Kunst, die sich mit den ganz großen Themen der Menschheit auseinandersetzen will, läuft immer Gefahr, ins Melodramatische oder Plakative abzugleiten. Kunst, die schockieren will, läuft immer Gefahr, sich schnell abzunutzen. Folglich ist Kunst, die beides tut, eine ziemlich riskante Angelegenheit. Das Werk der Belgierin Berlinde De Bruyckere fällt in diese Kategorie. Bekannt wurde die Künstlerin mit ihren lebensgroßen Skulpturen von verstümmelten Pferdeleibern, die mit echter Pferdehaut überzogen sind. Wenn man den wuchtigen, verkrümmten Körpern zum ersten Mal begegnet, ist der Schauer auf dem Rücken garantiert. Dementsprechend kam es vor vier Jahren in Arnheim, wo drei der Pferde während des Skulpturenfestivals Sonsbeek hoch oben in einem Baum im Park hingen, zu heftigen Protesten und die lokale Zeitung wurde mit bösen Leserbriefen überflutet. In der seit Sensation etwas eingestaubten Welt der Schockkunst dürfte das einem Ritterschlag gleichkommen.
Im Vergleich dazu wirkt der Beginn der Ausstellung Één im Tilburgschen De Pont museum of contemporary art geradezu zahm. Weit und breit ist kein totes Pferd zu sehen – dafür steht mitten im Saal ein riesiger, mit schmierigen Decken und Kissen überfrachteter Leiterwagen namens De Zone. De Bruyckere fertigte ihn 1996 an, inspiriert durch Fernsehbilder von Flüchtlingsströmen während des Bürgerkriegs in Ruanda. Einige ihrer späteren Themen sind hier bereits enthalten: Der Krieg ebenso wie die ambivalente, zugleich beschützende und erstickende Eigenschaft von Stoffen, Decken und Häuten.
Ihre jüngeren Werke hat die Künstlerin bewusst in intimeren, abgeschotteten Kabinetten arrangiert. Dort begegnet man auch den berüchtigten Pferden, die ihr seit der Residency im In Flanders Fields Museum im belgischen Ieper als Metapher für Krieg, Kraft und Verletzlichkeit dienen. Die gesichtslosen Leiber liegen auf wackeligen Holzböcken, trotzen der Schwerkraft und tragen Narben aus ihrem früheren Leben zur Schau. Manch ein Leib entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Konglomerat aus zwei Wesen, die ineinander verschlungen auf ewig unfreiwillig koitieren – Eros und Thanatos in Pferdegestalt.
Das archaische Themenpaar kehrt jedoch auch in menschlicher Gestalt zurück. In einer großen Vitrine, die aus einem altmodischen Naturkundemuseum stammen könnte, zehspitzelt eine nackte Menschenfigur auf gakeligen Beinchen, umklammert von und verwachsen mit einem zweiten Wesen. Die wächserne Haut der Gestalten ist leichenhaft grünlich und in ihrer Gesichtslosigkeit wirken sie völlig in sich selbst gekehrt. De Bruyckeres menschliche Figuren sind alle ein wenig unterlebensgroß, was den Eindruck der Hilflosigkeit noch verstärkt. Klein, nackt und grüngefroren klammern sie sich an Bretter oder winden sich auf Tischen und wirken dabei wie einem Gemälde von Francis Bacon entsprungen.
Alle Intensität jedoch hilft nicht darüber hinweg, dass das Werk der Belgierin recht repetitiv ist und sich in wenigen Wortpaaren zusammenfassen lässt: Liebe und Leid, Bedrohung und Schutz, Leben und Tod, Körper und Hülle. Das mögen große Themen sein, aber sie bergen, sobald die Schockwirkung abflaut, auch ein großes Gähn- und Nervpotenzial. Einen Ausweg weist vielleicht die kleine Skulptur Wezen (2003-2004), eine beinahe niedliche Zwitterkreatur aus Mensch und fleischfarbener Decke, die einfach nur auf einem Brett sitzt. Hier lastet einmal nicht die ganze Schwere des Seins auf den Schultern von Objekt und Betrachter, sondern kommt ein Hauch von Humor und Sympathie ins Spiel, das dadurch beträchtlich an Subtilität gewinnt.
Noch bis zum 29. Mai 2005 im De Pont museum of contemporary art in Tilburg, Wilhelminapark 1, 5041 EA Tilburg.


















