Richard Allen Morris bei Schmidt Maczollek, Köln

Der Alleskönner

Magdalena Kröner
16. Februar 2012

Richard Allen Morris: „This and That” – Galerie Schmidt Maczollek, Köln. Vom 11. Februar bis 4. April 2012

„It's just a certain sound I'm after“ lautet der lakonische Titel einer Monografie über den Künstler Richard Allen Morris. Wenn es ein bestimmter Sound ist, den man momentan in der Kölner Galerie Schmidt Maczollek hören kann, dann Free Jazz. Für den 1933 im kalifornischen Long Beach geborenen Autodidakten, der selbst Saxophon spielt, ist das Improvisationsspiel der Treibstoff für die eigene Arbeit, und das sieht man seinen Werken auch an: Schnell, bunt und voller Witz sind sie; eher von moderatem Format, aber groß in ihren Behauptungen und ihrer rastlosen Erfindungslust. Neunundzwanzig Werke sind für Morris' mittlerweile dritte Ausstellung in der Galerie versammelt, die pfeilgenau in die Kunstgeschichte schießen und dabei doch eine völlig eigene, von Trends, Moden und Markt unbeeinflusste Wahrnehmung beschreiben.

Iris Maczollek und Anke Schmidt stellen neuere, abstrakte Gemälde wie My Card oder Road Work neben skulpturale Versuche wie das aus Aluminium gefaltete Objekt Mailbox aus dem Jahr 1970, das von zwei Seiten funktioniert. Für seine Ende der 1960er-Jahre entstandenen Sprühbilder macht Richard Allen Morris Anleihen bei der Pop Art: Mal nimmt er sich „MAD's“ Alfred E. Neumann als Motiv, mal entwirft er flirrende, abstrakte Piktogramme wie in Time Traveller oder dem federleichten She. Er frönt der Lust am Bad Painting in skurrilen Porträts wie Smith oder Elmer oder der lakonischen Ansicht Please Don't Get Tacky, beherrscht aber auch eine geradezu minimalistische Zurückgenommenheit wie etwa in Painter's State.

In Richard Allen Morris' Werk der ausgehenden 1960er-Jahre mischt sich unmittelbare zeitgeschichtliche Aktualität: Mit dem Objekt Big Stick aus dem Jahr 1968 setzt er sich wie viele amerikanische Künstler seiner Zeit mit dem Vietnamkrieg auseinander. Die Themen Krieg und Gewalt tauchen auch in späteren Jahren in seinem Werk auf – er baut waffenähnliche Objekte, die zugleich Fetisch und Symbol sind. In Köln werden die beiden 1992 entstandenen Arbeiten Batman und Wire gezeigt.

In der Vielfalt der malerischen Überlegungen, aus der die Galerie nur einen winzigen Teil präsentiert, werden zwei Dinge als Konstante sichtbar: Die Fähigkeit zum furchtlosen Bruch mit dem Vorangegangenen und die Notwendigkeit eines radikalen Neubeginns von einem Werk zum nächsten. Am deutlichsten markiert dies wohl Richard Allen Morris' vielleicht berühmtestes Bild Envelope – ein schnöder Umschlag in Öl auf Leinwand, entstanden 1968. Unter dem brüchigen Weiß lässt sich etwas erahnen: Tatsächlich ist das Gemälde die Übermalung eines Werkes von John Baldessari. Diese wegweisende Arbeit, die übrigens mit Zustimmung des berühmten Mentors entstand, ist viel mehr als eine rotzige Geste; sie ist ein Schlüsselwerk, von dem aus sich das Œuvre von Richard Allen Morris erst erschließt. Das Gemälde verweist sowohl auf die Verankerung des spät entdeckten Malers in der Künstlergemeinde der West Coast, und es verweist auf seine profunde Kenntnis der Kunstgeschichte. Vornehmlich aus Zeitschriften und Büchern stammt Morris' Wissen über Kunst. Er arbeitete jahrzehntelang zwei Tage die Woche in einer Buchhandlung in San Diego, bis der Laden vor einigen Jahren abbrannte. Es ist gut vorstellbar, dass er hier von der berühmten Ausradierung eines Werkes von Willem De Kooning durch Robert Rauschenberg erfahren hatte, bevor es sich selbst daran machte, ein Werk seines Freundes John zu übermalen.

Richard Allen Morris hatte erstmals im Jahr 1999 eine Einzelschau in der Chac Mool Gallery in Los Angeles. Im Jahr 2004 richtete Martin Hentschel dem Künstler im Museum Haus Lange in Krefeld seine erste europäische Museumsausstellung ein. Und wenn man sich nun in den Galerieräumen umschaut, scheint es fast ein wenig, als arbeite der Künstler von all den Wendungen in seinem Leben völlig unbeeindruckt weiter.

Doch eines lässt sich in Köln kaum übersehen: Die Experimente des bald 80-Jährigen scheinen in den neueren Arbeiten ein wenig gebremst; die Formate werden kleiner und enger. Das abstrakte Gemälde Lounge aus dem Jahr 2010 ist nur noch wenig größer als eine Postkarte. Dafür gibt es einen simplen Grund – der Künstler hat keinen Platz, um größer zu arbeiten. Die Halle, die Morris zugleich als Atelier, Wohnung und Lager dient, hat sich in den Dekaden, die er sie bewohnt, bis in den letzten Winkel gefüllt mit Werken, Fundstücken und Material. Sie ist so voll, dass Freunde wie David Reed bereits äußerten, Morris könne davon regelrecht erschlagen werden. Doch ob der Künstler in einem weiß gestrichenen, leeren Studio mit einer Schar von Assistenten glücklich würde? Morris winkt stets ab, wenn er so etwas hört. Und wahrscheinlich sind derartig profane Überlegungen auch völlig abwegig für jenen Mann, über den Baldessari einst sagte: „Was man braucht, um Künstler zu sein, habe ich von Richard gelernt.“

Die Arbeiten kosten zwischen 3.500 und 60.000 US-Dollar.

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