23. September 2011
Anfang der Woche hat in Berlin die vom Rat für Formgebung angeregte Initiative ihr ehrgeiziges Wunschprojekt eines „Deutschen Design Museums“ vorgestellt. Etwas Hybris mag dabei sein, ein „Deutsches Design Museum“ gründen zu wollen. Doch das Konzept der dafür eigens gegründeten Stiftung ist gut. Die Idee eines eigenständigen Museums für zeitgenössisches Design liegt im Grunde geradezu auf der Hand.
Der deutschen Kulturlandschaft fehlt es zwar nicht an namhaften und gut bestückten Kunstgewerbemuseen und Archiven, doch der wachsenden kulturellen Bedeutung von Design als einer aktuellen und fächerübergeifenden Disziplin können diese Institutionen kaum gerecht werden, schon deswegen nicht, weil ihre Aufgabenstellungen andere sind. Auch die zahlreichen Hochschulen, Akademien und inzwischen in jeder mittelgroßen deutschen Stadt ausgetragenen Designwochen haben andere Inhalte. Bei einem Museum für Design könnte es nicht nur um die rasenden Veränderungen der Lebenswelten durch Digitialisierung, neue Fertigungstechniken und Materialieninnovationen gehen, nicht nur um die eigenwillige, aber immer prägnanter werdende Sonderstellung von Design zwischen Kunst, Kommerz und Wissenschaft. Es ist am Ende wohl auch fast so etwas wie ein Bildungungsort verlangt: „The Language of Things“, wie der Direktor des Design Museum London Deyan Sudjic es nannte, ist ohne Design und eine wie auch immer zu beurteilende Vermarketingung und Botoxierung unseres Alltags, wo inzwischen jede Zahnbürsten-Lancierung und Yogastudio-Eröffnung ein ausgeklügeltes Design-Gesamtkunstwerk darstellt, kaum mehr verständlich.
Den Auftakt des Museumsvorhabens bildete die Zusammenkunft eines vom Rat für Formgebung zusammengetrommelten „Round Table“, der sich bereits im Sommer zu einem offenen Gespräch getroffen hat. Ihm gehören namhafte Vertreter der deutschen Kunst-, Kultur- und Designszene an, unter anderen der Designer Konstantin Grcic, der Professor und Autor Volker Albus, der Künstler Tobias Rehberger, der Berliner Sammler Christian Boros und, als einzige Frau, die Kunstkritikerin Isabelle Graw. Die inhaltliche Ausrichtung des anvisierten Museums ist noch völlig offen. Weder Ort noch Finanzierung sind bekannt. Die langsame Annäherung und Ideenfindung wird als Teil des Konzepts verstanden. Man möchte Vorschläge sammeln, eine Plattform schaffen, auf der sich auch nicht nur das Fachpublikum zu Wort melden kann, sondern überhaupt Interessierte ihre Ideen und Wünsche einbringen können. Das Ganze soll in den nächsten Monaten „ausgewertet“, wie es etwas spröde heißt, um im Frühjahr nächsten Jahres vorgestellt werden.
Ganz glücklich ist die erste Präsentation des „Round Table“ allerdings nicht gelungen. Die herausgegebene „Zeitung“, wie sich die Zitatensammlung nennt, die Ansätze und Gedankensplitter der Beteiligten in fetter schwarzer Schrift auflistet und mit einem großen Fragezeichen betitelt ist, inspiriert weniger, als man es sich gewünscht hätte: Andrej Kupetz, Leiter des Rat für Formgebung, wird mit der Bermerkung zitiert: „Ist ein Stuhl so sexy wie ein Auto?“ Who cares?, möchte man ihm antworten. Der Autor Ulf Poschardt gibt die Floskel zu bedenken: „Design ist das denkbar populärste Thema.“ Als sollte sein „populär“-Hinweis alle ohnhin unnötigen Ängste einen Musealisierung vertreiben. Auch etwas blass bleibt das Statement von Konstantin Grcic: „Auf die Aktualität von Design können nur Ausstellungen reagieren.“
Wie auch immer: jede Initiative, ein Museum für Design als einem Ort der Erneuerung und Debattenanregung anzudenken, ist zu begrüßen. Dafür muß man nicht, wie es die Sprecher der Initiative jetzt bei ihrer Präsentation in Berlin versuchten, bei Adam und Eva anfangen und darauf hinweisen, dass Deutschland im Bereich Design weltweit führend ist und Design einen „Kulturfaktor“ darstellt. Das klingt schwer nach dem Jargon des gerade wiedergewählter Berliner Bürgermeisters, der in jedem „Faktor“ automatisch wirtschaftliche Relevanz wittern will. Bei einem Vorhaben wie dem eines „Deutschen Design Museums“ mag es am Ende vielleicht auch um den kulturellen Standortfaktor Deutschland gehen. Doch bitte nicht gleich. Lieber noch bei den Wünschen bleiben: umso länger man die in die Länge zieht, umso so dringlicher, konkreter und überzeugender werden sie.