Restitution, Raubkunst – aktuelle Notizen zum Thema

Zu schrille Stimmen

Daniel Kletke
17. März 2008
In den letzten Wochen waren immer lautere Töne zu vernehmen, die in Zusammenhang mit Restitutionsforderungen standen. Nicht jede Pressemeldung zu diesem Thema aber wird den Schwierigkeiten der Sache gerecht und mancher schrille Ton in der Debatte ist sogar kontraproduktiv. Wir erinnern uns an die spektakulären, teils heftig und auch kontrovers disputierten Restitutionen der letzten Jahre, zweifellos angeführt von den Klimt-Gemälden im Wiener Belvedere und Ernst Ludwig KirchnersStraßenszene aus dem Berliner Brückemuseum. Nun werden die Medien nicht müde, die Öffentlichkeit über Rückgabeforderungen zu informieren, die manchmal so sensationalistisch ausfallen, dass man zu Ruhe, Ausgewogenheit und Gelassenheit aufrufen möchte. Polemik ist in diesem Kontext deplatziert und degoutant.

Lyonel FeiningersKirche in Niedergrunstedt bei Weimar, seit 1949 als Dauerleihgabe des Landes Berlin in der Nationalgalerie in Berlin, erfahren wir, habe einen dunklen Punkt in seiner Provenienz. Vormals Eigentum der Familie Daus, die 1933 Nazi-Deutschland verließ, scheint es keine plausible Antwort darauf zu geben, wer zwischen 1933 und 1949 der Besitzer war. Mag das auch nicht unwahrscheinlich sein, handelt es sich im Fall des Feininger-Tableaus doch um eine offene Frage. Wengleich es natürlich ärgerlich ist, dass mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende immer noch haufenweise ungeklärte Fragen dieser Art bestehen, sollte man dabei nicht vergessen, dass gerade zu Beginn des Jahres eine aus Mitteln des Kulturstaatsministers, der Kulturstiftung des Bundes und der Länder, bezahlte Forschungsstelle an den Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, eingerichtet worden ist, die gezielt die dunklen und die Schattenseiten der Bestände unter die Lupe nehmen soll. Das Fördervolumen dieser Einrichtung beträgt mehr als eine Million Euro pro Jahr und legt die Hoffnung nahe, dass in naher Zukunft sachbezogene Informationen zu fragwürdigen Objekten vorgelegt werden. Ausführliche Informationen dazu gibt eine Webseite der Staatlichen Museen zu Berlin.

Pikanter und anders stellt sich der seit Jahren debattierte Fall der Plakatsammlung Sachs am Deutschen Historischen Museum in Berlin dar. Während der Sammler Hans Sachs bereits 1961 entschädigt worden war und in einem Brief schrieb, seine Ansprüche seien nunmehr "gedeckt", führt jetzt sein Sohn Peter Klage. Und das, nachdem die von der Bundesregierung berufene "Beratende Kommission", zu der neben Jutta Limbach auch Richard von Weizsäcker gehörte, im Jahr 2005 für das Museum entschieden hatte. Wenn aber bei einem quasi lückenlos dokumentierten Vorgang und unter Einbeziehung der Bundesregierung immer noch keine einvernehmlichen Lösungen gefunden werden können, dann drängt sich der Verdacht auf, dass jemand auf Wiedergutmachungen pekuniärer Art rekurriert, denen dann doch etwas Unappetitliches anhaftet. Genau jenes Szenarium wird man jedoch nur dann entschärfen, wenn seitens der Bundesregierung alles unternommen wird, möglichst lückenlose Provenienzklärung vorzunehmen.

