Qi Baishis Adler auf Kiefer: Fälschung oder Original?

Der Adler eine Ente?

Henrike von Spesshardt, Minh An Szabo
10. Mai 2012

Dass Fälschungen auch im chinesischen Kunstmarkt, ebenso wie überall sonst auf der Welt, längst zur Alltagserscheinung geworden sein dürften, steht außer Frage. Was aber würde es für ein Bild auf die Verlässlichkeit der Zahlen einer jüngst veröffentlichten Kunstmarktstudie der European Fine Art Fair (TEFAF) werfen, die China als Sieger im internationalen Kunstumsatzranking sieht, wenn eines der zu dieser Tatsache beitragenden Hauptwerke eine Fälschung wäre? Chinas Internetgemeinde streitet derzeit heftig: Ist ein 2011 zum Rekordpreis von umgerechnet 47 Millionen Euro versteigertes Gemälde, das international für Aufruhr sorgte, vielleicht gar nicht echt?

Eines der Lose, das immer dann genannt wird, wenn die Sprache auf Chinas immense Auktionsrekorde zu sprechen kommt, ist das Tuschegemälde Adler auf Kiefer des Künstlers Qi Baishi. Im Mai 2011 wurde es vom Pekinger Auktionshaus China Guardian Auctions versteigert und avancierte damit zum zweitteuersten, jemals versteigerten chinesischen Werk. Seit einiger Zeit jedoch herrscht in der Kunstwelt helle Aufregung. Denn im Oktober 2011 tauchte in der chinesischen Kopie von Twitter namens Weibo die Abbildung eines Bildes auf, das nicht nur dem versteigerten Adler auf Kiefer verblüffend ähnlich sieht, sondern angeblich auch die Signatur und Stempel Qi Baishis besitzt. Obendrein stammt das Werk aus demselben Jahr, nämlich 1946.

Handelt es sich gar um das eigentliche Original des Tuscheadlers, dessen Wert vor allem daraus resultierte, das er eine angeblich herrschaftliche Provenienz aufweisen konnte: Qi Baishi schuf das starke Flügeltier einst anlässlich des 60. Geburtstages von Chiang Kaishek. Als Geburtstagsgeschenk für den großen Erzfeind Maos sei es gedacht gewesen, so damals der Text des Auktionshauses zum Toplos. Nun also ist ein zweiter Adler aufgetaucht. Welcher ist nun echt? Oder sind sie es beide?

Blogeinträge gibt es viele, bekanntermaßen sind nicht alle immer hochseriös. Doch dieser eine stammt nicht von irgendjemandem. Verfasst hat ihn ein angesehener chinesischer Kunstprofessor: Liu Yong von der Universität Yunnan stieß in einem Katalog „Chinas Bilder“ aus dem Jahre 1958 auf den zweiten Adler des Künstlers und stellte ihn zum Vergleich neben das teuer versteigerte Bild ins Netz. Die brisante Gegenüberstellung löste sofort eine heiße Diskussion unter Chinas rastlosen Bloggern aus, von denen einige durchaus zu den bekannteren Weibo-Nutzern in Sachen Kunstneuigkeiten zählen.

„Sister Art“, in der virtuellen Welt gleichsam berühmt wie berüchtigt für Skandalgeschichten zu durch Fälschungen erzielten Auktionsergebnissen und in der Netzgemeinschaft entsprechend bekannt als „Weibos Kaiserin von Kunstskandalen“, stürzte sich sogleich gierig auf die Analyse der beiden Bilder. Sie kam zu dem vernichtenden Ergebnis, dass das 2011 versteigerte Bild eine Fälschung sein müsse. Unterstützt wird „Sister Art“ unter anderem vom namhaften Kunstkritiker Mou Jianping, der ebenfalls der Überzeugung ist, dass „der Tuschauftrag, die Kalligrafie und die Bildkomposition des Auktionsbildes sich radikal vom Original unterscheide“. Das Original ist für den chinesischen Kunstkritiker freilich das Tuschebild aus dem 1958 erschienenen Katalog und nicht das neuerlich versteigerte. Am vehementesten widerspricht den Fälschungstheorien im Netz bisher der nicht minder anerkannte Qi Baishi-Forscher und Sammler erlesener Tuschmalereien Liu Wenjie. Seitdem liefern sich beide Seiten einen regelrechten Schlagabtausch auf höchster kunsthistorischer Ebene.

