14. Dezember 2010
Sie gehören zum Pflichtprogramm der Art Basel Miami Beach: Die Frühstücksempfänge bei den Rubells und bei Rosa und Carlos de la Cruz. Alle Jahre wieder laden sie dazu ein, ihre Privatmuseen zu besuchen, wo sie vor allem Neuerwerbungen präsentieren. Was jedoch auf den ersten Blick als mäzenatische Geste daherkommt, mit der die Offenheit gegenüber jüngsten Kunsttendenzen demonstriert werden soll, ist in Wahrheit ein Sammelsurium an Namen und Werken, das vor allem für eines steht, Beliebigkeit. In keiner der beiden weltberühmten Großsammlungen ist ein roter Faden, eine spezielle Leidenschaft, ein besonderes Interesse an Kunst erkennbar. Stattdessen werden Kunstwerke lieblos aus jedem Zusammenhang gerissen und ohne kuratorischen oder auch nur rein emotionalen Zusammenhang ausgestellt.
Immerhin – bei Rosa und Carlos de la Cruz versucht man, dem Chaos mittels einer Arbeit von Salvador Dalí Einhalt zu gebieten: ein Porträt der Mutter des Sammlers aus dem Jahre 1955. Dieser surrealistisch inspirierte Anker versinkt jedoch still und leise hinter der ersten Ecke im Erdgeschoss, während der Rest der Schau auseinanderdriftet. Hysterische Assemblagen von Isa Genzken treffen auf opulent-abstrakte Skulpturen von Rachel Harrison und eine kunterbunte Fensterwand von Ugo Rondinone. Zentral im Raum erhebt sich vor der Treppe David Altmejds affenartiger Kristallriese, gegenüber ragt eine Graffiti-Stele von Sterling Ruby in die Luft, hinter der eines seiner großformatigen Street-Art-Bilder hängt. Daneben reihen sich Ornament-Gemälde von Christopher Wool aneinander. Um die Ecke zeigt ein kleiner Raum Malerei, darunter zwei frühe Peter Doigs, ein Albert Oehlen, mehrere Sigmar Polkes. Spätestens an dieser Stelle hat der Besucher vergessen, dass das Ganze auf Dalì zurückzuführen sein soll – geschweige denn überhaupt zusammengehört. Im ersten Stock herrscht vor allem Copy-and-Paste-Ästhetik: Wade Guyton, Kelly Walker, Josh Smith, Nate Lowman bilden eine junge Generation, die vor allem das Zitieren von Zitaten beherrscht. Unter Berufung auf Andy Warhol und Richard Prince hat sie die Wände mit buntem Gepixel plakatiert: Unter anderem klebt ein warholesk-körniges Einschussloch an der Wand, das an Appropriation und Autoschrauberwitze erinnern will. Im Obergeschoss lagern schließlich museale Werke: Elegante, tragisch aufgeladene Glühbirnen des an Aids gestorbenen Felix Gonzalez-Torres, filigrane Papierschnittvorhänge von Jim Hodges sowie ein Extraraum mit Fotos von Körperkonturen der 1970-Jahre-Performerin Ana Mendieta, die bei einem Fenstersturz ums Leben kam. Auf einer Bilderwand zum Fenster hin hängt ein Interieur von Guillermo Kuitca. Zudem beherbergen alle Etagen kleine Projekträume, mit denen lokale Künstler unterstützt werden: Christy Gast, Karen Rifas und Carlos Rigau. Doch was genau, fragt man sich am Ende des Rundgangs, ist der kleinste gemeinsame Nenner dieser Werke? Dalì kann es nicht sein, ein Ahnenporträt auch nicht. Dominiert ein anderes Thema? Surrealismus vielleicht? Gibt es ein Faible für Video oder Malerei? Mitnichten. Verwirrt von so viel Pluralismus, der immerhin das Hauptphänomen des aktuellen Kunstbetriebs wiederspiegelt, begibt man sich auf den Weg zur Rubell Family Collection.
