Richard Vine: New China New Art

Kein Job für einen Mann

Andreas Schmid
19. Februar 2009
Richard Vine: New China New Art, Prestel Verlag, München/Berlin/London/New York 2008. 240 Seiten, Euro 49,95 (in englischer Sprache)

Der Prestel Verlag hat im Jahr 2008 gleich mehrere große Bände zur zeitgenössischen chinesischen Kunst herausgegeben. Als Paradestück darf die Publikation von Richard Vine gelten, Senior Editor der Zeitschrift „Art in America“ und langjähriger Beobachter der chinesischen Kunstszene. Da konnte man viel erwarten. Doch um es gleich vorweg zu sagen: Ein gutes Buch ist dabei nicht herausgekommen. Eigentlich wäre es an der Zeit für einen fundierten Beitrag zum Thema, und zwar aus chinesischer wie internationaler Sicht. In Deutschland etwa wurde ein erster Überblick über die chinesische Gegenwartskunst vor gerade 15 Jahren gegeben, mit dem Katalogband „China-Avantgarde“ zur Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Inzwischen sind viele Publikationen im In- und Ausland hinzugekommen, darunter der brillante Ausstellungskatalog von Wu Hung und Christopher Phillips mit grundlegenden Texten zur zeitgenössischen chinesischen Fotografie und Videokunst, „Between Past and Future“, 2006, sowie das hervorragende Buch zur Ausstellung „Mahjong“ der Sammlung Sigg in Hamburg 2005. An diesen Bänden muss sich die neue Publikation messen lassen.

Der 240 Seiten starke Kunstband „New China New Art“ stellt zeitgenössische chinesische Kunst vom Beginn der 1980er Jahre bis 2008 vor. Richard Vine schultert die riesige Aufgabe der Bearbeitung eines so breit gefächerten Themas mit einer Fülle an Material allein. Das ist zwar mutig, jedoch gleichzeitig der große Schwachpunkt des Buches, da beim Lesen sehr schnell deutlich wird, dass sich der Autor damit überfordert. So ist die Liste der vorgestellten Künstler stark lückenhaft, dazu weist die Publikation eine Reihe faktischer Fehler auf. Interessant hingegen scheint Vines Ansatz, Künstler und Kunstwerke unter der Überschrift der verschiedenen Medien zu besprechen. So konservativ ein Denken in Genrekategorien auch sein mag, werden damit doch festgelegte lineare „Ismen“ aufgebrochen, wie sie unter anderem auch von dem Kurator und Kunstkritiker Li Xianting noch in den 1990er Jahren vertreten wurden (etwa Zynischer Realismus oder Politischer Pop). Jedes der sechs Kapitel Vines (Malerei, Skulptur & Installation, Performance, Fotografie, Video sowie „Die heutige Szene“) beginnt mit einer kurzen Einführung ins Thema, dann folgt eine Diskussion der verschiedenen Künstler und ihrer Werke. Allerdings geht Vine hierbei nicht chronologisch vor, wodurch die unterschiedlichen Hintergründe und Voraussetzungen zu den einzelnen Kunstwerken aus dem Blick geraten. Der Leser muss sich sehr bemühen, das große Ganze zusammenzudenken.

