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Program – Zwischen Kunst und Architektur

Oper im Transit

Ralph Findeisen
16. April 2007
Mladen Bizumic, „How If - Translation in III Acts“, Program – Initiative for Art and Architectural Collaborations, Berlin. Vom 29. März bis 28. April 2007

Irgendwohin gehen. An einem heimatlosen Ort die Zelte aufschlagen. Den Ort für sich verbrauchen. Projekte machen. Die Zelte wieder abbrechen. Weiterziehen – die kritische Selbstreferenz und der gleichzeitige Genuss am Fluchtmodus des populären Nomadentums von Kunstproduzenten mag als Beschreibungsmuster für die Non-Profit-Plattform Program herhalten, die in der Invalidenstraße seit rund einem halben Jahr Station macht.

Ins Leben gerufen wurde das Ausstellungsprojekt von dem in Hongkong geborenen Carson Chan und der Griechin Fotini Lazaridou-Hatzigoga, beide studierte Architekten mit Abschlüssen unter anderem in Harvard und unterfüttert mit diversen Jobs und Assistenzen in New York, Boston, Berlin oder Thessaloniki. Program ist im Grenzbereich zwischen Architektur und bildender Kunst angesiedelt und bietet neben Ausstellungen für Architekten, Künstler, Kuratoren und Theoretiker auch Office-Plätze zum Mieten. Die daraus erzielten Einnahmen und jeweils landesspezifischen Unterstützungen zu den Ausstellungen – wie im aktuellen Fall von der Botschaft Neuseelands – finanzieren das ganze Vorhaben. Darüber hinaus existiert ein „artists-in-residence“-Programm mit zwei Ateliers. Gegenwärtig zu Gast ist Valérie Kolakis aus Kanada, die auch die nächste Ausstellung bestücken wird.

Fast wäre man geneigt, Program als Ostberliner Variante des in Kreuzberg ansässigen Künstlerhauses Bethanien anzusehen. Effektiv versammelt es seine Komponenten in einem Parterre und erweitert das prosperierende Areal zwischen Invaliden- und Brunnenstraße um einen weiteren Ort mit hoher Fluktuationsrate. Program ist Durchgangsstation für Künstler unterschiedlichster Nationen, ein globales Drehkreuz im Miniaturformat. So nimmt es nicht Wunder, dass Mladen Bizumics Ausstellung „How If – A Translation in III Acts“ in Kooperation zwischen Bethanien und Program zustande gekommen ist.

Bizumic wurde 1976 in Belgrad geboren, wuchs in Neuseeland auf, lebt und arbeitet gegenwärtig in Berlin – und sucht vermutlich seine Identität. Eine Identität, die er nicht im eigentlichen Sinne erst besessen und dann verloren hat. Bizumic steckt seit jeher im Transit, als hätte es nie eine andere Daseinsform gegeben. Seine selbst verordnete Aufgabe besteht darin, sich an seinem jeweiligen Ort zu definieren. Das bedeutet in erster Linie den Ort zu definieren. Doch dafür braucht es Prämissen und die sind mit dem permanenten Aufenthalt im Transit schwer zu formulieren. Transit bedeutet realer Verkehrs- und Datenfluss. Identität wird nicht gegenüber einer Scholle gebildet, sondern in Bezug auf eine Flugstrecke, ein Kopierprogramm, einen „artists-in-residence“-Aufenthalt im Weltendorf des Nirgendwo und ähnliches.

