23. September 2008
Kein Zweifel ist möglich. Obwohl Peking immer noch die aktivste und rührigste Stadt der chinesischen Kunstszene ist, legt Schanghai deutlich zu. Der Grund dafür sind vor allem Ausstellungen der in den letzten Jahren durch Neubauten verstärkten Museumsszene. So treten in diesem Herbst die Privatmuseen
Duolun und
Zendai wie auch einzelne Galerien mit eindrucksvollen Einzelausstellungen hervor. Das
ShanghaiZendai Museumof Modern Art etwa hat dieses Jahr mit einer Serie von Retrospektiven von einheimischen Künstlern der Generation der 1960er Jahre begonnen. Retrospektiven solcher Art könnten einem westlichen Publikum als das gewöhnliche Tagesgeschäft eines Museums erscheinen – doch in China hat es sie bisher kaum gegeben. Fraglos aber sind sie notwendig, um gestandene Künstler einem breiten Publikum bekannt zu machen und im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern. Insofern sind sie Entwicklungsarbeit nicht nur für einen orientierungsbedürftigen Markt, sondern auch für den breiteren Kunstdiskurs. Zu diesem Zweck hat die akademische Direktorin
Binghui Huangfu erfolgreiche Künstler aus China ausgewählt, die nun jeweils eine mehrmonatige Einzelausstellung in dem nach Außen hin zwar recht unscheinbaren, innen jedoch sehr geräumigen Museum in Pudong erhalten.
Das Zendai Museum soll bis 2010 mit einem riesigen Zusatzareal um 20.000 Quadratmeter für klassische wie für Gegenwartskunst erweitert werden. Der Clou der Soloausstellungen ist, dass die Architektur nach den Bedürfnissen der jeweiligen Künstler sehr aufwendig verändert wird, so dass der Besucher sich immer wieder in einem anderen Gebäude zu befinden meint. Die Ausstellungsreihe begann im April mit Wang Jianwei, im Sommer bespielte Qiu Zhijie das Haus. Die aktuelle Ausstellung (bis 5. Oktober 2008) ist dem Pekinger Künstler Song Dong gewidmet, betreut von dem Kurator und Galeristen Leng Lin aus Peking. Auffallend ist die gezielt sparsame und treffsichere Einrichtung mit Werken aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Neben Videos der letzten 10 Jahre sind Fotografien und plastische Arbeiten ausgestellt. Sie geben zusammen mit dem Katalog einen sehr guten Einblick in das vielfältige Schaffen des auch international präsenten Künstlers.
Im Shanghai Duolun Museum of Modern Art im Nordosten der Stadt hat ein seit den späten 1980er Jahren in Frankreich und Deutschland lebender Künstler aus Guangzhou seine erste Einzelretrospektive: Yang Jiechang. Die Ausstellung wurde von Hou Hanru kuratiert, der ebenfalls mehrere Jahrzehnte in Paris wohnte und heute in Los Angeles tätig ist. Yang Jiechang bespielt alle drei Stockwerke des großen Museums. Er beeindruckt mit der riesigen Bandbreite von künstlerischen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: So ist Yang ein ausgewiesener Könner im Bereich der Kalligrafie und der klassischen Pinseltechnik, genauso beherrscht er jedoch Rauminstallationen und Videoscreenings. Mit seiner Position steht er außerhalb jeglicher Strömungen oder Gruppen – er ist eher ein Einzelgänger, auch wenn er sich seiner Heimat Guangzhou verbunden fühlt.
Hou Hanru stellt in seinem Text in dem sehr attraktiven Oeuvrekatalog mit Arbeiten seit den frühen 1980er Jahren die Fähigkeit Yangs heraus, verschiedene Einflüsse unterschiedlichster Kulturen aufzunehmen und zu verarbeiten. Drei unterschiedliche Werke beweisen das anschaulich: Der Videoloop Lohkchat zeigt eine Hand, die in kindlicher Manier ein Flugzeug hält und das Fahrgeräusch nachahmt. Hier wird das Fahrgeräusch mit einem tibetisch anmutenden Oberton erzeugt, der durch das ganze Museum hallt und noch in anderen Stockwerken zu hören ist. Die auf Seide gemalte Arbeit Liquid ist perfekt in chinesischem Stil gemalt und wirkt in ihrer Art verstörend klassisch. Daneben blinkt in Neonschrift der Satz Artist continue to try hard, 2007, was als Ironie auf den chinesischen Kunsthype gelten kann.
