7. Mai 2008
Bernard Buffet - "Maler, Painter, Peintre", im MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Vom 18. April bis zum 3. August 2008
Bernard Buffet? Ist das nicht der Maler, der diesen Clown gemalt hat, den man in der Kindheit der 1960er Jahre in fast jedem Flur oder Warteraum einer Arztpraxis vorfand? Ist er nicht der Künstler, der so überaus erfolgreich und geradezu populistisch das Kunstverständnis der Adenauer-Ära dahingehend zu prägen verstand, dass es in Kaufhäusern mühelos wiederzufinden war? "Ja genau!", antwortet Udo Kittelmann, der mit einer Buffet-Ausstellung seine Trilogie vergessener und neu zu bewertender Positionen abschließt. Genau dieser vom Kunstbetrieb verachtete und verpönte Künstler, dessen Werke in die Tiefen der Archive und Museen verbannt sind. Nach dem Bildhauer Hans Josephson und dem Fotografen Miroslav Tichý soll Buffet mit der heutigen Distanz neu vermessen werden. Die Widerstände gegen dieses Unternehmen sind allerdings auch unter Fachkollegen beträchtlich.
Buffet wird im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) mit sechzig Werken aus fünf Jahrzehnten wieder sichtbar. In Anbetracht seiner annähernd 8000 Gemälde - das grafische Ouvre dabei nicht eingerechnet - ist dies sicherlich ein Bruchteil. Aber selbst dieser ausgestellte Ausschnitt ist überwältigend genug. Nähert man sich dem heute nahezu unbekannten Werk assoziativ, stellen sich Bilder wie adäquate Chiffren eines existenzialistischen Zeitgeistes ein: Marcel Carnés Kinder des Olymp werden präsent, Fellinis Müßiggänger spazieren, Gelsomina erkrankt an Zampanos Kälte. Man hört die Stimme des Schriftstellers Steiner, wie er in La dolce vita dem Reporter Marcello die einsamen Welten des Künstlers Giorgio Morandi näher zu bringen versucht. Das herzzerreißende Weinen des Charlie Rivel erscheint ebenso vor Augen wie die geistige Lektüre von Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns.
Als Maler ist Bernard Buffet Autodidakt. Im Grunde sind alle seine Bilder großformatige Bleistift- oder Kreide-Zeichnungen auf Leinwand. Seine frühen Interieurszenen (z.B. Mann auf der Toilette, 1947) verweisen schon auf die bildnerischen Verfahren des Comics. Das Sujet zeigt sich in kompromissloser Härte, entrümpelt von allem symbolischen Schnickschnack. Es zeigt, was es zeigt. Und er malt sehr schnell, drei bis vier Bilder die Woche, 150 Bilder im Jahr. Meistens arbeitet er an mehreren Bildern gleichzeitig. Eine malerische Tiefe ist nicht gewollt und vielleicht auch nicht gekonnt. Das Gesagte hat für ihn weniger Bedeutung als das Nichtgesagte. Sein Ausdrucksmittel ist allein die Malerei. Mit ihr nimmt er seine Realität auf wie ein Schwamm. "Man spricht nicht darüber, man analysiert sie nicht, man spürt sie", meint Kittelmann. Seine Vorbilder, sofern er sich auf Vorbilder bezieht, sind Baron Gros, Rembrandt und vor allem Gustave Courbet. "Was die Impressionisten anbetrifft, mag er ihre Unschärfe nicht, und vor allem kann er Monet nicht ausstehen." Rigoros schafft Buffet ein Universum, das sich in der durchgängigen Entleerung des Bildes von Illustration und Psychologie durch die Jahrzehnte zieht. Diese Konsequenz wird Buffet dergestalt zum Verhängnis, als sie von der Kunstkritik als "billigster Manierismus" abgetan wird.
Scheinbar bedenkenlos buchstabiert Buffet seinen immergleichen Strich durch alle möglichen Themen, wie in der Ausstellung zu verfolgen ist. Von der Passion Christi zu den Schrecken des Krieges, von der Architektur über Affen, Eulen und Rennautos bis hin zu großen, am Historienbild orientierten Zyklen wie Dantes Inferno oder Jules Vernes Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. Die schablonenhafte Drastik des immergleichen Strichs und die krude Motivenzyklopädie führen offensiv und gewalttätig vor, was es bedeutet, alles in Bildzeichen verwandeln zu können. Hinter der klaustrophoben Selbstbezüglichkeit verbirgt sich ein absolut transzendenzloses Nichts. Diese Bilderfindungen gehen weit über ihre Zeit hinaus und gleichzeitig weit in die Zeit hinein. Sie ähneln zwar den Strategien der Pop-Art, feiern aber nicht lustbetont die Oberfläche oder überhöhen das Banale. Stattdessen verweisen Buffets Sujets auf eine Stunde Null. Jean Cocteau charakterisiert Buffet schließlich mit einem Wort: "Mittelalterlich. Dieser Begriff drängt sich mir auf, wenn ich versuche, das Werk Bernard Buffets in einem Wort zusammen zu fassen."
Befragt man Buffets Werk auf seine gegenwärtige Bedeutung, so kann man ihn vielleicht als Ahnherr heutiger figurativer Malerei ansehen. In der Ausstellung "Cher Peintre, lieber Maler, Dear Painter" (2002 im Pariser Centre Pompidou und anschließend 2003 in der Frankfurter Schirn) wurde er "als einer der wenigen wirklichen Popstars unter den bildenden Künstler der Moderne" bezeichnet. Schaut man sich seine Gemälde allerdings intensiver an, zerrinnen die vergleichenden Kategorien. Buffets Konsequenz ist nicht punkig, sie ist auch nicht cool. Seine Bilder sind anstrengend, widersprüchlich und herausfordernd. Seine Gemälde strotzen vor oppositioneller Kraft, auch wenn die inhaltliche Qualität nicht immer offensichtlich ist und Referenzen heranzuziehen sich als wenig hilfreich erweist. Sicherlich ist Picassos Guernica illustrativer als Buffets Engel des Krieges. Aber ist das dargestellte Kriegsgrauen darum banaler? Das geschulte Auge sieht in der Passion Christi. Die Kreuzigung (1954) natürlich Anklänge an Max Beckmann. Buffet wird ihn allerdings nicht herangezogen haben.
Die Qualität seiner Arbeiten ist aus heutiger Sicht also beschreibbar. Trotzdem ist es nachzuvollziehen, dass Buffet der Vergessenheit anheim fiel und aus dem kunsthistorischen Bewusstsein verdrängt wurde. Die Moderne war seiner malerischen Buffetisierung der Welt überdrüssig. Zu erfolgreich war seine mediale Präsenz. Turnschuhe und Kaffeegeschirr in der Maniera Buffet unterzogen sich den raschen Verfallszeiten der Mode. Buffet malte trotz alledem jahrzehntelang unbeirrt seinen Stil weiter. Diese Konsequenz gewinnt mit zeitlichem Abstand eine ganz eigene Aktualität. Vergleicht man etwa seine Politikerporträts, beispielsweise Ludwig Erhard auf der Titelseite des Spiegel oder das Porträt von Mao, als Mann des Jahres, auf der Titelseite des Stern, sind sie in ihrer comichaften Ikonizität aussagekräftiger als all die vielen gemalten Maos der jungen chinesischen Avantgarde.
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