Hier tut sich zunächst ein kleiner, feiner Raum mit Werken auf, die Sohn Jason von seinem 13. bis 21. Lebensjahr erworben hat – 95 kleinformatige Werke, die wie ein Exzerpt aus Top-Kunst der Achtziger daherkommen: Porträts von Thomas Ruff, eine Stadtansicht von Thomas Struth, ein Swimming-Pool-Foto von Andreas Gursky, Häkelbilder von Rosemarie Trockel. Außerdem Collagen, Fotografien und Zeichnungen und von George Condo, Bruce Nauman, Philip Taaffe, Jenny Holzer, Cindy Sherman, Eric Fischl, Jiří Georg Dokoupil. Ein konzentrierter Überblick, bevor es durch den Dschungel der übrigen 27 Räume geht. Hier wird unter dem rätselhaften Titel „How soon is now“ die jüngste Kaufwut der Rubells demonstriert: Scharen lüsterner Knetfiguren in Nathalie Djurbergs Wandprojektionen dominieren den zentralen Bereich im Treppenhaus des oberen Stockwerks. Ein Auftakt für eine Ausstellung über Post-Pop-Feminismus oder über die Figur in der aktuellen Kunst? Kaum. Die umliegenden Räume werden von zufällig verstreuten Installationen bespielt, darunter Cady Nolands Dosenreihen in US-Farben, Psycho-Skulpturen von Mark Manders, Sarah Lucas und Pawel Althamer, George Condos clowneske Porträts, ein kühles Interieur von Wilhelm Sasnal, filigran Platziertes von Thea Djordjadze, abstrakt Skulpturales von Rachel Harrison, ein Video von Alex Hubbard, wilde Leinwandgesten von Cecily Brown. Darüber hinaus jede Menge progressive Ware potenzieller Newcomer namens Kaari Upson, Dianna Molzan, Tobias Madison, Analia Saban. Es scheint, als sei Akkumulation die einzige Strategie, um eines Tages eine Übersicht über das Beste von heute geben zu können – so wie es Jason Rubells Raum demonstriert.
Doch was ist die Intention der Sammler dahinter? Können sie sich bei solchen Mengen völlig unterschiedlicher Positionen tatsächlich mit den Werken und Künstlern auseinandersetzen? Mit welcher Geisteshaltung identifizieren sie sich? Was lässt sie kalt? Wieso kaufen sie in Boom-Zeiten Matthias Weischer und Tim Eitel und heute Kuratorenliebling Paul Chan? Worin liegt der Reiz der Massenware, in der zwar immer wieder Großartiges, jedoch vor allem viel Banales auftaucht, das auf den Trendwellen schwimmt? In Interviews äußern sich Don und Mera Rubell über ihr Tun meist genauso strategisch schwammig, wie es die Sammlung vermuten lässt.
Tatsache ist, dass die Rubells und de la Cruz Werke besitzen, von denen viele Museen nur träumen können. Sie gehören zu der kleinen Spezies an Sammlern, die zahlreiche vielversprechende sowie kunsthistorisch abgesicherte Arbeiten akquirieren, egal ob früh oder spät, also günstig oder für sechsstellige Beträge – für die sie allerdings oft enorme Rabatte erhalten. Galeristen sind auf sie angewiesen, da nur sie bereit sind, bestimmte Summen zu zahlen. Damit beherrschen sie jedoch unterschwellig die Preislatte und so auch den Markt. Der Verdacht drängt sich auf, dass unter dem Feigenblatt des Privatmuseums bei diesen Sammlern vor allem Macht und Investment zählen. Schließlich wecken ihre Ankäufe Begehrlichkeiten bei anderen Sammlern und sogar bei Museen. Oft werden dabei einzelne künstlerische Positionen lanciert, und sei es nur für kurze Zeit. Vielleicht ist genau das der Kick: Auch ohne roten Faden alle Fäden bei sich zusammenlaufen zu lassen.
Betrachtet man im Vergleich dazu einschlägige europäische Sammlungen, namentlich in Deutschland die von Christian Boros, Julia Stoschek, Ingvild Goetz oder Harald Falckenberg, wird deutlich, wie eine klar formulierte Leidenschaft und die intellektuelle Auseinandersetzung mit Kunst ernsthafte, konzentrierte Resultate hervorbringen können. Zwar mag auch der Fokus auf Video oder groteske Positionen strategisch erscheinen, um einen Akzent im privaten Sammlungswesen zu setzen. Und sicherlich herrscht auch hier eine seltsame Verquickung mit einigen Museen. Dennoch scheint der Umgang mit Kunst in einem klar definierten Kontext respektvoller. Eine Installation von Jason Rhoades in der Sammlung Falckenberg, die viele in der Haltung verwandte Künstler vereint, wirkt hier würdiger eingebettet als zwischen den Hamsterkäufen der Rubells. Selbst, wenn der Künstler dort Ohne Titel (Chandelier) (2004) zu Lebzeiten selbst anbrachte: Der Verkehr an Kunstwerken, der ständig um sie herum fließt, lässt diese Arbeit, wie so viele andere in der Sammlung, vollkommen nackt dastehen.