bessere, mal schlechtere Angebote. Damit lässt sie ihren Besucher mehr als einmal ziemlich hilflos zurück. An manchen Stellen aber zieht sie die kuratorischen Zügel an und rückt die richtigen Arbeiten plötzlich ganz dicht zusammen, wie die Videos von Ruti Sela & Maayan Amir und Avi Mograbi. Sela und Amir sind mit ihrer Kamera in den Nachtclubs von Tel Aviv unterwegs und überreden angetrunkene Menschen zum Klosex. Zwischen Beulen in der Hose, eindeutigen Angeboten und gleichgeschlechtlichen Zungenküssen blitzt auf verstörende Art immer wieder das Trauma des Nahostkonflikts durch, das Schießen auf Menschen, die existenzielle Bedrohung – aber auch die erhitzt-unangenehme Koppelung von Sexualität und Macht. Foucault lässt grüßen. Mograbi dagegen geht in guter aktivistischer Manier gleich mit Kamera bewaffnet zum Grenzstreifen und filmt die patrouillierenden Soldaten. Er gerät mit ihnen aneinander, er diskutiert, er fragt, er insistiert auf seinem Recht, Bilder zu machen. Zwei Wege, einmal nach innen, in die Psyche des Landes, einmal nach außen, an seine Grenzen. Beide Male aber ist es die Kamera selbst, die Handlungen provoziert, ist es das Bild, das sich selbst produziert. Hier funktioniert diese Biennale, in ihren Arbeiten, in ihrer Kombination, im Rhythmus, den sie sich gibt.
Und diesen dehnt sie weit in die Tiefe des Stadtraums aus. Neben Oranienplatz und Kunst-Werken, die insgesamt nur von sechs Künstlern bespielt werden, gibt es vier weitere Ausstellungsorte: Die Alte Nationalgalerie, wo die Anbindung an den Ausstellungsparcours durch Skizzen und Zeichnungen Adolph Menzels erprobt wird, ein Ladenlokal in der Dresdener Straße, wo ein Video von John Smith läuft, die Wohnung Danh Vos – der damit die vermeintliche Wirklichkeit seiner Künstlerexistenz ausstellt –, und ein Hinterhof am Kreuzberger Mehringdamm, weit ab vom Schuss beziehungsweise der dort bereits angesiedelten Kunstszene. Hier ist der Umgang mit Realität insofern schwierig, als man sich nicht im Schutzraum des Kunstbetriebs befindet, sondern im Ambiente „migrantisch authentischer“ Autolackierereien. Das Eindringen der Kunst in ihr eigentlich fremde Bereiche ist immer zwiespältig und mehr als problematisch. Wenn es Kathrin Rhomberg darauf anlegt, den Betrachter genau mit diesem Zwiespalt zu konfrontieren, ist ihr das sicher gelungen. Noch dazu wird hier neben einem völlig düsteren Labyrinth mit Skulpturen von Cameron Jamie ein ganzer Raum der amerikanischen Home-Video-Koryphäe George Kuchar gewidmet. Kuchar gilt selbst schon als reichlich außenseitermäßige Position, die hier, so könnte man es sehen, erneut an den Rand gedrängt wird. Auf der anderen Seite aber nimmt man sich nach dem langen Weg vielleicht eher Zeit, sich auf diese Unmengen unglaublich langsamer und beiläufiger Videos zu konzentrieren, in denen er sein Zuhause, seine Ausstellungseröffnungen oder sein Umfeld filmt und vor allem seine seltsamen „Unwetter-Touristen-Trips“ in die Tornado Alley in Oklahoma dokumentiert.
So funktioniert diese Ausstellung auf der Ebene des kuratorischen Handwerks, der Inszenierung ihrer Werke, recht gut. Die Abstände innerhalb der einzelnen Ausstellungsorte wie auch zwischen ihnen selbst sind so großzügig bemessen, dass genügend Raum zur Reflexion bleibt. Trotz eines – gefühlten – Schwerpunkts auf Video ist das gezeigte Material zu bewältigen, fühlt man sich an keiner Stelle überfordert. Im Gegenteil. Diese Biennale gesteht ihren Arbeiten wie ihren Besuchern eine Freiheit zu, die bei Ausstellungen dieser Größenordnung nicht selbstverständlich ist. Es gehört Mut zu einer solchen Reduktion, zu einer solchen Beschränkung auf insgesamt 43 Künstler – eine geradezu lächerliche Anzahl im Vergleich zu anderen Großevents. So aber kann sich Kathrin Rhomberg leisten, einzelne Positionen fast schon ein wenig retrospektiv zu zeigen. Diese Biennale hat gewiss ihre Probleme, in der Wahl ihres Oberthemas, bisweilen auch der Wahl ihrer Orte, aber ihr respektvoller Umgang mit den einzelnen Werken und damit auch dem Betrachter ist ihre große Stärke.