18. Juni 2007
Auf der Anreise zur Presseeröffnung antwortete ich spontan auf die besorgte Frage einer deutschen Kollegin, wie denn diese documenta wohl ausfallen werde: „Es gab immer wieder Ängste rund um die documenta. Die documenta kann aber gar nicht schief gehen. Mit hundert guten Künstlern kann es gar nicht schief gehen.“ Nun ist aber zweifellos etwas schief gegangen. Man kann die
documenta 12 noch so sehr schönreden, wobei mediale Seilschaften, Sponsor-Verbundenheiten und – löbliche – Solidarität rund um die Institution „documenta“ eine Rolle spielen. Das Konzept ist nicht aufgegangen.
Roger M. Buergel hat die Rehabilitierung der Form und der formalistischen Präzision angekündigt und eine Ausstellung abgeliefert, die zwischen einer von den Werken nicht abgesicherten Überästhetisierung in der Neuen Galerie und im Fridericianum und einer Flohmarktästhetik in der provisorischen Architektur der Auepavillons schwankt.
Das Ganze gibt sich sehr bedeutend. Es werden einige interessante Positionen aus der Avantgardekunst Lateinamerikas und Osteuropas korrekt – oft aber im Streit mit den Künstlern, wie man hört – gezeigt. Was die Kunst des Jahrzehnts, in dem wir uns derzeit befinden, betrifft, ist diese documenta so nebensächlich und uninformativ, dass man erschrickt. Die Kunst der 2000er Jahre findet nur mit Werken der Sekundärgalerie statt. Dazu kommt, dass selbst eine Reihe wirklicher Talente unter ihren Wert geschlagen werden – ich denke an Saadane Afif und Halil Altindere, die ich früher in Frankreich als Studenten hatte, oder Florian Pumhösl und Simon Wachsmuth bei den Österreichern, die ich regelmäßig begleiten konnte. Das gilt nicht für Gerwald Rockenschaub, der gelernt hat, sich in einem solchen Zusammenhang zu behaupten. Ebenso wie Cosima von Bonin, die in diesem unmöglichen Kontext auch noch gut wegkommt. Aber gerade die guten Künstler, die der Generation des Kuratoren-Ehepaars angehören, kommen weit unter ihrem Wert weg. Allein das ist schon traurig und war noch bei keiner documenta seit 1955 der Fall.
Wir alle lieben die documenta. Weltweit ist die emotionale Verbundenheit mit dieser Ausstellung eine Tatsache. Deswegen muss man aus dieser vermurxten Ausgabe der documenta, die der internationalen Konkurrenz nicht standhält, sicherlich gewisse Konsequenzen ziehen. Will Kassel die documenta überhaupt noch oder ist man der Sache müde? Mit der documenta verfügt Kassel über die wichtigste kunsthistorische und ausstellungsgeschichtliche Tradition in Deutschland seit dem Nationalsozialismus. Es genügt offensichtlich nicht, alle fünf Jahre jemand anderen damit zu betrauen. Seit die Stadtväter von Kassel die Aufgabe der Designierung des documenta-Leiters im Jahr 1993 an eine internationale, anonyme Kommission abgaben, ist die Institution untergründig in einer Krise, die nun augenscheinlich wird.
Persönlich haben mich zwei Dinge betroffen gemacht, die nichts mit Ausstellungen, Kunst, Künstlerinnen und Künstlern zu tun haben: In der Neuen Galerie und im Fridericianum haben die beiden Kuratoren eine bewusste Überästhetisierung unabhängig von der gezeigten Kunst betrieben, die genau das rehabilitiert, wogegen sich Arnold Bode mit seiner documenta stellte. Die Betonung klassizistischer Präsentationsformen in der Neuen Galerie, das wieder Anbringen des Neobismarckschen Dekors der 1930er Jahre im Fridericianum (als Arnold Bode Berufsverbot hatte!). Was läuft da ideologisch ab? Wiederholt ging ich in den provisorischen Auepavillon, um zu verstehen, wie eine solche formale Unachtsamkeit bei inhaltlich so expliziten Ausstellungskuratoren stattfinden kann. Es fallen die unzähligen religiösen und parareligiösen Symbole auf, die in den von den beiden Kuratoren ausgewählten Arbeiten verborgen sind. Selbst von John McCracken sind fast nur Kreuze zu sehen. Auch unzählige Arbeiten mit Katharsis oder anderen (De)Konstruktionen religiöser Symbolik gibt es. Ist das der heimliche Inhalt dieser documenta?
Robert Fleck ist künstlerischer Leiter der Deichtorhallen Hamburg und Kommissar des Österreichischen Pavillons der diesjährigen Biennale in Venedig.