Provenienzforschung im Museum

Sammlungen unter Beweislast

Ute Haug
8. September 2006
Zeit ist ein rares Gut. Forschung und Wissenschaft beanspruchen Zeit, um fundierte und nachhaltig gültige Ergebnisse zu erbringen. Diesen kostenintensiven scheinbaren Anachronismus fordert auch die Provenienzforschung – besonders jene, die sich mit NS-verfolgungsbedingt verbrachten Kulturgütern beschäftigt. Diese Forschung ist eine, die meist nicht im geschützten Raum der Universitäten betrieben wird, wo die Zeit oft langsamer ticken darf. Sie findet dort statt, wo die Kunstobjekte gesammelt, bewahrt, erforscht und vermittelt werden – in den Museen. Das sind keineswegs jene einstmals viel beschimpften verschlafenen Orte, in denen die Zeit still steht. Inzwischen sind sie multifunktionale Begegnungsstätten mit vielfältigen kultur- und sozialpolitischen Aufgaben. Die berechtigten Anforderungen von außen drängen eine genuine Aufgabe – nämlich das Erforschen der gesammelten Kulturgüter – in den Hintergrund, da dieses eben nicht am schnell getakteten tagtäglichen Treiben orientiert ist, sondern dem eigenen Zeitlauf und musealen Pflichten folgt.

Die museale Provenienzforschung nach NS-verfolgungsbedingt verbrachten Kulturgütern muss sich zwischen diesen beiden Welten bewegen und gerät unweigerlich in einen Konflikt. Sie soll, so besteht seit 1998 die kulturpolitische Anforderung, schnellstens die Herkunft der Kunstwerke erforschen und publik machen. Sie kommt damit einer Bringschuld nach, denn die Beweislast liegt inzwischen nicht mehr bei den Verfolgten und deren Nachfahren, sondern bei den Museen bzw. bei den heutigen Besitzern. Noch schneller soll sie diese Forschung leisten, wenn Ansprüche angekündigt oder Anspruchsstellungen von Erbberechtigten erhoben werden.

Doch wie soll sie es schnell bewältigen, da sie eine Forschung ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahrzehnte lang vernachlässigt wurde? Die nicht auf ausreichend Fachliteratur zurückgreifen kann? Die personell kaum besetzt ist und zwar kulturpolitisch gefordert wird, aber keine finanzielle Unterstützung erfährt und für die zuletzt die Museen auf Grund ihrer Dienstleistungen und ihres Bildungsauftrages kein Geld erübrigen wollen oder können? Ein Dilemma, das nun bereits seit 1998 bekannt ist, zahllose Male zu verschiedensten Gelegenheiten öffentlich benannt wurde und doch keine positive Änderung erfahren hat. Bis heute ist es den Museen nicht gelungen, sich zu koordinieren, sich zusammentun und gemeinsam diese Forschung leisten. Bis heute ist es nicht gelungen, die seit 2001 vorliegende fehlerhafte, unvollständige und sprachlich sperrige Handreichung – die zumindest für diejenigen, die in die Thematik einsteigen ein erster Leitfaden ist – zu überarbeiten. Bis heute ist es bei kulturpolitischen Forderungen geblieben, eine finanzielle und koordinierende tatkräftige Unterstützung der Museen blieb aus – sowohl vom Staat, als auch von den Ländern und vielen kommunalen Trägern.

Die in Deutschland gewachsene Struktur und Verantwortlichkeit im Kulturbereich verhindert eine national konzentrierte und praxisorientierte Umsetzung der 1998 in den Washingtoner Prinzipien und 2000 in der Berliner Erklärung festgehaltenen Punkte und geforderten Maßnahmen. Verantwortlichkeit wird formuliert, die Umsetzung soll andernorts stattfinden. Und zwar an Orten, die sich diese Aufgabe selbst nie so aufgebürdet hätten, sie somit von sich weisen oder ihr nur widerwillig folgen. Auch die vom Staat und von den Ländern finanzierte Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg, die seit 2001 die Datenbank „lostart.de“ betreibt, hat es bis heute offensichtlich nicht geschafft, die Rahmenbedingungen zu etablieren und Dienstleistungen zu erbringen, die es den Museen umfassend ermöglichten, sich aus freien Stücken an sie zu wenden und mit oder mittels dieser Einrichtung konstruktiv zusammen zu arbeiten.

Um die Dauer einer Provenienzrecherche etwas zu veranschaulichen, bedarf es des Einblicks in das methodische Vorgehen: Ausgangspunkt für jede Herkunfts-Recherche sind die im Haus aufzufindenden Dokumente. Da ist zum einen der Eintrag zum Beispiel im Inventarbuch, der unter günstigen Umständen den unmittelbaren Vorbesitzer nennt, zum anderen finden sich Hinweise in der jeweiligen Werkakte, sofern diese vorhanden ist. Auch Reproduktions- oder Abbildungssammlungen können informative Quellen sein, befinden sich doch manchmal auf alten Fotografien weiterführende Expertisen oder andere Notationen. Unverzichtbar bei der Suche nach den Vorbesitzern ist das jeweilige Archiv des Museums. Fehlt dieses, ist die gesamte Recherche ungleich schwieriger. In diesem Archiv befindet sich im Idealfall der Schriftverkehr, der bei Angeboten durch Kunsthandlungen oder Galerien und bei Ankäufen von Kunstwerken durch das jeweilige Museum entstanden ist. Je nach Zustand des Museumsarchivs findet man also im Hause selber mehr oder weniger schnell Informationen, die der Forschung weitere Ansätze liefern.

