15. Februar 2012
Ricarda Roggan: „SET | RESET“ – Galerie Eigen + Art, Berlin. Vom 21. Januar bis 10. März 2012
Ricarda Roggans Fotografien verbreiten eine Stille, die so gar nicht zu ihren Motiven passen will. Zum Beispiel in ihrer Ausstellung vor vier Jahren in den Berliner Kunst-Werken. Hier zeigte sie fotografische Porträts von Unfallautos, stilisiert wie Skulpturen und weit entfernt von deren Funktionalität als Fortbewegungsmittel. Jeder Mobilität enthoben, grinsten sie mit ihren demolierten Limousinenschnauzen aus den großformatig abgezogenen Bildern. Mit dem Makel der Verletzbarkeit ausgezeichnet, blieben nur noch anthropomorph wirkende Technikvisagen, theatralisch ausgeleuchtet vor tiefschwarzem Hintergrund.
Nun ist Roggan bei Eigen + Art in Berlin zu sehen und zeigt dort ihre neue Serie „Set | Reset“. Was hier zu erkennen ist, dreht sich auf den ersten Blick ebenfalls um Autos: Ein Sammelsurium aus Sportwagensitzen und Sportlenkrädern, Logos italienischer Rennboliden und Schaltknüppel. Doch anstatt durch Windschutzscheiben, haben die imaginären Fahrer offenbar in Röhrenbildschirme geschaut, auf denen vermutlich stark verpixelte Rennstrecken zu sehen waren, virtuelle Serpentinenstraßen und der Zähler für den angestrebten High Score.
Roggan hat die Ansammlung inzwischen prähistorisch anmutender Videospielgeräte während ihres Stipendiums auf Zypern in einer Lagerhalle entdeckt: nutzlos, verstaubt und zu Karikaturen ihrer selbst zusammengeschoben. Das letzte Game Over muss schon vor längerer Zeit über die schwarzen Monitore geflackert sein. Trotzdem verströmen die Geräte noch eine Ahnung an daddelnde Teenager, den Nachwuchs einer Pauschaltouristengeneration, für ein paar Stunden abgegeben in die Obhut computergesteuerter Fahrlehrer in den Spielhallen am Strand. Der Sound digital nachgeahmten Heulens von Motoren und quietschender Bremsen liegt in der Luft, wie das hysterische Flimmern der Bilder und das vereinzelte Aufstöhnen in der Virtualität gefangener Videospieler.
Roggan inszeniert Technikskulpturen der 1980er-Jahre mit dem Pathos der Großformatfotografie. Für die Beleuchtung hat sie Vorhänge aus transparenten Plastikfolien aufgehängt, die den Hintergrund verunschärfen und das Licht nur partiell auf die Objekte treffen lassen. Deren Wirkung muss sie offenbar so begeistert haben, dass sie die Serie von insgesamt zehn Bildern noch einmal unterteilt - in eine Sektion von drei Fotografien, in denen sie nur mehr die aus Kunststoffplane und Gerüstkonstruktion gebauten Räume präsentiert. Die Spielautomaten sind einer gähnenden Leere gewichen. Die zweite Reihe „Set“ zeigt somit noch funktionslosere Orte als die sieben Bilder des Titels „Reset“ mit den Residuen der Konsolenspielerei.
Der Reset-Button, also der Knopf, der jedem Videospieler als ultimative Möglichkeit bleibt, hat in den Objekten, die Roggan in Szene setzt, schon lange ausgedient. Geräte, die einmal die Speerspitze der Simulation darstellten, sind auf der Strecke gebliebene Simulacren eines Techniktraums von gestern. Und Roggan gelingt mit dem fotografischen Blick und der sorgsamen Stilisierung die Archäologie einer noch nicht lang zurückliegenden, aber schon stark verblassten Vergangenheit.
Die Arbeiten kosten zwischen 9.000 und 14.000 Euro.