„Raub und Restitution” im Jüdischen Museum Berlin

Notwendige Bestandsaufnahme

Anna Blume Huttenlauch
10. November 2008
„Raub und Restitution – Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute“, Jüdisches Museum Berlin, 19. September 2008 bis 25. Januar 2009.

„Jeder Restitutionsfall hat seine eigene Geschichte, seine eigene Problematik und vielleicht deshalb auch seinen eigenen Lösungsansatz.“ Mit diesem Satz empfängt Peter Raue den Besucher im ersten Raum der Ausstellung „Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute“ im Jüdischen Museum Berlin. Seine Aussage bildet gewissermaßen die Exposition der Schau, die anhand von fünfzehn Einzelschicksalen die Geschichte des nationalsozialistischen Kunstraubs und der sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs anschließenden Rückgabeverfahren aufarbeitet. Neben Peter Raue und Jost von Trott zu Solz, die als Rechtsanwälte in zahlreichen Restitutionsverfahren tätig waren, kommen in der Video-Installation vier weitere Personen zu Wort, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Erfahrungshorizonten zum Thema der Ausstellung äußern, unter ihnen David Glasser vom Jüdischen Museum London, der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann, die Historikerin Monika Tatzkow, der Journalist Stefan Koldehoff und der Geschäftsführer des Kunsthauses Lempertz, Henrik Hanstein. Die kontroversen Statements dieser durchaus auch von Eigeninteressen geleiteten Personen stecken das niemals neutrale Spannungsfeld ab, in dem sich die Schau im jüdischen Museum positioniert.

Ihren Kern bildet die Dokumentation der Einzelfälle, darunter etwa das Schicksal Jacques Goudstikkers, dessen Galeriebestand geraubt und erst im Dezember 2005, nach mehr als 60 Jahren, restituiert wurde. Oder die Auflösung und Zwangsversteigerung der Galeriebestände Max Sterns, um deren Restitution sich nach wie vor das Max Stern Art Restitution Project bemüht. Auch die Rückgabe des Corinth-Gemäldes „Römische Campagna“ an die Erbengemeinschaft Curt Glaser durch die Stadt Hannover im Februar 2007 kommt zur Sprache, wenngleich nicht aus dem Blick geraten darf, dass die Raubzüge der Nationalsozialisten keineswegs nur Gemälden galten. Während sich die wieder aufgeflammte öffentliche Restitutions-Diskussion der letzten Monate und Jahre vor allem an Werken der bildenden Kunst entzündete, ist es erkennbar ein besonderes Anliegen der Ausstellungsmacher, das gesamte Spektrum geraubten Kulturguts aufzuzeigen. So werden neben den bekannteren Fällen der Sammlung Goudstikker oder der Sammlung Rothschild etwa auch die Plünderung der Judaica-Sammlung Nauheim aus dem Museum jüdischer Altertümer Frankfurt, die Sicherstellung der Porzellansammlung der Familie Klemperer aus Dresden, die Enteignung der Musikinstrumenten-Sammlerin Wanda Landowska oder die Beschlagnahme dreier Bibliotheken – der Bibliotheca Rosenthaliana, der Bibliothek des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts und der Privatbibliothek Arthur Schnitzlers – dargestellt.

In den meisten der dokumentierten Fällen führten Restitutionsverfahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur Rückgabe der geraubten Objekte oder zumindest von Teilen davon. In anderen dauern die Bemühungen, die damals verlorenen Werke aufzuspüren, noch an oder die Verfahren zur Restitution sind noch immer unabgeschlossen.

Das Museum umrahmt die Einzelfallschilderungen mit Texttafeln, die zum einen die Hintergründe der nationalsozialistischen Beutezüge schildern und deren Hauptakteure und Nutznießer zeigen, zum andern die verschiedenen Phasen der deutschen und internationalen Restitutionspolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beleuchten. Die Durchmischung von Allgemeinem und Besonderem sowie die Abfolge der einzelnen Räume führen dazu, dass die Orientierung in der ohnehin äußerst textlastigen Ausstellung nicht immer einfach ist – so werden etwa Hintergrund und Bedeutung des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg (ERR), der zentralen Kunstrauborganisation, erst im fünften Raum erläutert. Eine klare Entwicklung vom Allgemeinen hin zu den Einzelschicksalen hätte zumindest dem nicht detailliert vorgebildeten Besucher den Einstieg in die Thematik erleichtert. Dem Detailreichtum einzelner Fallschilderungen stehen zudem entscheidende Lücken anderswo gegenüber. Wer etwa näheres zu den vom österreichischen Bundesdenkmalamt erpressten „Widmungen“ an das Kunsthistorische Museum Wien erfahren will, zu denen sich Louis von Rothschild gezwungen sah, wird enttäuscht.

Insgesamt aber haben die Ausstellungsmacher eine Fülle von Quellendokumenten zusammengetragen, die nicht nur die Skrupellosigkeit der Beute- und Beschlagnahmeaktionen selbst, sondern auch die Verstrickung von Museumsdirektoren und Kunsthandel bei der Begutachtung und Verwertung der eingezogenen Objekte vergegenwärtigen. Besonders anschaulich wird das Ausmaß der Beutezüge durch einen Wochenschaubericht vom 29. Juni 1945, der die Entdeckung der Sammlung Hermann Görings in einer Berghöhle bei Berchtesgaden durch amerikanische Truppen zeigt – ein schier unendlich scheinender Zug von Soldaten ist beim Transport gefundener Statuetten und Gemälde zu sehen; unter anderem etwa wird die Venus von Lucas Cranach durch den Wald zu den bereitstehenden Lastwagen getragen. Der Kommentar verrät, dass allein im Schloss Neuschwanstein 23.000 weitere Kunstwerke aus französischen Museumsbeständen lagerten: „Die Nationalsozialisten nahmen den Völkern, die sie überrannten, nicht nur ihren Frieden, ihre Freiheit und ihr Brot,“ so der Reporter, „sondern auch das, was sie liebten und worauf sie stolz waren – die Werke der Großen ihres Landes“.


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