Auch außerhalb der Museen zeigt sich der Aufbruch. In der Galerienszene rund um die Moganshanstraße fällt besonders die Gruppenausstellung „Insomnia“(bis 28. September 2008) des Kunstzentrums BizArt auf. In einer Mischung aus aktuellen fotografischen Positionen ragen besonders die Arbeiten von Yang Fudong, Zhu Yu, Zheng Guogu und Kan Xuan hervor. Auch der deutsche Künstler Alexander Brandt ist vertreten. Der von dem Italiener Davide Quadrio zusammen mit dem chinesischen Künstler Xu Zhen vor 10 Jahren gegründete Experimentalraum hat sich zu einem der wichtigsten Aktivposten innerhalb der Schanghaier Kunstlandschaft gemausert, der mit viel Idealismus immer wieder neuen Input zu geben in der Lage ist.
Eine der beeindruckendsten Arbeiten des diesjährigen Herbstes kann man in der Shanghart Galleryvon Lorenz Helbling sehen (bis zum 7. Oktober): Neben einer ruhigen und gut gehängten Einzelpräsentation des Malers Zhang Enli trifft Yang Fudongs Videoinstallation East of Que Village, 2007, gedreht in Schwarzweiß und auf fünf Leinwände geworfen, wie ein Keulenschlag. Sie zeigt den Existenzkampf der Menschen auf dem Lande anhand von Beobachtungen in einem Dorf in Nordchina. Hunde wie Menschen leben am Existenzminimum und führen einen wie es scheint hoffnungslosen und traurigen Überlebenskampf. Der künstlerisch faszinierende, fast dokumentarische Film stellt die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens im heutigen China und nach den Erwartungen einer individuellen Existenz. Die Installation steht mit ihrer Sensibilität und künstlerischen Tiefe in krassem Gegensatz zu den oberflächlichen Pomp- und Glimmerproduktionen weiter Teile des gegenwärtigen chinesischen Kunstmarkts.
Letztere bilden den Hauptbestandteil der überquellenden Ausstellung „Butterfly Dream – Envisage II“des Shanghai Museum of Contemporary Art(MoCA), einem relativ neuen und attraktiven Privatmuseum im Park neben dem Shanghai Art Museum, in dem die Biennale stattfindet. Es ist erstaunlich, in welcher Masse, mit welchen Materialien und mit welchem Aufwand Kitsch und inhaltliche Leere produziert und ausgestellt werden können. Allerdings lassen sich sogar hier, unter allem Wust, ein paar spannende Arbeiten finden. So etwa die Installation des gerade aus Hongkong nach Europa übergesiedelten Fotografen Michael Wolf, The real toy story, 2003. In einen Raum, gebaut aus in China hergestellten Spielzeugen, sind die entlarvenden Fotos ihrer Herstellung und der dazugehörigen Arbeitsbedingungen eingebaut. Oder auch die feine Arbeit The Moment in Process vonZhang Jianjun, der sich mit traditionellem Pinsel und geistvoller Überlegung in Installationen und Performances Fragen der Historizität und des Vergehens zuwendet. Die gequälten Bonsais von Shen Shaomin und Xu BingsBook from the Ground, 2003, bestehend aus modernen Piktogrammen, bleiben ebenso im Gedächtnis, wiewohl letztere Arbeit nicht mehr die gleiche Wirkung zu entfalten vermag wie The book from the sky, ihr berühmtes Pendant aus den 1980er Jahren.
Schließlich erhalten in Schanghai zurzeit auch kleine Experimentalausstellungen von Newcomern eine Chance. In der gar nicht einfach zu findenden Ausstellung „Take your Time“ (bis 6. Oktober 2008) im Star Space nahe der Messe können junge Künstlerinnen und Künstler sich erproben. In diesem Herbst sind es vier Positionen von Kunststudenten des an der Hangzhouer Kunstakademie lehrenden Künstlers Qiu Zhijie, die den Besuch lohnen. Eine absolute Bereicherung der Schanghaier Non-Profit-Szene stellt das letztes Jahr gegründete KE Center for the Contemporary Arts mit der agilen und fließend chinesisch sprechenden Kuratorin Biljana Ciric dar. Die hochkarätige Ausstellung „Strategies from Within“ führt ein spannendes Spektrum hochkarätiger vietnamesischer und kambodschanischer Positionen, hauptsächlich Medienkunst vor. Sie bilden eine qualitätvolle und vor allem notwendige internationale Bereicherung der Schanghaier Kunstlandschaft, auf deren weiteres Programm man gespannt sein darf.
Das internationale englischsprachige Kunstmagazin „Yishu“ hat sein Septemberheft (Vol.7, No.5) Schanghai gewidmet.