Prozess um „Sammlung Jägers“ am Landgericht Köln eröffnet

Chronologie der Bilder-Bande

Georg Imdahl
31. August 2011

Am 1. September beginnt am Kölner Landgericht der Prozess um einen Kunstfälscher-Skandal, der in der Bundesrepublik seinesgleichen sucht. Auf der Anklagebank sitzen die mutmaßlichen Fälscher und Hehler Wolfgang Beltracchi, dessen Ehefrau Helene Beltracchi und Otto Schulte-Kellinghaus. Sie werden beschuldigt, seit den frühen 1990er-Jahren Arbeiten der Klassischen Moderne gefälscht und in den Kunsthandel eingeschleust zu haben. Gegen Kaution auf freiem Fuß befindet sich die mutmaßliche Mitstreiterin Jeannette S., eine Schwester Helene Beltracchis. Insgesamt soll die Betrügerbande rund 16 Millionen Euro mit den Kunstblüten eingenommen haben, von denen bis heute 47 Arbeiten bekannt sind. Den höchsten Verkaufswert erzielte dabei das Max Ernst angedichtete Bild La Forêt (2), für das der amerikanische Verleger Daniel Filipacchi bei einem Weiterverkauf 5,5 Millionen Euro aufbrachte. Zu den Geschädigten zählen der schwäbische Industrielle und Sammler Reinhold Würth (er hat unlängst die berühmte Schutzmantel-Madonna von Hans Holbein d. J. erworben) und der amerikanische Schauspieler Steve Martin – sie erwarben Gemälde, die angeblich von Max Ernst und Heinrich Campendonk stammten.

Als mutmaßlicher Fälscher fungierte der Maler Wolfgang Beltracchi, der als ausgezeichneter Techniker gilt, des Vertriebs beschuldigt werden seine Ehefrau Helene und ihre Schwester sowie der Mitstreiter Otto Schulte-Kellinghaus – gemeinsam fingierten sie die angebliche Kölner „Sammlung Werner Jägers“ und die angebliche Krefelder „Sammlung Knops“. In vielen Fällen rekonstruierten sie Gemälde, die irgendwo in Werkbeständen und Ausstellungen des frühen 20. Jahrhunderts verzeichnet sind, dann aber verschollen waren – um dann, seit den 1990er-Jahren, auf wundersame Weise wiederentdeckt zu werden.

So wurde 1995 bei Christie's in London das vermeintliche Campendonk-Bild Mädchen mit Schwan an den Mann gebracht; ebenfalls 1995 ließ das Kölner Kunsthaus Lempertz aus selber Quelle ein Bild angeblich von Hans Purrmann (Südliche Landschaft) als Fälschung zurückgehen, was das Auktionshaus nicht davon abhielt, weitere Werke von der dubiosen Herkunft zu versteigern, darunter auch Heinrich Campendonks Rotes Bild mit Pferden, das 2006 einen Rekorderlös für den Maler von 2,9 Millionen Euro erlöste. Als sich erste Zweifel über die Echtheit eben dieses Bildes regten, kam der weitreichende Skandal ans Licht. Die Enttarnung der Blüten geht maßgeblich auf Ralph Jentsch, den in Rom lebenden Nachlassverwalter des Œuvre von George Grosz und Biografen des Sammlers und Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878-1937), zurück. Im Oktober 2008 hatte die Campendonk-Expertin Andrea Firmenich Jentsch auf einen Aufkleber „Sammlung Flechtheim“ auf dem Roten Bild mit Pferden hingewiesen, den Jentsch als Fälschung identifizierte. Jentsch erkannte in dem gefälschten Label den Schlüssel zur Enttarnung weiterer Kunstblüten, die samt und sonders mit dem Etikett versehen sind – darunter eine Reihe an Werken des Expressionisten Max Pechstein und des Surrealisten Max Ernst.

