17. Oktober 2007
Zhang Huan, „Berlin Buddha“, Haunch of Venison Berlin, organisiert in Zusammenarbeit mit Volker Diehl, Berlin. Vom 29. September bis 8. Dezember 2007
Er zählt zweifellos zu den im Westen erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlern aus China. Zhang Huan, der etliche Jahre in New York lebte, wurde vor allem durch seine Performances bekannt, aber auch durch emblematische Werke wie die fotografische Serie Family Tree (2000), in der er seinen Körper zum Träger eines kulturellen Erbes machte: Chinesische Meister der Kalligraphie hatten Texte ihrer Wahl auf das Gesicht des Künstlers aufgetragen, bis es vollständig von Tinte geschwärzt war. Derzeit kann man sich in Berlin wieder einmal davon überzeugen, dass Zhang Huan in der Tat sehr viel mehr zu bieten hat als manche seiner Kollegen, die in vorauseilendem Gehorsam oberflächliche Werke für einen boomenden Kunstmarkt produzieren.
In den hohen Hallen von Haunch of Venison sitzen sich zwei gewaltige Statuen gegenüber: die fast vier Meter hohe Skulptur eines Buddhas in Meditationshaltung aus gepresster Asche vis-à-vis der Aluminiumform, der er entstammt. Doch fehlt der Ascheskulptur ihr Kopf. Dieser war bis zum Tag der Ausstellungseröffnung von Platten und Trägern gestützt, die dann in einer öffentlichen Performance entfernt wurden. Der Kopf stürzte zu Boden und zerbarst. Die Assoziation, die sich beim ersten Betrachten aufdrängt – die Bilder zerstörter Buddhastatuen im Zuge politisch und religiös motivierter Ikonoklasmen – ist sicher nicht ganz unintendiert. Zhang Huans monumentale Bronzeskulpturen, Fragmente von Buddhastatuen, etwa Buddha Hand oder Buddha Leg (beide 2006), wurden von einer Reise nach Tibet inspiriert, während der der Künstler immer wieder auf Bruchstücke kleiner Statuetten des Erleuchteten stieß. Diese waren zwar Opfer von Gewaltakten, die sich gegen eine Verehrung Buddhas und seiner Bildwerke richteten, dennoch besitzen sie für die Gläubigen unverändert starken devotionalen Charakter.
Gepresste Asche, die Zhang Huan bei seiner Rückkehr nach Shanghai im Jahr 2005 als künstlerisches Material für seine jüngsten Gemälde und Skulpturen entdeckte, kommt seinem großen Interesse an der Bewahrung von Wissen sowie an Ausdrucksformen des Spirituellen in höchstem Maße entgegen. Die Asche entstammt den Tempeln in seiner Umgebung, wo im Zuge neuer Umweltbestimmungen die Überreste der unzähligen zu Gebetszwecken entzündeten Räucherstäbchen nunmehr als Abfall entsorgt werden. Zhang Huan verwendet das Material als Träger von kollektiven und individuellen, bewussten und unbewussten Wünschen nach körperlichem wie geistigem Wohlergehen, als Vermittler einer ganzen Kultur. Das Verbrennen von Rauchwerk hat in China eine lange Tradition und ist im medizinischen Bereich angesiedelt, vor allem aber im Kontext religiöser Handlungen wie auch der Verehrung von Ahnen oder Geistern.
Zhang Huans Berlin Buddha ist also nicht nur der äußeren Form nach ein Behältnis für religiös-philosophische Wertesysteme und deren Niederschlag in der Alltagskultur, sein Material ist ein ebensolches Sediment. Dazu ist die Asche ein ausgesprochen sinnliches Material. Über der gesamten Ausstellung liegt ein schwach würziger, rauchiger Duft. Vor allem aber ist die Asche ein ausgesprochen ephemeres Material und so wird die imposante Statue im Laufe der Ausstellung allmählich zerrieseln, während ihre Negativform dabei stoisch zusieht. So kann man im langsamen Verfall der Statue eine Verbildlichung buddhistischer Lehre sehen, ein Sinnbild für das erstrebte Loslassen alles Materiellen, aller weltlicher Erscheinungen – oder gleich die wörtliche Umsetzung des Nirwana, des Verwehens. Doch bei aller inhaltlichen Tiefe und der bravourösen Umsetzung religiös-philosophischer Komplexe behandelt Zhang Huan auch noch wie von leichter Hand formale Grundprobleme der Skulptur nach westlichem Verständnis, indem er seiner Positivform zum Trotz die negative Hohlform überleben lässt.
Noch sehr viel irdischer geht es im rückwärtigen Raum der Ausstellung zu, wo ein Video die Arbeit an der großen Skulptur sowie die freudige Entdeckung der Asche als künstlerisches Medium dokumentiert. Daneben hängt eine vorbereitende Studie zu Berlin Buddha, die mit Tusche und Sojasauce entstanden ist und so eine gewisse selbstironische Distanz zu einer allzu ehrfürchtigen Haltung einnimmt. Im Obergeschoss, das nun sämtlichen Besuchern offen steht, werden drei Arbeiten aus der Serie Earth Life präsentiert: Gemälde von Insekten wie etwa Libellen, die ihrerseits als Allegorien für Metamorphose und Vergänglichkeit angelegt sind. Doch brauchen die Skeptiker und Zyniker unter den Beobachtern der Kunstszene nicht zu befürchten, dass mit diesem bemerkenswerten Projekt Erleuchtung und Entsagung Einzug in die Welt des Handels und Wandels gehalten hätten. Zeitgleich präsentiert Zhang Huan im Hof der Londoner Royal Academy of Arts seine enorme Bronzeskulptur Three Legged Buddha (2007), während das dort ansässige Haupthaus von Haunch of Venison seine Ausstellung Ash feilbietet.
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