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Ulrich Moskopp bei Galerie von maltzahn fine arts, München

Augenspiel

Evelyn Pschak

24. Januar 2007 

Ulrich Moskopp, „3 – malerei/zeichnung/film“, Galerie von Maltzahn fine arts, München. 16. Januar bis 3. März 2007

„Ein graues Auge – ein schlaues Auge // Auf schelmische Launen deuten die braunen, // Des Auges Bläue bedeutet Treue, // Doch eines schwarzen Augs Gefunkel // Ist stets, wie Gottes Auge, dunkel.“ Wer weiß, woher der aserbaidschanische Dichter Mirza Schaffy Gottes Augenfarbe kannte. Den Schleier von Manoppello, der das Antlitz Jesu zeigt, kann er nicht gesehen haben. Dort ist Jesu Augenfarbe braun, was auf eine Charakterisierung des Gottessohnes als Spaßvogel deuten müsste, sicher aber so nicht intendiert war. Die Zeilen weisen vielmehr darauf hin, dass der Dichter eine Vertrautheit sucht in Gott, ihn sich vorstellen können möchte. Der Mensch empfindet über seine Sinne, hier lässt er sich berühren.

Das hatte auch die Kirche früh erkannt und visualisierte die Glaubensgeschichte – trotz des dritten Gebots „Du sollst Dir kein Bildnis machen“. Der Mensch, vor allem der gläubige, ist eben ein findiges Wesen: Im Jahre 787 erlaubte der Konzil von Nicäa wenn schon nicht die Anbetung, so doch die Verehrung von Idolen. Eine weitere Möglichkeit, dem Gläubigen Bildnisse Jesu zu präsentieren, bestand durch Acheiropoíeta, den „nicht von Menschenhänden geschaffenen“ Darstellungen Christi. Beispiele dafür sind das Turiner Grabtuch, das Schweißtuch der Veronika im römischen St. Petersdom oder eben der Schleier von Manoppello, auch bekannt als Volto Santo, aufbewahrt in einer kleinen Kirche in den Abruzzen.

Der Kölner Künstler Ulrich Moskopp erblickte Gottes Auge, als er die Duschkabine seines Fitness-Studios verließ. Es war im Nachrichtenmagazin Focus abgebildet. Dazu gehörte eine Buchbesprechung von Paul Baddes religionsgeschichtlicher Detektivarbeit Das Göttliche Gesicht. Die abenteuerliche Suche nach dem wahren Antlitz Jesu, in der Badde behauptet, das Volto Santo sei das wahre Schweißtuch der Veronika, das Rom schon vor 500 Jahren verlassen hätte. Im Vatikan würde den Gläubigen seit dato nur eine graufleckige Fälschung präsentiert. Moskopp kaufte das Buch, las es und tat es zuerst als „Schwärmerei“ ab. Aber es ließ ihn doch nicht los. „Dann habe ich mir von einer Internetseite das Volto Santo ausdrucken lassen und es mir über das Bett gehängt. Ich habe festgestellt, dass sich dieses Gesicht sogar als Computerausdruck jeden Tag verändert. Es hat jeden Tag ein bisschen anders geguckt.“

Das Auge verfolgte ihn – und die „Art und Weise des Blickes, den ich in der Malerei noch nie gesehen habe. Ich kenne diese Art zu blicken weder aus der sienesischen Malschule noch von Leonardo noch von anderen aus dem Umkreis. Ich kenne keinen Blick, der diesem von der ikonografischen Anmutung her ähnelt.“ In der Münchner Galerie von maltzahn fine arts kann man sich diesem Blick nun hingeben. Moskopp erarbeitete die hier zum ersten Mal als Videoinstallation gezeigte Arbeit als Trilogie. Der Hauptteil widmet sich nur dem Blick: Im Close-up sucht die Kamera das Antlitz unter einem Lichtkegel ab, die geheimnisvollen Züge erscheinen als Sfumato in grauen, blauen und erdfarbenen Tönen. Die sich stets wiederholende Sequenz füllt den mit schwarzem Vorhang ausgeschlagenen Videoraum mit einer grobkörnigen Textur. Die Tongebung im Film ist äußerst reduziert. Ab und zu erklingt eine Glocke, eine Tür fällt ins Schloss, ein Kapuzinermönch betet. Die Klänge wurden von Moskopp verlangsamt, teilweise bis zu ihrer vierfachen Entschleunigung, und verstärken so die schwebende Mystik seiner Videoarbeit.

