24. Juni 2010
Mit dem Timing ist es bekanntlich immer so eine Sache. Das gilt auch für Buchveröffentlichungen. Manchmal kann ein verspäteter Termin der exakt rechtzeitige sein. Manchmal aber ist zu spät auch einfach nur zu spät. So ist es schade, dass sich das für Herbst 2009 angekündigte Fundus-Bändchen mit der deutschen Erstübersetzung von Rosalind Krauss’ Klassiker „Das optische Unbewusste“ immer noch hinzieht. Auch, weil die bereits 2000 erschienene Übertragung ihrer zentralen Aufsatzsammlung „Die Originalität der Avantgarde und andere Mythen der Moderne“ (Philo Verlag) bereits vergriffen ist. Rosalind Krauss zählt zu den wichtigsten amerikanischen KunsthistorikerInnen und -kritikerInnen. Für das deutschsprachige Kunstpublikum könnte sie eine Vermittlerrolle zwischen der US-amerikanischen Kunst und hiesigen Traditionen spielen. Gerade die beiden im Original 1994 („The Optical Unconscious“) bzw. 1986 („The Originality of the Avant-Garde and Other Modernist Myths“) erschienenen Bücher wären zentral dafür, Krauss’ Standpunkt, ihre modernistisch geprägte, stark philosophisch motivierte Auffassung von Kunstgeschichte besser einzuschätzen.
Nun ist ihr gerade neuestes Buch erschienen, das von daher erst im englischen Original vorliegt. Doch dürfte nicht nur der deutschsprachige Leser einige Mühe haben, ohne solide Vorkenntnisse der angelsächsischen Kunstgeschichte – und der jahrzehntelang tonangebenden Diskussion um das Konzept des Modernismus –, Krauss’ aktuelle Aufsatzsammlung „Perpetual Inventory“ für sich produktiv zu machen. Zumal deren Titel ganz programmatisch zu verstehen ist. Die hier abgedruckten, und größtenteils bereits an anderer Stelle veröffentlichten Texte – Essays etwa zu Roland Barthes, Aufsätze und Katalogbeiträge zu Giovanni Anselmo, William Kentridge, Joan Miró oder Bruce Nauman und kurze kritische Vignetten etwa zu Sol LeWitt oder Sophie Calle – entstanden aus ganz unterschiedlichem Anlass und sind entsprechend sehr verschiedenen Charakters. So eignet sich dieses Buch weit besser dazu, bei Gelegenheit konsultiert, gleichsam sporadisch erkundet, als in einer Sitzung durchgelesen zu werden.
Sicher hilft der von Krauss strukturierend beigegebene Orientierungsfaden, der den voluminösen Band locker nach Interessensschwerpunkten gliedert, in vorgestellten Kurztexten zugleich Leitmotive des Krauss‘schen Denkens erläutert. Bereits das Cover – es zeigt ein 1969 entstandenes Porträtfoto von Rosalind Krauss an der Schreibmaschine und wird kokett mit einem Spruch des Modernismus-Ideologen Clement Greenberg erläutert: „Spare me smart Jewish girls with their typewriters“ – weist zudem auf einen biografisch eingefärbten Subtext hin. Er ermuntert förmlich dazu, diesen Sammelband auch formal zu begreifen: als spezifische Aufbereitungsweise von Text, als heterogene Möglichkeiten sprachlicher/theoretischer/methodischer Annäherungen an Kunst, als Capriccio über die Genese eines theoretischen Standpunkts.
Das heißt nicht, dass sich einzelne Texte nicht sehr gezielt auf Information hin lesen ließen, wie die elegante Einführung in das Werk William Kentridges oder Krauss’ Relektüre des Werks von Joan Miró. In solchen luziden Darstellungen, die souverän zwischen sorgfältiger Werkanalyse, methodischen Ausgriffen auf Fragen der Medialität oder dem Rekurs auf theoretische und psychologische vermitteln, lässt sich Krauss’ interpretatorischer Feinsinn erahnen. In ihrer wiederholten Einlassung mit dem Begriff des „Mediums“ und der generellen Frage nach der Rolle des Mediums, sozusagen als verbindlichem „Träger“ von Kunst, ahnen wir aber auch, dass ihr Projekt sehr viel weniger eine kritische (Anti-)Perspektive zum Greenberg‘schen Konzept des Modernismus entwickelt (der auf der Medienspezifität beharrte), als dass es ihm in zentralen Anliegen – gerade in der wiederkehrenden Frage nach dem Medium – vielmehr zutiefst verpflichtet ist.
In diesem Sinne lohnt es sich, Krauss’ historischen Aufsatz „Video: The Aesthetics of Narcissism“, 1976 erstmals erschienen und in „Perpetual Inventory“ prominent wiederveröffentlicht, ihrer Relektüre des Ansatzes von Marcel Broodthaers gegenüberzustellen. „’A Voyage on the North Sea.’ Art in the Age of the Post-Medium Condition“, erstmals 1999 veröffentlicht, liegt seit 2008 als Diaphanes-Bändchen in deutscher Übersetzung von Sabine Schulz vor. Die feingliedrig gebaute Untersuchung lokalisiert in Broodthaers’ Œuvre, das medienübergreifend zwischen Visualität und Sprachlichkeit jongliert, den Ursprung der von Krauss wenig geschätzten internationalen „Installationskunst“. Sie wertet diese als Symptom einer durch und durch kapitalisierten Welt, in der die Dinge und Zeichen beliebig, ja voll und ganz austauschbar geworden sind. Demgegenüber versucht sie ihren spezifischen Begriff des Mediums zu etablieren. Dieser lässt sich gerade nicht im Sinne einer vereinfachenden modernistischen Auffassung auf reine Dinghaftigkeit, sozusagen auf die Identität von Medium und Inhalt, reduzieren. Im Gegenteil wird er eher immateriell. Er will operativ offen und dennoch als Set künstlerischer Regeln verantwortet, verbindlich und nachvollziehbar bleiben – als Beispiel möge die „Fiktion“ dienen, die Krauss als Broodthaers’ eigentliches Medium diagnostiziert und den „technischen Trägern“, wie etwa Film, Diaschau, Künstlerbuch, Zeitungsannonce, Archiv, gegenüberstellt.
Sympathisch an diesem Ansatz ist, wie Krauss mit ihrem Begriff des Mediums Verbindlichkeit einklagt. Darin liegt der bemerkenswerte Versuch, die Theorien des Modernismus für das Heute nutzbar zu machen. Vor allem aber eröffnet Krauss einen aus historischer Perspektive erhellenden Einblick in die spezifischen Problemstellungen des US-amerikanischen Kunstdiskurses. Für alle, die so tief einsteigen wollen – aber auch nur für die –, gehört sie zur Pflichtlektüre.
Rosalind E. Krauss: „Perpetual Inventuory“, October Books, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 2010, 336 Seiten, Englisch, ISBN 978-0-262-013802, USD 29,95
Rosalind E. Krauss: „A voyage on the Noth Sea”: Broodthaers, das Postmediale, Diaphanes Zürich, Berlin 2008, 92 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-037-340035, EUR 14,95