Doch woher stammt das plötzlich aufgetauchte zweite Bild? Laut „Chinas Bilder“ gehörte das dort abgebildete Werk zum Zeitpunkt des Katalogerscheinens im Jahr 1958 einer Frau aus einflussreicher Familie: Le Manyong (1902-1974) war die Schwiegertochter Yang Dus, einem der angesehensten Politiker der jungen Republik nach Ende des Kaiserreiches 1911. Einst Kuomindang-Anhänger, wandte sich Yang in den 1940er-Jahren der Kommunistischen Partei zu, ein Seitenwechsel, der ihm und seiner gesamten Familie sofort und bis zum heutigen Tag großes Ansehen innerhalb der kommunistischen Elite verschaffte. Und damit ein Familienhintergrund, der an der Echtheit des 1958 im Katalog erwähnten Adlers keinen Zweifel aufkommen lässt. Muss das 2011 versteigerte Bild damit unweigerlich eine Fälschung sein? Und falls nicht: wieso sollte Qi Baishi Chiang Kaishek ein womöglich vielfach variiertes Gemälde geschenkt haben?

Reine Propaganda des Auktionshauses zur Steigerung des Ergebnisses sei diese Behauptung gewesen, so der Kunstkritiker Mou. Und tatsächlich taucht der Name des „großen Führers“ nirgendwo auf dem Bild auf: Weder die anmontierte Kalligrafie enthält einen Hinweis darauf, noch das links neben dem Adler geschriebene Gedicht. Lediglich links oberhalb des rechten Kalligrafiespruches ist sehr klein das Entstehungsdatum „Bing Xu 31. Oktober“ und der Zusatz „Dem Vorsitzenden zum Geburtstag“ zu erkennen. Mit „dem Vorsitzenden“ könne auch jeder andere Vorsitzende gemeint gewesen sein, so Mou. Zudem widersprächen sich das westliche Datum 31. Oktober und die gleichzeitige Erwähnung des Jahres Bing Xu (1946) im Format des chinesischen Mondkalenders. Die Kalligrafie in Siegelschrift entspreche nicht Qi Baishis Schreibkunst, das Tuschegemälde und die Kalligrafiesprüche gehörten nicht zusammen, denn die jeweiligen Papiere hätten eine völlig anderen Grad der Vergilbung, die Malweise und die Bildkomposition des Auktionsbildes seien qualitativ schlechter als die des Le Manyong-Bildes. Und so weiter und so fort.

Natürlich sei der von China Guardian versteigerte Adler ein Geschenk für Chiang Kaishek gewesen, kontert der Qi-Experte Liu, denn nur der sei zur Entstehungszeit des Gemäldes als „der Vorsitzende“ bezeichnet worden. Zudem habe Chiang anlässlich seines eigenen Geburtstages am 30. Oktober 1946 Qi Baishi zu einer Kunstausstellung empfangen, was Zeitungsausschnitte aus der „China Daily“ belegten. Chiang sei christlichen Glaubens gewesen, der Künstler habe aus Respekt vor dieser Tatsache das westliche Geburtsdatum auf seinem Geschenk angegeben. Sowohl die Spruchwahl als auch die Siegelschriftzeichen seien typisch für Qi Baishi und dass dieser unterschiedliches Papier mit unterschiedlicher Grundierung benutzt habe, sei so ungewöhnlich nicht. Ebenso wenig ungewöhnlich findet Liu, dass es zwei Versionen des Adlers geben soll. Auftragsmaler wie Qi Baishi hätten stets Vorlagen von beliebten Bildmotiven zwecks Wiederverwertung angefertigt. Der Künstler habe vom Verkauf seiner Bilder gelebt und viel und schnell produziert. Es sei bekannt, dass er populäre Motive variiert und erneut veräußert habe. Beide Adler müssten demnach derselben Vorlage entsprungen sein, beide seien als Originale anzusehen.

