In seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung Schatzhäuser Deutschlands. Kunst in adligem Privatbesitz sprach der Präsident der Deutschen Burgenvereinigung, Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, von den Bedenken der durch ihn repräsentierten rund 30 Leihgeber. Er befürchtete, „dass das mit einer Portion gesundem Besitzerstolz verbundene Herzeigen unserer Schätze als reine Prahlerei“ gesehen werden könne oder „diese immensen Kunstwerte Neid erwecken“.
Tatsächlich fällt es schwer, bei der Besichtigung der im Haus der Kunst für die dreimonatige Ausstellung angesammelten Preziosen des deutschen Adels nicht zu erblassen. Im Zuge von Raum zu Raum wachsender bürgerlicher Ressentiments wünscht man sich gar die rasche Revolution mit sofortiger Übereignung des wunderbar funkelnden, 34,5-karätigen Diamanten Le Beau Sancy Georg Friedrich Prinz von Preußens möglichst an sich selber. Spätestens jedoch, wenn man meint, sich in weltlicher Selbstgerechtigkeit über den nun wirklich ausnehmend albernen Namen Girandole vom Silberbuffet echauffieren zu müssen - um kurz darauf zu erkennen, dass es sich hierbei keineswegs um ein adliges Fräulein handelt, sondern um einen Gebrauchsgegenstand aus der Schatzkammer der Burg Hohenzollern - scheint es an der Zeit, die eigenen Gefühle zu überdenken.
Was ist es also, das einen trotz immerhin blaublütiger Museumsbegleitung mit seltsamem Gefühl durch die 13 prall gefüllten Säle gehen lässt? Das Bedauern darüber, dass man selber seinen Neujahrstrunk 2005 nicht aus dem teilvergoldeten, schwanenhalsigen Trinkspiel von 1560 aus der Schatzkammer der Grafen Eltz hat zu sich nehmen können? Oder die Sorge, man werde niemals im Festsaal von Schloss Bückeburg nach durchtanzter Nacht mit Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe auf rosafarbenen Fauteuils Toast mit Orangenmarmelade speisen dürfen? Profane Standesempfindlichkeiten also? Wohl auch.
Mehr noch stört aber jene sentimentale Reminiszenz und gleichzeitige Widersprüchlichkeit, die für den - möglicherweise übersensiblen - Betrachter hinter der Gesamtheit von Ausstellungstitel, erklärtem Konzept und Präsentation der Objekte hervorscheint. Böse Zungen könnten Wilfried Rogasch, der die Ausstellung gemeinsam mit León Krempel kuratiert hat und der neben vielen Filmen und Publikationen zum europäischen Adel auch Autor des Buches Schnellkurs Adel im Dumont-Verlag ist, als „Krönchenputzer“ oder gar „Hermelinfloh“ bezeichnen. Als einen Bürgerlichen also, der seine eigene Selbstdarstellung über die in diesem Fall immaterielle Aneignung feudalen Erbes betreibt. Dem stünde entgegen, dass Rogaschs Interesse am Besitz des deutschen Adels zweifellos Berechtigung hat.
Das Begleitbuch zur Ausstellung zeigt, welche weithin unbekannte Fülle an einmaligen Kunstschätzen die zahlreichen privaten Wohnsitze beherbergen. Es erläutert auch - anders übrigens als die Ausstellung - die Schattenseiten aristokratischer Sammelleidenschaft, indem es sehr behutsam eine heranwachsende Generation Adliger erwähnt, die verstärkt nach der Rentabilität der Kunstschätze fragt. Nicht beleuchtet wird hingegen, auf welche Weise die meisten Häuser zu den Mitteln für ihre zum Teil immensen Sammlungen gelangten. Bei den winzigen Figuren, die die Last des riesigen vergoldeten Lehensbechers von 1480-90 aus den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen Donaueschingen ächzend auf ihren Schultern tragen, handelt es sich nämlich nicht nur um „figürliche Darstellungen“, wie es der Audioguide harmlos erläutert, sondern um gebeutelte Vasallen, die sehr symbolisch den Übergang von Zepter zu Scholle bilden.