Fast zwangsläufig rückten in der Folge immer mehr angeblich wiederaufgetauchte Kunstwerke der Klassischen Moderne in den Blick, die rückseitig den ominösen Aufkleber – oder einen anderen namens „Der Sturm“ – aufwiesen. Alle diese Werke waren erst 1992 oder später auf dem Markt aufgetaucht, ohne dass Abbildungen von ihnen aus der Zeit davor existiert hätten. Sie alle waren ausgestattet mit einem bestimmten Keilrahmen – der sogenannten „französischen Rahmung“. Was den Fälschungsverdacht weiterhin zur Gewissheit werden ließ: Das Rahmenholz unterschiedlicher Werke stammte aus einem einzigen Baum, und ein spezifisches Titanweiß, dessen sie sich bedienten, war in einigen Fällen später verfügbar als zum Zeitpunkt der vorgeblichen Entstehung. Damit wurde auch die als außerordentlich eingeschätzte Qualität der Fälschungen, die von den hinter das Licht geführten Kennern heute widerstandslos eingeräumt, eine wertlose Größe.

Im Kölner Prozess, der auf 40 Verhandlungstage anberaumt ist, geht es konkret um den Handel mit 14 vorgeblich hochkarätigen Bildern. Mit einem Urteil wird nicht vor März 2012 gerechnet. Die Folgeschäden durch die Weitervermarktung der Werke werden auf knapp 26 Millionen Euro geschätzt. Folgend eine Chronologie der Verkäufe mutmaßlich gefälschter Werke:

2001
Max Pechstein, Seine mit Brücke und Frachtkähnen, Erlös umgerechnet 143.000 Euro beim Verkauf über das Kölner Kunsthaus Lempertz an einen südamerikanischen Sammler im Jahr 2001.

2002
Max Ernst, La Mer, 800.000 US-Dollar beim Verkauf im Jahr 2002 an eine niederländische Stiftung. Im Jahr 2008 lag der Versicherungswert bei 3 Millionen Euro.

2003
Max Ernst, Vogel im Winterwald, 500 000 Euro beim Verkauf an Pariser Handel. Weiterverkauf an einen Pariser Sammler (Preis unbekannt). 2009 verzeichnete das Bild einen Versicherungswert von 1,5 Millionen Euro.Max Pechstein, Liegender weiblicher Akt mit Katze, Versteigerung bei Lempertz für knapp 500.000 Euro an die Galerie Henze & Ketterer. Diese verkauft das Werk für gut 700.000 Euro an einen Würzburger Sammler.

2004
Max Ernst, La foret (2), Verkauf an Pariser Galerie für 1,7 Millionen Euro. Weiterverkauf an US-Firma Salomon Trading LCC für 1,9 Millionen Euro, im Jahr 2006 Weiterverkauf für rund 5,5 Millionen Euro an US-Verleger Daniel Filipacchi.
Max Ernst, Oiseaux, Verkauf an eine Pariser Privatsammlerin für 1,2 Millionen Euro.
Heinrich Campendonk, Landschaft mit Pferden, Verkauf für 850.000 Dollar durch eine Pariser Galerie an den amerikanischen Schauspieler Steve Martin. 2005 wird das Bild über das Auktionshaus Christie’s weiterverkauft, Erlös rund 500.000 Euro.

2005
Heinrich Campendonk, Else Lasker-Schüler gewidmet bzw. Landschaft mit Figuren und Vogel, Verkauf für 590.000 Euro an eine Pariser Galerie. 2006 wird das Bild weiterverkauft – der schwäbische Sammler Reinhold Würth zahlt dafür 830.000 Euro.

2006
André Derain, Matisse peignant à Collioure, Verkauf über eine Londoner Galerie für 6,3 Millionen Dollar an die Hilti Art Foundation.
Heinrich Campendonk, Rotes Bild mit Pferden, Versteigerung für knapp 2,9 Millionen Euro bei Lempertz an Trasteco Ltd. (Malta).
Max Ernst, La Horde, Auktion bei Christie’s ohne Zuschlag; 2008 Verkauf für knapp 4,4 Millionen Dollar über einen Vermittler an die Sammlung Würth.

2007
Kees van Dongen, Akt mit Hut, Verkauf über Pariser Galerie an Unternehmer-Ehepaar für 2,8 Millionen Euro.
Fernand Léger, Nature morte bzw. Kubistisches Stillleben, sowie André Derain, Collioure.


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