Behauptungen darüber, dass was klischeegerecht seit jeher für Designertaschen, Luxusuhren und Elektronikgeräte gelte, treffe längst auch für die Kunst in China zu, gibt es zuhauf. Kopier-Kultur in Reinkultur? Chinesen haben bekanntermaßen kein Problem mit Vervielfältigungen. Im Gegenteil: Werke klassischer Meister immer und immer wieder abzumalen gilt als Respektbezeugung gegenüber dem Werk und dessen Urheber. Zumindest war es bis dato so. Nun aber wird auch in China aufgeregt über die Möglichkeit diskutiert, dass das Auktionsbild eine Fälschung sein könnte. Dass es sich um zwei Originale Qi Baishis nach derselben Vorlage handeln könnte, scheint den Verfechtern der Fälschungstheorie indes unmöglich. Hat sich hier unbewusst die westliche Eigenheit über Original und Unikat festgesetzt, findet gar ein Umdenken in Sachen Fälschung und Kopie statt? Im Bereich traditioneller Kunst und Antiquitäten liegen außerchinesische Auktionshäuser mit entsprechenden Auktionen daher schon lange hoch in der Gunst der chinesischen Bieter, weil die dort angebotene Ware oft über blütenreine europäische Provenienz verfügt. Kam sie doch im Laufe der Jahrhunderte im Zuge früherer Handelsbeziehungen in den Westen und findet nun von dort aus ihren Weg zurück in die Heimat. Fälschungsverdacht ausgeschlossen.

Selbst wenn das von China Guardian versteigerte Tuschegemälde keine Fälschung sein sollte, bleibt ein Beigeschmack. Denn wirklich merkwürdig scheint, dass selbiges offenbar bereits 2005 vom Auktionshaus Shanghai Dao Ming Auctions versteigert worden ist - und zwar nur das Gemälde, damals noch ohne zugehörige Kalligrafie mit klitzekleinem Hinweis auf „den Vorsitzenden“. Wer zu welchem Zeitpunkt die für den späteren Preis ausschlaggebenden Kalligrafiebänder mit dem Hinweis auf die angeblich so prominente Provenienz an das Tuschgemälde angebracht hat, ist bis heute nicht geklärt.

Reaktionen, die über den Blogkampf der genannten Personen hinausführen, bleiben indes bis dato aus. Und auch die neuen Eigentümer des teuer ersteigerten Adlers werden sich hüten, ihr Schweigen zu brechen. Handelt es sich doch angeblich um Liu Yiqian und Wang Wei, Chinas bekanntestes Kunstsammlerpaar, das für Ende 2012 die Eröffnung seines privaten Renommeeprojektes, dem Shanghaier Dragon Art Museum, angekündigt hat. Das nimmersatte Kaufverhalten der beiden Sammler gilt als einer der Hauptgründe für den explosionsartigen Boom chinesischer Auktionshäuser in den vergangenen Jahren. Auch vom Auktionshaus ist bisher keine offizielle Stellungnahme zu haben. Kein Wunder, denn der Qi-Baishi-Markt ist einer, der sich wirklich lohnt: Alleine von Anfang April bis Ende Mai werden über chinesische Auktionshäuser mehr als 149 angeblich originale Einzelwerke Qi Baishis angeboten. Und ein hübscher Adler ist auch schon wieder dabei.


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Wer ist Qi Baishi? von Henrike von Spesshardt
Qi Baishi ist der teuerste moderne Künstler Chinas. Hierzulande kennt man ihn kaum. Weshalb erreichen seine Bilder umgerechnet Preise von bis zu 47 Millionen Euro? Eine Spurensuche.



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