„Querelle“ bei VeneKlasen/Werner, Berlin

Camp vom Feinsten

Jutta von Zitzewitz
23. Januar 2012

„QUERELLE – PHOTOGRAPHED BY ROGER FRITZ“
Galerie VeneKlasen/Werner, Berlin. Vom 12. Januar bis 25. Februar 2012

Dass die Grenzen zwischen Kunst- und Filmszene immer durchlässiger werden, ist keine neue Erkenntnis. Ungewöhnlich ist es aber, wenn sich das Interesse der Kunstwelt auf die Nebenprodukte der Filmproduktion ausdehnt, wie jetzt in der Berliner Galerie VeneKlasen/Werner. Zum ersten Mal werden hier die Szenenfotos von Roger Fritz zum Film Querelle (1982) von Rainer Werner Fassbinder ausgestellt. Die Galerie betritt damit Neuland – ein gelungenes Experiment.

Als VeneKlasen/Werner beim Fotografen Roger Fritz wegen einer Einzelausstellung anfragte, war dieser zunächst verwundert, dass man dort Fotos zeigen wollte, die zu Werbezwecken entstanden waren: Fritz hatte in Fassbinders letztem Film als Standfotograf und Nebendarsteller mitgewirkt. Als der Regisseur während der Abschlussarbeiten plötzlich an Herzversagen starb, brachten die Produzenten Fritz‘ Szenenfotos zusammen mit dem Drehbuch als „Abschiedsbuch“ heraus – und sicherten den Bildern so ein erstes Nachleben außerhalb der Archivschränke.

In der Ausstellung sind nun dieselben 119 Standfotos zu sehen, die damals bei Schirmer/Mosel veröffentlicht wurden. Doch an die Stelle der streng linearen Abfolge der Sequenzen im Buch tritt bei VeneKlasen/Werner nun eine wandfüllende Installation in mehreren Reihen, die eine assoziative Zusammenschau ermöglicht. Zum Einsatz kommen hier nicht die kleinen Vintage-Prints aus der Drehzeit, sondern neue, große Abzüge der Farbfotos.

Bei offiziellen Standfotos, wie Fritz sie damals für Fassbinder aufnahm, werden Filmszenen nachgestellt, da sich die Abzüge einzelner Frames aus dem Film wegen ihrer geringen Auflösung nicht zu Werbezwecken eignen. Seine Bilder haben daher einiges gemeinsam mit der inszenierten Fotografie aus den 1980er-Jahren – mit Serien von Duane Michaels, Laurie Simmons oder Cindy Sherman, deren „Untitled Film Stills“ sich an Szenenfotos von B-Movies orientierte.

Auch die brillanten Standbilder von Roger Fritz verdichten das Geschehen und profitieren dabei in hohem Maße von der Stilisierung, die Fassbinders Film eigen ist. Der Regisseur hielt sich inhaltlich eng an die Romanvorlage von Jean Genet, in der es um den schwulen Matrosen Querelle geht: ein Schmuggler und Mörder, dem alle verfallen, als er in Brest an Land geht – der Bordellbesitzer Nono, Hafenpolizist Mario und sein Komplize Gil. Im Foucault‘schen Sinne kreist hier alles um Macht, Geld und Sex. Fassbinder hat damit aus dem Skandalwerk Genets ein erlesenes Stück Camp gemacht – und mehr als das: eine vielschichtige allegorische Erzählung, in der jedes Schauen gleichbedeutend mit Begehren ist.

Der Krimiplot des Films wird beinahe ausgehebelt durch die starken Tableaus in den surrealen Kulissen von Rolf Zehetbauer, der eine von Gelb- und Orangetönen durchglühte Hafenlandschaft schuf, in der fast alles ein phallisches Zeichen ist. Mit dem realen Brest der Bretagne hat sein Szenenbild nichts zu tun. Es ist eine Phantasmagorie des Südens, in der die Hitze einen glänzenden Schweißfilm auf die Gesichter und nackten Oberkörper der Matrosen zeichnet. Licht, Ausstattung und die hochartifizielle Inszenierung Fassbinders, die sich reichlich bei Oper, Melodram und Musical bedient, tragen das ihre zum schwülen Erotizismus des Films bei. In Fassbinders sinnlicher Feier einer reinen Männerwelt kann sich als einzige Frau nur Jeanne Moreau in der Rolle der Bordellwirtin Lysiane behaupten.

Fritz‘ farbintensive Fotografien belegen, wie viel Fassbinder dem Experimentalfilmer Kenneth Anger verdankte, der bereits in den 1940er-Jahren mit ähnlichen Mitteln der Stilisierung arbeitete und in Fireworks (1947) den Matrosen als Symbol schwuler Sexualität im Undergroundfilm etablierte. Mit dem vulgär-kommerziellen Camp des Künstlerpaars Pierre et Gilles, der sowohl den Einfluss Angers als auch Fassbinders verrät, scheint dieser Variante schwuler Ästhetik heute endgültig jede Innovationskraft ausgetrieben worden zu sein.

Man kann die Ausstellung auch als Ausdruck eines aktuellen Interesses an Formen des Reenactments deuten – Reynold Reynolds Filmperformance The Lost in der Galerie Zink wäre ein weiteres Beispiel dafür (artnet Magazin) – VeneKlasen/Werner belässt es nicht bei der Installation der Szenenbilder, sie werden sorgfältig in den Kontext ihrer Entstehung eingebettet. Ein üppiges Booklet mit weiterem Bildmaterial ergänzt die Schau, und im VW Cinema, das einem Kinosaal mitsamt authentischer Bestuhlung liebevoll nachempfunden ist, zeigt sich, wie ernst es der Galerie auch mit ihrem Interesse am Film ist. Ausstellungsbegleitend wird täglich nicht nur Fassbinders Querelle in der Originalfassung, sondern auch der Dokumentarfilm Der Bauer von Babylon gezeigt, der einen faszinierenden Einblick hinter die Kulissen gewährt.

Preis pro C-Print: 2000,- Euro

Filme täglich zwischen 14 und 16 Uhr.


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