25. März 2008
Ivan Bazak: "Häuser", Kewenig Galerie, Köln. Vom 8. Februar bis 30. März 2008
Wenn man in Köln die jüngste Ausstellung des ukrainischen Künstlers Ivan Bazak besucht, erhält man unvermutet Einblick in den Maschinenraum der Malerei. Im verdunkelten Souterrain der Galerie Kewenig sind dreidimensionale, medial angereicherte Häusermodelle zu sehen, darüber, im von der Straße aus zugänglichen Parterre-Geschoss, werden Gemälde verwandter Motivik zur Schau gestellt. Diese Ölgemälde von Häusern in Grisailletechnik werden räumlich wie die Metaebene der Objekte präsentiert. Betrachtet man nun auch noch die Biografie des Künstlers, ist man um ein weiteres motiviert, zuerst den unteren Raum zu betreten. Bazak nämlich hat vieljährige Erfahrung als Bühnenbildner. Die hochprofessionell gebauten und im Innern mit Beleuchtung, Video und Sound ausgestatteten Hausmodelle sind ausgeklügelte, theatralische Angebote, die sich imaginär inszenieren lassen. Das Modell ist das Fundament.
Der versierte Bühnenbildner hat offenbar seine handwerkliche Kompetenz nur als Vehikel für etwas gänzlich anderes genommen: Im Innern seiner Modelle spielen sich, belebt durch kinematografische Interventionen, Szenerien unterschiedlicher Feste bei fremden Völkern und in unbekannten Sprachen ab. Tritt der Besucher über eine Relaisschaltung, so belebt sich das Bühnenbild, indem Licht angeht. Der Betrachter wird zum Voyeur und schaut Ritualen wie Hochzeiten zu, bei denen sich Sprachbrocken zu Sätzen formieren und wir zu vermuten beginnen, dass der Künstler selber die Kamera führte und die vorgeführte Inszenierung seinem filmischen Urteil unterlag. Die zwischen 2.000 und 8.000 Euro kostenden Objekte tragen Titel wie Tiroler Haus und geben peu à peu ihre Geheimnisse preis, indem sich sukzessive die Sprache der handelnden Personen erschließt. Die in Endlosschleife projizierten, unterschiedlich langen Videos sind in die Materialassemblagen integriert, zu denen - je nach verwendeter Technik - auch Videorekorder, LCD-Monitore und dergleichen mehr gehören. Wären es keine Innenräume, so könnte man bei dem vorgestellten Filmmaterial an eine gewisse Form von Roadmovie denken. In der Summe der Clips, in der Möglichkeit, sich von Modell zu Modell zu bewegen, birgt dieses Kellerszenario etwas Stringentes. Hier hat jemand, der im westlichen Europa vermutlich über Jahre von Sprachfetzen ihm unbekannter Inhalte umgeben war, eine sehr lockere, humoristische Form gefunden, auch scheinbar Absurdes umzusetzen und zu inszenieren - im wahrsten Sinne des Wortes. Schnitt: Wir stehen vor einem 2,45 Meter hohen Wachturm (7.500 Euro).
Angesichts der zeitgeistigen Trashkultur, die ausgestellt wird, assoziiert man zunächst die Arbeiten des oft an der Berliner Volksbühne arbeitenden Bernd Neumann. Ein Blick in die Biografie Bazaks offenbart jedoch, dass dieser bei zahlreichen Ausstattungen Karl Kneidls assistierte, des Düsseldorfer Kunstakademieprofessors, bei dem er seit 2005 Meisterschüler ist (darunter Hans Neuenfels' Jelinek-Projekt am Deutschen Theater Berlin (2002), Peter Zadeks Peer Gynt am Berliner Ensemble (2003) und Totentanz in Wien (2005)). Der Künstler als Bühnenbildner, als Filmregisseur, als Arrangeur und nicht zuletzt als derjenige, der sich und sein Werk an dieser Stelle recht wunderbar inszeniert, sprich in Szene setzt. Betrachtet man nämlich das Parterre ohne das Souterrain und umgekehrt, so ergibt sich ein vollkommen anderes, wesentlich unstimmigeres Bild. Erst in der Zusammenschau mit den belebten Modellen wird plausibel, weshalb die stummen, grauen Acrylschinken an den Wänden prangen, weshalb diese schweigenden Giganten (Preise je nach Format zwischen 4.400 und 10.000 Euro) dem Evenement den Titel "Häuser" verleihen und dabei allesamt auf Titel verzichten.
So, wie die Kellergebilde dem Besucher ein Quäntchen Geduld abnötigen und erst erschlossen werden müssen, sind auch die gemalten Tableaus nicht von vornherein zuzuordnen. Es scheinen aber Reminiszenzen an dunkle Zeiten, an Grautöne und nur limitiert farbige Welten zu sein, die da Revue passieren. Ob das, wie im Galerietext angedeutet, zwingend sowjetische oder gar post-sowjetische Traditionen oder gar deren Exorzismus sein müssen, das sollte wahrscheinlich jeder für sich allein befinden. Sicher ist: Die Gemälde sind menschenleer. Sie sind nach fotografischen Vorlagen umgesetzt und im Vergleich mit den Modellen sind sie hermetisch. Sie schweigen, schweigen uns an und schweigen sich aus. Manche werden das melancholisch finden, andere darin etwas kulissenhaftes erkennen, das vielleicht auf eine Verbindung zu den Objekten hinweist.
Man wird voraussetzen dürfen, dass einem jungen, knapp dreißigjährigen, ukrainischen Künstler nicht rein zufällig ein übermenschengroßer Wachturm unterläuft. Und so, wie jeder seinen biografischen Ballast in sich trägt, hat sich natürlich auch in Ivan Bazak sein Leben eingeschrieben. Dies zwingend an Systemanalyse und -verdauung binden zu wollen, greift in diesem speziellen Fall wohl doch etwas zu kurz. Hier beobachtet jemand mit ganz feinem Gespür für das Subtile, hier baut ein Handwerker-Künstler Modelle von und nach dem Leben, die in den zwei Dimensionen der Malerei stiller und deshalb vielleicht nachhaltiger sind. Es wird spannend sein zu sehen, ob Ivan Bazak sich zukünftig für oder gegen das eine oder andere Medium entscheidet oder ob er Objekt und Malerei am Ende miteinander in Verbindung bringen wird.
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