Reynold Reynolds bei Zink, Berlin

Wie die Zeit vergeht

Denis Grünemeier
6. Januar 2012

Reynold Reynolds: „The Lost“ – Galerie Zink, Berlin. Vom 26. November 2011 bis 12. Januar 2012

Der Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion war schon immer faszinierend. Ihn bietet uns der amerikanische Videokünstler Reynold Reynolds derzeit in der Berliner Galerie Zink. Für sein neues Projekt The Lost dreht er anhand des kürzlich wiedergefundenen und restaurierten Materials eines nie fertiggestellten Spielfilms im Berlin der 1930er-Jahre Szenen nach. Im Kunstraum der Galerie und in Anwesenheit des Publikums bekommt das Ganze den Charakter einer Performance – und das ist bei Reynolds Programm.

In seinen Filmperformances wird der Prozess der Herstellung selbst zur Kunst, das Endprodukt untrennbar von seiner Entstehungsgeschichte. Die technischen Mittel des Films, mit denen der Künstler die verruchte Atmosphäre Berlins um 1930 zwischen Dada und Cabaret wiederbelebt, sind genauso präsent wie das von Schauspielern belebte Setting. Der Zuschauer umwandert meterlange Kabel und atmet die von Geräten erhitze Luft ein – der Prozess des Drehens fühlt sich so bedeutend, irrational und magisch an wie die mysteriösen Ereignisse im Film selbst.

Reynolds Filminstallationen – wie etwa Six Easy Pieces (2010) oder Secret Life (2008) – erzählen von Vergänglichkeit. In seinen Performances bekommt dieses Thema eine zusätzliche, auf das Filmemachen selbst bezogene Qualität. Nicht nur ist Film ein auf Zeit basierendes Medium, bei dem die Bewegung, die Aufeinanderfolge und das Verstreichen einzelner Bilder die Grundlage bilden. Am Set zeigt sich die Zeit auch im Scheitern und Neubeginn – in oft mehrmaligen Wiederholungen von Szenen bis zu deren Fertigstellung. Die repetitiven Regieanweisungen rhythmisieren das Geschehen wie das Ticken einer Uhr. Um Zeit geht es auch insofern, als eine Live-Performance dem Zuschauer stets in ihre Einmaligkeit und Offenheit für den Zufall die Magie des Augenblicks nahe bringt – und dessen zentrale Rolle in jedem künstlerischen Schaffen.

In diesen Tagen steht Reynolds in The Lost selbst vor der Kamera: als Vampir, also passenderweise einer Spezies zugehörig, die bekanntlich kein Altern kennt. Die Rolle mag zufällig gewählt sein, sie passt jedoch zu ihm, der mit The Lost an die Stummfilmzeit anknüpft. Von hier holt er ans Licht, was verloren schien – und überführt es in die Zeitlosigkeit.

Die nächsten Performances finden am 6. Januar und 12. Januar jeweils von 18 bis 21 Uhr. statt. Vom Frühling dieses Jahres werden die Aufnahmen im Rahmen der zweiten Ausgabe der Ausstellung „Made in Germany“ in Hannover (Sprengel, Kunstverein, Kestnergesellschaft) fortgeführt.


Weitere Artikel von Denis Grünemeier


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken