Ronald S. Lauder ersteigert Kirchner-Gemälde bei Christie’s

Eine Berliner Strasse für New York

Anna Blume Huttenlauch
9. November 2006
Christie’s Impressionist and Modern Art Evening Sale”, New York, 8. November 2006

Nicht mehr als circa drei Minuten vergingen am gestrigen Abend zwischen dem Aufruf von Kirchners Berliner Straßenszene bei 12 Millionen US-Dollar bis hin zum Zuschlag des Auktionators bei 34 Millionen US-Dollar (Endpreis 38 Millionen US-Dollar). Die Köpfe der vielen eigens aus Berlin angereisten Beobachter reckten sich nicht schlecht nach der im Saal bietenden Daniella Luxembourg, die das frisch restituierte Gemälde für Ronald S. Lauders „Neue Galerie“ erstand. Dort wird es nun künftig Gustav Klimts „Goldener Adele“ Gesellschaft leisten. Erfreulich an dieser Erwerbung ist, dass das Meisterwerk auf diese Weise den Augen der Öffentlichkeit erhalten bleibt.

Wesentlich mehr Zeit nahm sich Christopher Burge, der Auktionator des Abends, für die vier Gemälde Gustav Klimts, die der Nichte von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer Anfang diesen Jahres von der Republik Österreich zurück erstattet worden waren. So stieg der letztendlich erfolgreiche Käufer des Porträts Adele Bloch-Bauer II erst nach sieben langen Minuten bei 74 Millionen US-Dollar in das Geschehen ein und erhielt das Werk schließlich mit einem Zuschlag bei 78,5 Millionen US-Dollar (Endpreis 88,9 Millionen US-Dollar). Das Gemälde belegt damit Platz 3 der Kunstpreis-Rekorde jemals. Insgesamt erreichten die vier Klimt-Gemälde 192,7 Millionen US-Dollar (inklusive Aufgelder). Man darf bezweifeln, dass der Wunsch der Erbin Maria Altmann, auch diese vier Meisterwerke öffentlich zugänglich zu halten, in Erfüllung gehen wird, denn alle vier Käufer – drei davon über Telefon – blieben bisher anonym. In einer nach Ende der Versteigerung verlesenen Erklärung ließ Maria Altmann jedoch ihre Freude über das neue Zuhause der Bilder und über „so viel Teilnahme an Geschichte“ zum Ausdruck bringen.

Der „Christie´s Impressionist and Modern Art Evening Sale“ – angekündigt als der „most valuable sale ever“ – setzte mit einem Gesamtergebnis von rund 491,5 Millionen US-Dollar einen neuen Rekord in der Geschichte des New Yorker Auktionshauses. Christopher Burge sprach von der „most extraordinary auction“ seines Lebens. Unter den Top-10-Zuschlägen des Abends lagen Paul Gaugins L´homme a la hache zu 36 Millionen US-Dollar, Egon Schieles Einzelne Häuser (Häuser mit Bergen) zu 20 Millionen US-Dollar, Amedeo Modiglianis Venus zu 14,2 Millionen US-Dollar sowie Pablo Picassos Plant de tomates zu 12 Millionen US-Dollar.

Auch die Restitutionsverwicklungen einiger der verkauften Objekte hätten das Ergebnis nicht beeinträchtigt, so das Auktionhaus nach der Versteigerung. Im Vorfeld hatten verschiedene juristische Unstimmigkeiten den Glanz des Mega-Ereignisses des New Yorker Kunstherbstes überschattet. Bis zum Morgen war unklar, ob am Mittwochabend tatsächlich auch alle angekündigten Werke aufgerufen würden: Zum einen stand zwischenzeitlich eine Beschlagnahme der Berliner Straßenszene wegen Verdachts der Untreue im Raum, wobei es die Berliner Staatsanwaltschaft letztlich ablehnte, die amerikanischen Behörden einzuschalten.

Dagegen wurde Picassos Absinthtrinker von 1903 tatsächlich nur wenige Stunden vor Auktionsbeginn zurückgezogen. Obwohl ein New Yorker Bundesrichter das Werk am Dienstag zur Versteigerung freigegeben hatte, hielt der Einlieferer, die Andrew Lloyd Webber Stiftung, die Eigentumsverhältnisse für nicht hinreichend geklärt. Denn am letzten Freitag hatten die Erben des Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy ein Eilverfahren bei einem New Yorker Bundesgericht eingeleitet, um den Verkauf des Porträts von Picassos Freund Angel Fernandez de Sotos zu verhindern, für dessen rechtmäßige Eigentümer sie sich halten. Bundesrichter Judge Rakoff wies diesen Einspruch aus formalen Gründen ab, weil er das Bundesgericht für unzuständig erklärte. Dabei konnte er sich allerdings einen sarkastischen Kommentar zur Motivation der deutsch-schwedischen Erbengemeinschaft nicht verkneifen: „Ich weiß, dass niemand in der Kunstwelt nur an Geld oder am gewinnbringenden Verkauf von Bildern interessiert ist – sondern dass es um den Glauben an das Wahre und Schöne geht. Trotzdem könnte man hier fast vermuten, dass dieser Streit sich allein um Geld dreht.“

Der Washingtoner Anwalt James Byrne klagte daraufhin erneut vor dem zuständigen Gericht des Bundesstaats New York und Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Instituts und Sprecher der Erbengemeinschaft, zeigt sich nach wie vor entschlossen, das Bild im Rechtswege zurückzufordern. Schoeps zufolge gehörte das Werk ursprünglich dem jüdischen Bankier Paul von Mendelssohn-Bartoldy. Unter dem Druck der Nationalsozialisten, die das persönliche Vermögen jüdischer Banken auf ein Zehntel reduzierten, seid er gezwungen gewesen, das Bild über den Kunsthändler Justin K. Thannhauser zu verkaufen. Christie´s beruft sich jedoch darauf, dass das Bild erst nach dem Tod des Bankiers verkauft wurde und auch der Kommissionsvertrag auf rechtlich einwandfreiem Wege zustande gekommen sei, da Thannhauser nicht im Auftrag der Nationalsozialisten gehandelt habe.

Außerdem sei unverständlich, warum die Rückgabeforderungen erst jetzt geltend gemacht würden, nachdem das Bild bereits seit siebzig Jahren auf dem Kunstmarkt im Umlauf sei und schon viermal den Besitzer gewechselt habe. Laut Auktionskatalog ging das Bild vom Ersteigentümer Mendelssohn-Bartholdy 1935 zunächst in den Besitz des Kunsthändlers Thannhauser über, der es im September 1936 an den New Yorker Galeristen Knoedler verkaufte. Als Andrew Lloyd Webber das Gemälde 1995 bei Sotheby's für 26,5 Millionen US-Dollar ersteigerte, kam es – nach zwischenzeitlichen Erwerbungen durch William H. Taylor und wiederum Knoedler – aus der amerikanischen Sammlung von Donald und Jean Stralem. Ob man das Bild nach Ende des Gerichtsprozesses und Klärung der Eigentumsverhältnisse erneut anbieten wird, dazu wollte man sich bei Christie’s gestern Abend noch nicht äußern.

Alle Preise verstehen sich inklusive Aufgelder.


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