26. Januar 2005
Als am frühen Morgen des 6. Juni 1944 die Alliierten in der Normandie landen,
eröffnet der Feind das Sperrfeuer. Zwischen Granatenhagel und Kugelgewitter
kämpfen sich die US-Infanteristen durch das kalte Atlantikwasser bis an
das Strandufer – und mit ihnen zusammen ein Mann, der in seinen Händen
nichts weiter als eine Kamera hält, um wieder einmal ein Stück Fotogeschichte
zu machen. Es ist Robert Capa. Dem Starreporter des
Life-Magazins und
einem der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts widmet der Martin-Gropius-Bau
in Berlin nun erstmals in Deutschland eine große Retrospektive. 300 Aufnahmen
zeigt die von der Bibliothèque Nationale de France konzipierte Schau,
darunter berühmte Zeugnisse der Kriegsfotografie, aber auch unbekannte
Bilder abseits der Front.
„Wenn deine Fotos nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug
dran“, heißt zeitlebens die Devise des rastlosen Chronisten, der
nach beruflichen Anfängen in Berlin und Paris schon bald von einem Schlachtfeld
ins nächste zieht: Sei es der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939), der
chinesische Widerstand gegen die japanische Besetzung (1938), der Zweite Weltkrieg
(1941-1945), der erste israelisch-arabische Krieg (1948) oder der Krieg in Indochina
(1954) – Capa ist überall mitten drin, ohne jedoch parteiergreifend
oder gar sensationslüstern auf den Auslöser zu drücken. Der gebürtige
Ungar nimmt vielmehr Grenzmomente des Lebens ins Visier, um sie, bevor sie schnell
und unsichtbar wieder verfliegen, auf das Fotopapier zu bannen; als unvergängliche
Dokumente von Leid, Angst, Gewalt und Tod.
Ein Schnappschuss macht den unerschrockenen Kriegsreporter mit nur 23 Jahren
schlagartig berühmt: Das Bild vom fallenden republikanischen Soldaten,
aufgenommen 1936 in der Schusslinie des Spanischen Bürgerkriegs, gilt bis
heute als eine der ersten Ikonen des Fotojournalismus. Dabei wollen weder der
namen- wie uniformlose Milizionär noch die karge, menschenleere Landschaft
vom historischen Ereignis erzählen. Stattdessen fokussiert Capa, wie einst
Goya in seinen Desastres de la Guerra (1810-1816), den kurzen, aber
umso eindringlicheren Augenblick des Todes in all seiner erschreckenden Anonymität.
Einerseits berückend nah: der Sturz des sterbenden Freiheitskämpfers
und die fast schon symbolische Geste des losgelassenen Gewehres; andererseits
entrückend fern: die unscharfe Optik und reduzierte Szenerie. Es ist die
Bildsprache, ganz in der Tradition der Malerei, die aus einem Schnappschuss
eine Komposition mit zeichenhaftem Charakter werden lässt. Plakative Klarheit
und unverbindliche Offenheit vereinigen sich hier zu einem allgemeingültigen
Appell gegen den Krieg, der der Worte nicht mehr bedarf.
Fotos wie dieses haben ihren Schöpfer bis heute überlebt. 1954 reißt
eine Tellermine im vietnamesischen Busch den großen Abenteurer, der es
stets eilig hatte, „den Krieg einzuholen“, in den Tod. Seitdem ist
er geboren, der Mythos vom humanitären wie heldenhaften Kriegsfotografen,
der sich nicht minder mutig in die Schlacht wirft wie sein legendärer Milizionär.
Für die Geschichte der Fotografie ist Robert Capa das, was seine Bilder
für unser kollektives Gedächtnis sind – eine Ikone.
Vom 22. Januar bis zum 18. April im Martin-Gropius-Bau in Berlin.
www.berlinerfestspiele.de