Die Vorankündigung der Ausstellung verspricht dagegen „ein Nationalmuseum auf Zeit“. Allein der Begriff ist trügerisch. Denn dem Wesen der „Nation“ ist die gemeinsame Teilhabe an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eigen. Ein „Nationalmuseum auf Zeit“ kann daher zu keinem Zeitpunkt Nationalmuseum sein, weil es der Gemeinschaft ja gerade vor Augen führt, an was sie nur beschränkt teilhaben und was ihr eben ausdrücklich nicht zukommen soll. Sowohl im begleitenden Ausstellungskatalog als auch in eingangs zitierter Rede wird betont, dass der Eigentümer das Recht behalten müsse, zu entscheiden, „wann er wen als Gast empfangen und was er ihm dabei aus seinem Kunstbesitz zeigen möchte“. Dieser Anspruch ist verständlich, niemand möchte Hinz und Kunz am Wochenende seine Briefmarkensammlung vorführen müssen (auch wenn dieser Vergleich zugegebenermaßen hinkt, da deren Wert für die Allgemeinheit wohl ungleich niedriger sein dürfte). Nur wirkt es doch ob dieses adligen Begehrens zumindest etwas forsch, im nächsten Satz ausdrücklich nach mehr öffentlicher Förderung zu verlangen.
Der Hinweis darauf, vielen der erhaltenen Schlösser, Schatzkammern und Sammlungen komme zu wenig Anerkennung zu, ist fraglos richtig. Jedoch impliziert ein gesteigertes öffentliches Interesse eben auch die Abkehr von einer Idylle zwischen Dünkelpflege und Knotentanz. In den Augen Maria Theresias - älteste Tochter der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, aufgenommen 1999 von Thomas Ruff - und anderer adliger Porträtierter vergangener Jahrhunderte spiegeln sich indes dasselbe Machtbewusstsein wider und jenes Wissen um ein natürliches Vorhandensein bündischer Geborgenheit in einer gesellschaftlichen Schicht, die bis heute an der Weitergabe ihr eigener Traditionen und Werte festhält und entgegen der allgemeinen Annahme trotz herzzerreißender Hochzeitsübertragungen kein Verlangen und auch gar keinen Bedarf an einer wirklichen Öffnung hat.
Gelegentlich beschleicht einen daher das Gefühl, es gehe der Ausstellung gar nicht um das Begreifen des Wesens jener bis heute existenten Sammelleidenschaft des Adels, um Idee und Ausführung der ansehnlichen Sammlungen, die unstrittig ein unverzichtbares Fundament der Kultur bilden, sondern durchaus um die befürchtete eitle Präsentation Herrschaft signalisierender Objekte. Für den Betrachter erheiternd, führen sich dabei in einer Ecke des Museums die Damen des Hauses Metternich selbst ad absurdum, wenn sie in anachronistischer Selbstherrlichkeit und zum Teil fabelhaft blasiert für die 2002 auf Schloss Vinsebeck entstandene Performance von Vanessa Beecroft in die Kamera schauen, an der übrigens auch andere „adlige Damen aus der Nachbarschaft“ teilnahmen. Frisch und entspannt wirken hier nur die ebenfalls mitwirkenden Schauspielerinnen Hanna Schygulla und Irm Hermann.
Gezeigt werden, das sollte man noch einmal betonen, größtenteils ausnehmend schöne und interessante Objekte aus mehreren Jahrhunderten, auch wenn der Hintergrund ihrer Zusammenstellung und Kommentierung oft rätselhaft bleibt. Zwar vermitteln die mit rauchig-kratziger Schlossherrinnenstimme im Audioguide vorgetragenen Erläuterungen der Fürstin zu Waldeck und Pyrmont zu ihrem bärbeißig dreinschauenden Vorfahren Grafen Philipp III. von Waldeck spannende Hörspielatmosphäre. Jedoch würden ein paar mehr Erklärungen zu Johann Aldegrever, der das Bild 1535 immerhin schuf, der Vorstellung des Werkes auch nicht schaden. Kuratoren und Eigentümer hätten gut daran getan, stärker auf kunsthistorische Hintergründe der Objekte zu verweisen, anstatt den Umstand adligen Besitzes für sich zum Leitmotiv der Ausstellung zu krönen.
Allein um der Betrachtung des großartigen, frisch restaurierten Rembrandt-Gemäldes Diana mit Aktäon und Kallisto von 1634 aus dem Hause Salm-Salm willen lohnt sich der Besuch des Hauses der Kunst allerdings schon. Vieles, was sonst nach Aussage eines entzückten Schlossherrn in dunklen Ecken hängt und nun endlich vernünftig zu sehen ist, wie Anthonis van Dycks Amaryllis und Mirtillo von 1630 aus den Sammlungen der Grafen von Schönborn, wird man zudem vielleicht schon recht bald bei entsprechender Finanzkraft auf dem internationalen Auktionsmarkt ersteigern können.
Im Haus der Kunst in München noch bis zum 13. Februar 2005.
Das Katalogbuch Schatzhäuser Deutschlands – Kunst in adligem Privatbesitz von Wilfried Rogasch erscheint im Prestel Verlag (264 Seiten, 260 Farbabbildungen) und kostet 49,95 Euro.