Der Blick wirkt weiter, selbst in der starken Verfremdung durch Moskopps Technik: „Ich habe kein Hightech-Material benutzt, sondern eher semi-professionelles Hobby-Material. Ich habe auch kein tolles Schneideprogramm. Ich habe einfach den Computer-Bildschirm abgefilmt und das, was ich da abgefilmt habe, wieder auf dem Schirm ablaufen lassen und das wieder abgefilmt. So kann man durch ganz einfache Mittel Auflösungsprozesse in diesen Moiré-Pixelungen, diesen Grauwerten darstellen.“ Ergänzt wird die verfremdete Videomeditation durch einen zweiten und dritten dokumentarischen Teil, der die Ikone situativ als bekrönte Monstranz im Kirchenraum und in ihrer Umgebung, dem kargen Kalkmassiv der Abruzzen, mit Pilgern und Mönchen zeigt. Diese Ausführlichkeit ist dem mystischen Zauber, den die Hauptarbeit zu entfalten weiß, eher abträglich. Faktengestützte Hingabe ist nun mal schwieriger als schwärmerische.

Dabei kennt sich Moskopp mit der Sichtbarmachung von Geheimnissen aus: Das malerische Œuvre des einstigen Meisterschülers Gotthard Graubners, spürt, so der Kunstkritiker Georg Imdahl, dem „Mysterium der Farbe“ nach, die in seinen Arbeiten als „Spiegel einer spirituellen Geisteshaltung“ fungiert. Werke aus drei Jahrzehnten sind in der Ausstellung der Galerie von maltzahn fine arts vertreten, die älteste Arbeit – Welt – stammt von 1975. Da war Moskopp 14 Jahre alt. Auch diese frühe Tuschearbeit spricht von Geheimnissen – des Kosmos, seines Ursprungs, der Stellung des Menschen darin.

Im Laufe der Jahre ist Moskopp ungegenständlich geworden, die Visualisierung von Transzendenz und spiritueller Tiefe ereignet sich nun über die spezielle Ölfarben-Harz-Technik des Künstlers. Das Dammarharz wird mit einem Pinsel oder Roller in waagrechten Zügen auf das an der Wand fixierte MdF aufgetragen und fließt, wenn auch zäh und langsam, durch den Einfluss der Schwerkraft gen Boden. Das Farbgemisch trocknet anschließend hochglänzend. Durch die Transparenz des Pigments im Dammar ergibt sich ein eigentümliches Tiefenlicht, das durch die Übereinanderlagerung mehrerer transparenter Lasuren noch verstärkt wird. Die Réunion-Serie von 2005 entspricht dieser Technik und wird auch in den neuen Räumen Egbert von Maltzahns gezeigt. Es ist die dritte Ausstellung seiner Galerie für zeitgenössische Kunst im Fruchthof im Münchner Süden.

Seit 2000 frisch restauriert, beginnt sich der Fruchthof an den Großmarkthallen im bislang kulturell wenig wahrgenommenen Münchner Viertel Sendling als Areal für Ateliers, Design- und Fotostudios zu etablieren. Von Maltzahn glaubt an Synergieeffekte und schließt gemeinsame Projekte mit der Nachbarschaft nicht aus. Doch für die nächste Ausstellung ist zunächst die Münchner Künstlerin Nana Dix angekündigt. Sie hat im von den grässlichen Kunst-Löwen bevölkerten Münchner Stadtraum durch ihren Beitrag eines der am wenigsten schrecklichen Löwen auf sich aufmerksam gemacht. Er trägt die Wundmale Jesu Christi und eine Dornenkrone. Das nennt man Kontinuität des Galerieprogramms... Im Sinne Friedrich Schlegels müsste es mit Nana Dix auch weiterhin geheimnisvoll bleiben, denn „Mysterien sind weiblich“…


Offenen Auges von Michael Mayer

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