5. Dezember 2007
Michael Kalmbach, „Kinderzimmer“, Galerie Wohnmaschine, Berlin. Vom 9. November bis 22. Dezember 2007
Eine vorweihnachtliche Shoppingtour durch Berlin-Mitte, auch zwecks Beschenkung des Nachwuchses in der Verwandtschaft, könnte an der Galerie Wohnmaschine vorbeiführen. Der saisonal konditionierte Blick könnte beim ersten Hinschauen ein Geschäft vermuten, das Ausstattungen für Kinderzimmer anbietet: eine hübsche Tapete, eine Wiege, einen kleinen Schaukelstuhl und Figuren aus Pappmaché, die leichtfüßig über dem Boden schweben. Doch spätestens dann, wenn man die Galerie betritt, wird klar, dass das hier inszenierte Arrangement keinem Schaufensterdekorateur, sondern einem Künstler zu verdanken ist, dem es keineswegs darum geht, das Kinderdasein in marktgerechter Versüßung vorzuführen.
Die Reflexion des nur scheinbar unschuldigen kindlichen Blicks auf die Welt war von Anfang an zentral im Werk des im pfälzischen Landau geborenen und an der Frankfurter Städelschule ausgebildeten Michael Kalmbach. Am bekanntesten wurden bisher die teilweise großformatigen Aquarelle, in denen kindliche Figuren in verschiedenen Größen auseinander herauswachsen oder in wattiger Leichtigkeit wie Putti auf barocken Deckenfresken umherfliegen. Sehr appetitlich nimmt sich die „Menschensuppe“, wie die vom bisher umfangreichsten Katalog begleitete Ausstellung 2002 im Museum für Gegenwartskunst Basel hieß, allerdings nicht aus. Vor allem nicht, wenn sie in Kalmbachs nicht ganz jugendfreien Bilderbuch „Der große und der kleine Paul“ zu einem See aus Kotze wird.
Motive aus dem Buch, etwa der durchlöcherte Tisch, finden sich in der aktuellen Installation wieder, die weniger barock ausufernd daherkommt als die meisten früheren Arbeiten. Was die stets intuitiv entstehenden und nicht gezielt anvisierten kunsthistorischen Reminiszenzen betrifft, erinnern die geradlinig ornamental zurechtgerückten Figuren und Szenerien auf der Tapete eher an klassizistische oder biedermeierliche Interieurdekorationen. Die bürgerlich geordnete Welt des 19. Jahrhunderts prägt die Bilder der Kindheit zumindest hierzulande bis heute. Die berühmtesten deutschen Kindergeschichten, abgesehen von Michael Endes Büchern, sind schließlich immer noch Max und Moritz und der Struwwelpeter.
Der Tisch mit den Löchern, der auf die strikt einzuhaltende Sitzordnung der Familie verweist, lässt an den Zappelphilipp im Struwwelpeter denken, der partout nicht stillsitzen kann und dadurch den reich gedeckten Tisch ins Chaos stürzen lässt. In Kalmbachs historisch gesättigter Kinderwelt spiegelt sich deutsche Befindlichkeit wider, die sich deutlich von der konfektionierten Plüschigkeit unterscheidet, in die Kindheiten in den USA häufig eingebettet werden und die Mike Kelley in seinen Installationen ins Bedrohliche umkippen lässt. Vorbilder aus der amerikanischen Kunst kommen zumindest bei Kalmbachs Tapete auch in den Sinn, etwa Robert Gobers Male and Female Genital Wallpaper von 1989, aber schnell werden wieder die Unterschiede deutlich.
Während sich bei Gober drastische Klokritzeleien in eine biedere Haushaltstapete verirrt zu haben scheinen, entspringen Kalmbachs sexuelle Motive eher der alten Tradition der Groteske und der Darstellung der verkehrten Welt, die in der frühen Neuzeit bei Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel ihren Höhepunkt fanden. Wie der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin gezeigt hat, war im Mittelalter eine „groteske“, karnevalistische Gegenwelt zum normalen sozialen Leben entstanden, die aber seit der Renaissance zunehmend domestiziert und verdrängt worden ist. Die groteske, archaischere Körperauffassung, wie Bachtin sie beschreibt, weist mit ihrer Betonung der Körperöffnungen und der Sexualisierung verschiedener Organe große Parallelen mit der Figurenwelt Kalmbachs auf.
Geschlossen gesellen sich hingehen die vier stehenden Figuren aus bemaltem Ton zusammen, die in einer Ecke auf dem Sims der unter der Tapete durchlaufenden, rotbraunen Wandtäfelung wie für ein Gruppenfoto posieren. Solche kleinen Porträtfiguren formte Kalmbach von den Gefangenen, die er jahrelang in der Keramikwerkstatt eines Untersuchungsgefängnisses betreute. Die gleiche Arbeitskleidung, die alle Gefangenen trugen, führte zu einer äußeren Ähnlichkeit, die Kalmbach mit der Ausgestaltung der individuellen Gesichtszüge konterkarierte. Diese Porträtserie erwachsener Menschen setzte Kalmbach auch nach Beendigung seiner Gefängnistätigkeit fort und führt uns nun die Belegschaft der Wohnmaschine vor. Will Kalmbach uns die Galeriemitarbeiter auch als Gefangene vorführen, womöglich als Marionetten im Kunstbetrieb? Nein, denn sie haben – im ganz direkten Sinn – die Fäden in der Hand. Diese Fäden, die sich wie eine feine Zeichnung durch den Raum ziehen, sind nicht die eines Mobiles wie etwa bei Kalmbachs erster Ausstellung in der Galerie vor drei Jahren, sondern sie verbinden sich zu einem Mechanismus, der vom Galerietresen aus zu bedienen ist. Er setzt die Wiege und den kleinen Lehnstuhl, auf dem ein merkwürdiger Homunculus sitzt, in schaukelnde Bewegung.
Einen Zugmechanismus besitzen auch die hölzernen Hampelmänner, die sich in verschiedenen Größen über die Wände des Durchgangsraums zum Tresen verteilen. Etwa einen Meter hoch ist die Figur, die mit ihren zangenartigen Armen einem kleinen Mädchen das Ohr lang zieht, während sie von einer Vogelgestalt in den Fuß gebissen wird. Wer andere piesackt, wird selbst gezwickt. Wer frisst, kann schnell gefressen werden. So lustig, wie sie zunächst scheint, ist die kindliche Bildwelt Michael Kalmbachs ganz und gar nicht und fast könnte man hinter allem die mahnende Frage vermuten, die Sigmar Polke in einer frühen Aquarellskizze unter ein Gesicht mit schreckhaft aufgerissen Augen schrieb: „Darf man Kinder auslachen?“
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