In diesem Zusammenhang fällt Dresden ins Auge, das - vertreten durch seinen Generaldirektor Martin Roth - seit Jahren unermüdlich die Debatte zu den Themen Besitz und Eigentum vorantreibt. Vor einigen Wochen nun erklang ein Paukenschlag aus Sachsen, wo das Finanzministerium für das kommende Jahrzehnt mehr als 15 Millionen Euro in Aussicht stellte, um alle, aber auch alle Objekte in einer "state-of-the-art"-Datenbank zu erfassen. Der Projektname lautet "Daphne" (nach einer berühmten Nürnberger Statue selben Namens vom Ende des 16. Jahrhunderts im Grünen Gewölbe). Dazu sollen bis zu 65 Stellen geschaffen werden. In Dresden besteht - durch die Ansprüche des Hauses Wettin, die Nachfahren des ehemaligen Herrscherhauses - eine ganz andere Herausforderung: Dort geht es um tausende von Werken, bei denen die rechtmäßigen Besitzer und Eigentümer noch zu ermitteln sind. Informationen dazu gibt eine Webseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Martin Roth war es auch, der unlängst für eine deutsch-jüdische Konferenz plädierte, auf der es um eine Zwischenbilanz zum Thema Restitution und Provenienzforschung gehen sollte. Da das Wissen um die Bestände noch immer so lückenhaft sei, könne eben gerade von einer solchen Veranstaltung der berühmte Synergieeffekt ausgehen, der Kräfte und Erkenntnisse bündele. Dies wäre eventuell der Ort, um solche Dauerthemen aufzunehmen wie den "Klimt-Schiele-Kokoschka-Effekt", bei dem es aktuell gerade mal wieder um die Frage geht, ob und wie viele Arbeiten mit ungeklärter Provenienz sich in der legendären Sammlung Leopold in Wien befinden. Aber Schlagzeilen wie "Die geklauten Werke in der Sammlung Leopold" entlocken ja dem informierten Leser sowieso nur noch ein müdes Gähnen: Wir wissen, dass überdurchschnittlich viele Juden Arbeiten dieser Künstler sammelten und sich unter Zwang von ihnen trennten, wobei oft auf verschlungenen Pfaden die Wege der Werke über Sabarsky oder Kallir nach New York führen. Dort kommt man am Ende häufig bei den berühmten Brüdern Ronald und Leonard Lauder wieder heraus und eigentlich dreht sich alles im Kreise, denn - Illusionen beiseite - einige Sammler wissen recht umfassend über ihre Sammlung Bescheid, weigern sich jedoch, alle Details zu publizieren, da sie dann zu Recht befürchten müssten, manche ihrer Schätze an Nachfahren von Holocaustopfern zu verlieren.

Nun ist es ja gewiss nicht so, dass zum Thema Raubkunst nicht pausenlos publiziert würde. Eben meldete sich auch die berühmte Bibliotheca Hertziana aus Rom zu Wort, wo unter Federführung von Yvonne DohnaQuellen ins Netz gestellt wurden, die das Thema nochmals komplett erweitern und gewissermaßen in eine historische Kontinuität stellen. An dieser Stelle geht es nämlich um napoleonischen Kunstraub zwischen Kulturgeschichtsschreibung, Auslandspropaganda und Kulturgutraub im Ersten Weltkrieg. Dabei sollen keineswegs Äpfel mit Birnen vermischt, sondern einzig der Hinweis darauf gegeben werden, dass Kunstdiebstahl kein neues historisches Phänomen ist. Dies ist ja tendenziell die Argumentationslinie Russlands angesichts der kriegsbedingt verlagerten Kunstwerke aus deutschen Sammlungen. Auch wenn es Verträge und Konventionen gibt, die die Sowjetunion seinerzeit unterschrieb, so fühlt sich Russland heute keineswegs daran gebunden, die auf seinem Territorium lagernden Bestände an die rechtmäßigen Eigentümer zu restituieren.

Die Debatte ist bekannt, sie hält an, und ob Schatz des Priamos oder Bremer Kunsthalle - wir dürfen getrost den Verlauf der Geschichte erwarten, in die sich Anfang März auch Außenminister Steinmeier einmischte, indem er in einem Tagesspiegel-Interview hinterfragte, ob es überhaupt weise gewesen sei, die Diskussion so öffentlich zu machen wie sie jetzt ist oder ob diskretes Schweigen nicht doch mehr hätte bewegen können. Die Frage ist freilich, wie demokratietauglich solche Überlegungen sind. Um abzusehen, wie munter sich das Restitutionskarussell immer mehr auch international weiter dreht, lohnt sich ein Blick nach Russland durchaus, wo seit kurzem nämlich Rosswjasochrankultura den Kunstmarkt durchleuchtet und Kunstschätze heimholt. Die staatliche Kulturaufsichtsbehörde ist die oberste Instanz in Bezug auf Rückgabe und den Schutz von Kulturgütern in Russland. Der eben vorgelegte Verlustkatalog kann online eingesehen werden.

Einen ganz anderen Weg hat jüngst Frankreich beschritten: Das französische Kulturministerium veranstaltet nämlich derzeit eine Ausstellung im Israel-Museum von Jerusalem, in deren Zentrum Kunst steht, die im Zweiten Weltkrieg von Deutschen in Frankreich erbeutet wurde und bis heute ohne rechtmäßige Eigentümer blieb. Ein Portal im Internet gibt umfassende Informationen über dieses Projekt, das genau das tut, was in der deutschen Presse der letzten Wochen so misslich vermisst wurde: Hier wird der Versuch unternommen, in sachlicher Form mit einem furchtbaren Thema umzugehen und nach angemessenen Lösungen der offenen Fragen zu suchen. Nicht verschweigen sollte man bei alledem, dass eine Klausel in den Ausleihbedingungen vorsieht, die Beschlagnahmung von Werken durch die israelischen Behörden ausdrücklich auszuschließen. Der Pressemitteilung zufolge ist der französische Staat zur Rückgabe bereit, behält sich die Modalitäten jedoch vor.


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