Richard Hawkins bei Daniel Buchholz, Köln

Salomes Schlachteplatte

Alexandra Wach
17. November 2011

Richard Hawkins: „Smoke-Smoke, Salome“ – Galerie Buchholz, Köln. Vom 3. November 2011 bis 7. Januar 2012

In der kalifornischen Wüste erwartet man nicht gerade ein Rendezvous mit Salome, das Haupt Johannes des Täufers im Schlepptau. Die neuesten Bilder des Westküstenmalers Richard Hawkins (Jg. 1961) sprudeln regelrecht über von der Gegenwart des geköpften Märtyrers, allerdings ähnelt sein gequältes Antlitz, das in den Gängen eines Kerkergewölbes umherschwebt, eher dem eines Flaschengeists – eingesperrt in einen Trompe-l’œil Rahmen, in dem eine weitere Leinwand den Blick ins Innere eines obskuren Raums lenkt. Hawkins‘ „Dungeon Frames“ sind der vorläufige Höhepunkt eines Werks, das mit Vorliebe um die eigene Person kreist und sich formal immer wieder häutet. Vor allem die „Salome Paintings“ (zwischen 25.000 und 38.000 US-Dollar) laden zu einer biografischen Lesart ein. Die neondurchsetzte Farbgebung unterirdischer Gänge, in denen sich junge Männer in Tangas den Blicken lüstern starrender Monster aussetzen, verweisen auf den Trash-Geschmack des Schwulen-Treffpunkts „King of Hearts“ in Los Angeles. Damit ist das selbstreferenzielle Zitatenkarussell aber lange noch nicht ausgeschöpft. Den Jünglingen konnte der informierte Betrachter bereits in einer Serie über thailändischen Sextourismus begegnen. Andere Motive, wie das des Zwitters in Herm von 2011 – einer zittrig weißen Keramikskulptur auf einem Holzsockel, der mit Türschlossmustern überzogen ist – erkennt man erst nach dem Studium der Vorstufen wieder.

Aufgefallen ist der in L.A. lebende 50-Jährige, der in Köln gerade die Galerie Buchholz bespielt, mit Zeitungscollagen. Mit ihrem Versuch, die eigene sexuelle Orientierung selbstironisch in Szene zu setzen, erinnerten sie an erotisch knisternde Mädchenzimmer, in denen Porträts von Popstars und männlichen Models den erwachenden Begierden freien Lauf lassen. Ende der Neunziger schlug die Ernüchterung dann mit aggressiver Wucht zu. „Disembodied Zombies“, vom Körper abgetrennte Männerköpfe, betraten die Bühne dieses munter gegen den Strom strebenden Kosmos‘. Aus dem zerfetzten Hals tropfte Blut, das Schöne machte Platz für gewalttätige Fantasien. Als Hawkins von seiner indianischen Abstammung erfuhr, bevölkerten federbeschmückte Einzelgänger seine ins Surreale drängenden Malereien.

Nach einem Aufenthalt in Rom gewannen die Collagen wieder die Oberhand. Die Erzählung um den Zyklus „Urbis Paganus“ von 2006 lotet das Phänomen der Zweigeschlechtlichkeit aus. Eine Galerie antiker Statuen fächert die Skala männlicher Identität auf, von maskulinen Kriegertypen bis zu kokett posierenden Beaus. Eine kleine Auswahl findet sich versteckt im Büro der Galerie, gegenüber einem Trio der „Abstract paintings in dungeon frame“, die im finalen Raum ganz ohne homoerotische Sehnsuchtsobjekte auskommen, dafür aber mit kindlicher Lust an der Subversion die gegenstandslosen Farbrecherchen in das Korsett eines Schlossmosaiks zwängen und damit zwei eigentlich einander ausschließende Diskurse in ein absurdes Konzept münden lassen.

Hawkins bewegt sich mit seinem ausgestellten Subjektivismus und der trotzig figurativen Geste bewusst am Rande eines zu Theorieexzessen und überhitzter Formelbildung neigenden Kunstbetriebs. In dem Text, den er zu der Kölner Ausstellung verfasst hat, bezieht er sich nicht ohne Grund auf Gustave Moreaus Bild Salome tanzt vor Herodes als Inspirationsquelle. Die mythologisch aufgeladene Atelierkunst des Symbolisten galt unter seinen Zeitgenossen als hoffnungslos überholt, „während im selben Jahr Gustave Caillebotte eine reale Pariser Straßenecke an einem Regentag malte“, wie Hawkins schreibt. Die Haltung des Ketzers gegen eine sich absolut setzende Avantgarde sei dem Amerikaner gegönnt. Seine humorigen, gewollt infantilen Stachelarbeiten sorgen immerhin für kurzweiliges Schmunzeln. Schade nur, dass auch dieses spätdadaistische Kontrastprogramm zur Standardausrüstung der Moderne gehört.


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