Die „Räumliche Oper“ – wie Bizumic seine Arbeit nennt – setzt sich aus ACT I Freud Museum, ACT II Sister Cities of Berlin (Paris) und ACT III, dem Multi-Chanel-Projekt bei Program e. V., zusammen. Der Begriff der Oper dient dabei in gewisser Weise als Hilfskonstruktion. Wenn auch in fast minimalistische Versatzstücke verwandelt, könnte kaum weniger Material aufgefahren werden.
Freud Museum dreht sich um die Begriffe Denken, Identität und Psychoanalyse. „Leave the presence for a moment“, heißt es in der ersten Zeile des von seiner Mutter verfassten psychoanalytischen Gedichts, eingestanzt in eine transparente Plexiglasscheibe. Also: Begib dich auf eine Metaebene und finde heraus, wer du bist und was dich mit den Dingen verbindet, die dich umgeben. Eine schwer zu lösende Aufgabe für einen Transitangehörigen, der sich fort­laufend in einer Art Simulation von Präsenz bewegt. Dazu ertönt ein Klavierstück, das ein wenig an Brian Enos Ambiente-Musik The Plateaux of Mirror erinnert. Geschrieben hat es Mladen Bizumics Freundin. Auf einer Art Vitrinentisch liegen dazu Bruchstücke verschiedener Gebäude in Wien.

In Sister Cities zeigt eine Videoinstallation die Glastür eines Gebäudes im Pariser Vorort Le Kremlin-Bicetre bei Nacht, von drinnen nach draußen gefilmt. Draußen herrscht ununterbrochener Verkehr, Autoschatten gleiten fortlaufend über die Scheibe. Le Kremlin-Bicetre ist ein Ort oder besser Nicht-Ort, wo Immigranten leben und die Pariser vorbei rauschen, wenn sie alljährlich im Sommer in den Süden fahren. Eine kleine Erzählung, die auf einem Interview mit zwei ortsansässigen französischen Künstlern basiert, vervollständigt diesen Teil der Ausstellung. Zu Lachen gibt es da nichts. Die einzige vermeintliche Rettung ist es, die wahrhafte Katastrophe aus missratener Geopolitik, anonymen Gesellschaften und überlasteten Strukturen von Metropolen in ein so genanntes freies Spiel von Assoziationen zu übersetzen. Kunst im Ausnahmeraum Kunst, Luxus und Verderben.

Symbolisch spannend wird es auf der im stumpfen Winkel lancierten Projektionsfläche in ACT III. Bizumic: „Bilder des zerfallenden Gebäudes des UNESCO-Sitzes in Paris wechseln sich ab mit Aufnahmen einer Lawine am Mt. Cook (eines von der UNESCO geschützten Gebiets) in Neuseeland. Jede Projektion der sich spiegelnden Bilder gleicht einem riesigen, durch Überblendung fortwährend mutierenden Rorschach-Bild.“ Der von dem Schweizer Hermann Rorschach entwickelte, nicht unumstrittene „Tintenklecks Test“ dient Psychiatern und Psychologen, um Patienten in ihrer Persönlichkeits- und gegebenenfalls Krankheitsstruktur zu analysieren. Das, was die Patienten beim Betrachten verschiedener Tintenklecksmuster mit jeweils zwei spiegelverkehrten Hälften assoziieren, dient dabei als Grundlage der Analyse.

Für die Ausstellung bei Program e. V. heißt dies, dass der Betrachter der Patient ist mit der Möglichkeit der Selbsterkennung und im besten Fall Selbstheilung. Die Interpretation lässt allerdings noch weiter spinnen bis hin zu einem vom Betrachter-Patienten auf den Gegenstand projizierten Generalverdacht, mit dem Gegenstand stimme etwas nicht. Weder wäre dann die Selbstheilung auf Seiten des Betrachters realisierbar noch erschiene dann der UNESCO-Sitz als künstliche Natur und der Mt. Cook als angeblich ursprüngliche Natur auf eine Ebene rückführbar, wo der zwischen beiden aufgeheizte Konflikt geklärt ist. Bizumics Feststellung, dass sich die Frage „Wo genau befinden wir uns nun?“ einer eindeutigen Antwort zu entziehen scheint, würde dann in einen psychopathogenen Kollaps münden, der das Verhältnis von Verkehrsgesellschaft, missbrauchter und angeschauter Natur umschreibt. Ein Höllenbild.


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