Eine andere aussagekräftige Quelle kann das Gemälde selbst – genauer seine Rückseite – sein, die diverse Aufschriften und/oder Etiketten tragen kann. Sofern diese Primärquellen vorhanden sind, müssen sie noch entziffert und ihre Bedeutung entschlüsselt werden. Denn wenn zum Beispiel eine Zahl oder ein Stempel gefunden wird, weiß man noch lange nicht, in welchem Zusammenhang sie wann dort von wem zu welchem Zweck hinterlassen wurden. Die Zahl kann eine Nummer für das Gemälde innerhalb einer Auktion oder die bloße Registrierungsnummer einer Sammlung gewesen sein, der Stempel kann von einer Ausfuhr oder einer Einfuhr herrühren. Zahlreiche Vorkenntnisse und weitere Informationen sind nötig, um hier weiter zu kommen, zum Teil sind andere Experten zu konsultieren.

Zu Rate gezogen wird natürlich auch die Sekundärliteratur. Ihre Informationsgehalte können weiterhelfen, aber ebenso auch unvollständig sein und somit in die Irre führen. Lassen sich Indizien finden, die auf Auktionshäuser, Galerien, Kunsthandlungen oder Privatsammlungen hinweisen, geht dort die Suche nach Quellen und Sekundärmaterial weiter, um den Hinweis zu erhärten oder sogar eine oder mehrere weitere Stationen des Kunstwerks festzumachen. Dazu sind Anfragen und Recherchen in Archiven, Erkundigungen bei Kolleginnen und Kollegen einzuholen und ein intensiveres Studium der jeweils zu konsultierenden Fachliteratur anzustrengen.

Doch was passiert, wenn alle diese Wege zu keinem wirklich eindeutigen Hinweis oder Beleg führen? Dann sind weitere Recherchen, etwa in verschiedensten Bildarchiven oder anderen wissenschaftlichen Einrichtungen möglich oder Rundfragen bei Kolleginnen und Kollegen (sofern überhaupt vorhanden) anzustellen. Langwieriges Suchen in Datenbanken und im Internet nach der Stecknadel im Heuhaufen gehört dazu… Wenn man Glück hat und die Bedingungen bei einer Recherche optimal bestellt sind, kann die Geschichte eines Gemäldes zumindest für die Zeit von 1933 bis 1945 in kürzerer Zeit geklärt werden, wenn man Pech hat – und das ist meistens der Fall – dauern die Nachforschungen Wochen, Monate, Jahre.

Aber so mühsam sich die Arbeit darstellt, so interessant und spannend ist sie und nie bleibt sie ergebnislos. Sie liefert immer auch bisher nicht gekannte Fakten für das jeweils zu erforschende Kunstwerk. Provenienzforschung ist eine Forschung, die somit auch das leistet, wozu viele Kolleginnen und Kollegen, deren Arbeitskraft vornehmlich von der Ausrichtung von Ausstellungen absorbiert wird, oft kaum noch Zeit haben. Es ist eine Arbeit im Stillen, die eines gewissen Schutzes, aber auch einer besonderen Förderung bedarf. Bisher sind ihr diese beiden Existenzbedingungen kaum zuteil geworden, doch das kann noch kommen. Es gab immer wieder positive Initiativen, beispielsweise den Arbeitskreis Provenienzforschung. Er stellte zeitweise ein gutes Informationsnetzwerk dar. Dabei handelte es sich allerdings um die Eigeninitiative der Forschenden, die keine institutionelle Anbindung erfuhr.

Anders als in Großbritannien und den USA, wo der Dachverband der Nationalen Museen und die American Association of Museums sich der Problematik angenommen haben und forcieren, ist in Deutschland der Deutsche Museumsbund, der sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für die Provenienzforschung stets stark einsetzt, auf Grund seiner personellen und finanziellen Ausstattung gar nicht in der Lage, sich in gleichem Maße für dieses Thema zu engagieren.

Es gilt, Kräfte zu bündeln und mit mehreren Einrichtungen für die Museen eine gangbare Lösung zu finden. Wichtig wäre eine Anlaufstelle – diese Forderung ist bereits älter und findet in letzter Zeit wieder eine Belebung – von und für die Museen, an die sie sich vertrauensvoll wenden können, wenn sie Anspruchstellungen erhalten haben, um zu erfahren, wo ebenfalls Ansprüche gestellt worden sind. Zu kombinieren wäre dies mit einer vertraulichen Mailingliste, in der Fragen gestellt werden können, die bei Recherchen auftauchen und die alleine nicht oder nur mit viel Aufwand zu beantworten wären. Gemeinsam könnten sich die betroffenen Museen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Anspruchstellungen und Rechercheaufgaben annehmen und professioneller, nämlich schneller und kostengünstiger, die Provenienzforschung betreiben.


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