Bei der Auswahl der Künstler gibt es gleich mehrere Schwachpunkte. Einer besteht in der Perspektive des Autors, denn sein Blick ist stark amerikalastig. So werden in den jeweiligen Einführungen Ausstellungen und Projekte in Europa kaum gewürdigt, und auch mancher bedeutende chinesische Künstler, der hierzulande arbeitet, wird viel zu flüchtig oder gar nicht besprochen. Dazu gehören Namen wie Qin Yufen, Shen Yuan oder Yang Jiechang, während den in die USA immigrierten Künstlern, wie z.B. Zhang Huan, auch bildlich sehr viel Raum gegeben wird. Zudem hat Vine sich sehr an Künstlern orientiert, die kommerziell erfolgreich sind. So kommen andere, durchaus gute Künstler zu kurz (etwa Xu Tan aus Guangzhou oder Yan Lei), wie auch Positionen, die für die künstlerische Entwicklung in China sehr wichtig waren. Dazu gehört der Fotokünstler Zhang Hai Er, der in den 1980er Jahren eine bahnbrechende Rolle in der chinesischen Gegenwartsfotografie gespielt hat. Viele hervorragende Maler wie Xie Nanxing, Zhou Jinhua, Tang Maohong, Shen Fan, Zhang Enli, Meng Huang werden unterschlagen. Das mag daran liegen, dass die Malerei den geringsten Raum innerhalb der Publikation einnimmt, obwohl sie im Gesamtschaffen der Künstler in der VR China jahrzehntelang den größten Anteil hatte. Das gleiche Schicksal ereilt bei Vine die Künstler des Dreidimensionalen, darunter Jiang Jie, Wang Youshen, Chen Yanyin, Lu Hao, Ni Haifeng oder Li Jiwei.

Denn die eindeutige Vorliebe des Autors gilt den Sparten Performance, Fotografie und Video, und die entsprechenden Kapitel vermitteln auch einen guten Eindruck über die künstlerische Bandbreite in der VR China. Völlig misslingt dagegen der Versuch des Autors, über Kalligrafie zu schreiben. Hier bringt er als einziges Beispiel den Tuschekünstler Qin Feng, und dies im Kontext des Kapitels „Malerei“. Wenn schon, hätte dieses Thema eine eigene Sparte und gute Recherchen verdient, da es in der zeitgenössischen Kalligrafie ganz unterschiedliche und spannende Ansätze gibt.

In der letzten Rubrik, „The Scene Now“, gibt Vine dann aus unerfindlichen Gründen seine selbst gewählte Kategorisierung auf. Dieses Kapitel erweist sich als äußerst disparat: Zum einen werden hier interessante Informationen über die Entwicklung von Galerien, Museen und Ausstellungsräumen sowie über die Preisentwicklungen der letzten Jahre gegeben. Auch über die Arbeit-, Produktions- und Vermarktungsbedingungen der jüngsten Zeit hat Richard Vine viel Wissenswertes zusammengetragen. Zum anderen aber werden hier auch Künstler vorgestellt, die eigentlich in die anderen Kategorien gehören.

Problematisch sind die faktischen Verdrehungen oder schlicht falschen Darstellungen, die sich durch die gesamte Publikation ziehen. So wird etwa der Künstler Ai Weiwei als Herausgeber des 1994 erschienenen subversiven Untergrundbuchs, dem sogenannten schwarzenBuch, genannt. Daran waren jedoch auch die Künstler Zhuang Hui und Hsieh Tehching beteiligt. Geradezu geschichtsfälschend ist es, wenn suggeriert wird, Ai Weiwei sei alleiniger Begründer des Kunstortes Archive & Warehouse (CAAW) 1999 in Peking, und dabei die beiden anderen Mitbegründer und maßgeblichen Motoren Hans van Dyck und Frank Uytterhaegen unterschlagen werden. Auch hat Uli Sigg nicht – wie vom Autor behauptet – schon in den 1970er Jahren mit dem Sammeln chinesischer Gegenwartskunst begonnen, obwohl der Schweizer Industrielle zu dem Zeitpunkt schon in China tätig war. Erst in den 1990er Jahren begann sein intensiver Ankauf chinesischer Gegenwartskunst. Insgesamt überwiegt dadurch der Eindruck, dass bei aller Materialfülle nicht gründlich recherchiert wurde. Vieles scheint ohne weitere Prüfung aus anderen Quellen übernommen, was für die Abbildungen ebenso wie für Inhalte gilt. Es kommt einem vor, als sei dieses Buch unter starkem Zeitdruck entstanden, um eine hoch ästhetische Publikation zum angesagten Thema vorzulegen. Das ist schade, weil dadurch ein wirklich gutes und aktualisiertes Buch zur chinesischen Gegenwartskunst verhindert wurde.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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