30. September 2010
Robert Kunec: „Weed“ – krupic kersting// kuk, Köln. Vom 4. September bis 23. Oktober 2010
Das Thema Terrorismus. In den Medien ist es allgegenwärtig. Aber in der zeitgenössischen Kunst? Die betreibt lieber Nabelschau. Oder sie konzentriert sich dort, wo sie politisch ist, wo sie sich Krieg und Terror widmet, meist auf die ohnehin in den liberalen Feuilletons kursierenden Feindbilder. Einer der wenigen, der nach eigenen Bildern zu Terror, Opferbereitschaft, Fanatismus, Fundamentalismus und religiösem Wahn sucht, ist der junge Künstler Robert Kunec. Ein Wagnis, das ihn an die Grenzen des Zumutbaren und Sagbaren führt und das nicht jeder mit ihm teilen möchte: Seine Begleitausstellung zur Preisverleihung der Halleschen Sparkasse 2009 wurde von heftigen Kontroversen begleitet. Mancher wollte sich lieber distanziert wissen von seiner Installation Dead Man 2.0/ Tanz mit dem Tod, die den halbnackten Körper eines toten Taliban-Kämpfers neben einer überdimensionierten Musikbox zeigt. Kunec weiß unsere diffusen Ängste zu schüren: Auf der schwarzen Kiste stehen paschtunische Schriftzeichen, die ein Memento mori zitieren.
Aktuell stellt Kunec, der in der Slowakei geboren wurde und nach einer Ausbildung als Kunstschmied erst später in Prag und Halle Kunst studierte, zum zweiten Mal in der Kölner Galerie krupic kersting// kuk aus. In seiner ersten Schau im Jahre 2009 bot er hier riesige Bausätze aus Fiberglas an, bei denen man wie bei einem Plastikfigürchen einzelne Körperteile eines Bewaffneten – theoretisch – herausbrechen und sich einen Terroristen mit schweren Schuhen, Fliegerweste und Kalaschnikow basteln konnte. 1/1 Suicide Bomber hieß diese bösartige Anleitung zum Spielen. Und damit sind wir bei der Frage, der Kunec in seiner Kunst nachgeht: Inwieweit sind Terroristen nur Spielball religiöser Fanatiker, woher kommt und wem dient dieser Fanatismus?
Kunec zeigt nun in zwölf an der Wand hängenden, eleganten Schaukästen jeweils eine selbstgebaute Bombe aus Plastikflaschen, Feuerzeugen, Milchtüten und diversen Batterien, die von einem Klebeband zusammengehalten werden. Verspielt, fast witzig wirken diese Objekte auf den ersten Blick, die in ihrer Kombination aus Gebrauchsgegenständen sowie Abfallprodukten und in ihrer Präsentationsweise an Arbeiten von etwa Isa Genzken oder Alexandra Bircken erinnern. Doch nicht um ein Spiel mit Materialbeschaffenheit geht es hier – auch wenn diese formale Ebene automatisch mitschwingt – sondern um ein ernstes Konzept. Jeder Bombe ist ein Name zugeordnet: Der Reihe nach benennen sie die Zwölf Apostel. Damit unterläuft Kunec die gängigen Klischees, denn der zeitgenössische Terrorist ist nach landläufiger Meinung stets der „Andere“. Kunec erinnert uns daran, dass auch die heimische, die christliche Religion eine gefährliche Sprengkraft in sich trägt. Das bezeugen gegenwärtige Konflikte in Europa ebenso wie der historische christliche Fundamentalismus im Zuge des Kolonialismus, bei der Begegnung mit anderen religiösen oder kulturellen Vorstellungen.
Kunec reizt das Motiv konsequent aus. Neben den eher fragilen Vitrinen steht das ebenso überzeugende wie brachiale Triptychon Weed (2010), das formale Anleihen bei Wolf Vostells Objekten aus den 1960er- und 70er-Jahren macht. Vor allem aber zitieren die drei großen hellen Holztafeln Darstellungskonventionen von Kreuzigungsszenen. Im Zentrum der mittleren Tafel, in der christlichen Ikonographie dem gekreuzigten Christus vorbehalten, klafft ein mit dem Beil ausgeschlagenes Loch wie eine riesige Wunde. Auf der linken Tafel – traditionell der Ort einer der beiden Schächer – findet sich ein abgetragener, dreckiger Pulli, seine Kapuze beugt sich wie das Haupt eines Sterbenden, darunter eine eilig ausgezogene Hose, an der noch die Sneakers stecken. Rechts ist eine zerlumpte Jacke angenagelt, die wohl einiges überlebt hat, eine Kalaschnikow und ein Paar Schuhe. Wie die breitgetretenen Bauernschuhe eines Vincent van Gogh hängen sie, an ihrer eigenen Schwere leidend, an der Tafel. Alle diese Kleidungsstücke gehörten einst dem Künstler. Sein Körper, sein Schweiß haben sie zu verbeulten, speckigen Lappen gemacht. Vor dem Triptychon befinden sich ein Fernseher mit einem Flatterbild, der sein technoides Leben bereits ausgehaucht hat, daneben das Werkzeug, mit dem die Arbeit hergestellt wurde und eine Panzerfaust. Sie sieht verstörend real aus, ist aber vom Künstler nachgebaut, während die Kalaschnikow echt ist.
Eine Anspielung an die Kreuzigung ist diese Installation – ohne den Gekreuzigten. Eine Metapher der Opferbereitschaft, mit Ersatzteilen für die Leidtragenden. Das christliche Opfermotiv durchzieht die gesamte Ausstellung: in Form eines vergoldeten Brotlaibs (Corpus Dei), neben dem, gewissermaßen als Besteck, Hammer und Nagel liegen, die Marterwerkzeuge der Kreuzigung. Und in Gestalt einer schwarz-weißen Zeichnung, die ein an den Beinen gefesseltes Lamm zeigt. Wo aber sind die Opferbereiten geblieben? Von heroischer Opferbereitschaft spürt man in dieser Ausstellung nichts. Übrig geblieben sind nur die Requisiten und die Spuren der Zerstörung. Michail Dostoevskij sah, als Russland in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts von Terroranschlägen erschüttert wurde, im Terror eine Flucht vor der Wirklichkeit. Die Entscheidung, heroisch zu sterben, fiel wohl damals schon leichter als die Einsicht in die Notwendigkeit eines mühsamen und leidvollen Weges. Kunec, so scheint es, gibt Dostoevskijs Urteil eine zeitgenössische Form. Dennoch keimt bei ihm auch Hoffnung auf. Vor dem Triptychon steht ein Plastikbecher, gefüllt mit Erde. Daraus sprießt ein kleines Pflänzchen. Unkraut ist das. Macht nichts, Hauptsache Leben. „Unkraut“ ist übrigens auch der Titel der ganzen Ausstellung.