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Preis für Junge Kunst 07 // Künstlerinterview Ceal Floyer

Ohne Schnickschnack

Anne Schreiber
20. September 2007
artnet: Frau Floyer, sprechen wir zuerst über Ihren künstlerischen Beitrag für den Preis der Nationalgalerie. Wenn man den Ausstellungsraum betritt, sieht man 24 treppenartig an die rechte Wand angebrachte Lautsprecher, die nacheinander einen Ton von sich geben. Man denkt an Schritte auf einer Treppe…Ceal Floyer: Ja, man mag daran denken, aber Scale ist keine Mise-en-Scène, es ist kein Theater oder Kino. Was man hört, ist einfach nur das, was man sieht –  einen Ton, der steigt und fällt. Das vernehmbare Geräusch habe ich eigens für die Arbeit aufgenommen, es ist das Material der Lautsprecher selbst. Es gibt keine Illusion oder Psychologie. Es ist eine Soundinstallation, ein Triptychon in der Zeit.

artnet: Oft sind bei Ihren Installationen sämtliche verwendete Materialien sichtbar. Nichts ist versteckt oder „backstage“. Door (1995) etwa besteht aus einem Lichtprojektor, der einen schmalen Streifen Licht entlang eines unteren Türschlitzes wirft. Es scheint, als käme das Licht von draußen herein. Woher, bleibt dem Betrachter verborgen. Aber damit ist man bereits in die Falle getappt, denn alles, was man zum Verstehen benötigt, ist ja da: der Projektor, das Licht, die Tür, das Stromkabel. Das Arrangement suggeriert eine starke Symbolik, während die bloßen Materialien zeigen, dass es kein Außerhalb gibt.

Ceal Floyer: Die Arbeit mag jeglichen hermeneutischen oder interpretativen Anspruch frustrieren. Aber darum geht es mir gar nicht. Die Summe der Materialien sowie der sie umgebende Raum können als Gleichung der Arbeit verstanden werden. Sie ist ein geschlossener Zirkel, eine Tautologie – eine Rahmung ihrer selbst. Das Gleiche kann man für den Titel sagen. Das Wort „Door“ verweist ja nicht auf so etwas wie „Licht“ – zu sehen ist eine Tür, die vom Licht angestrahlt wird.

artnet: Sie arbeiten häufig mit Lichtprojektionen. Bei Light Switch (1992) zum Beispiel ist das Bild eines 1:1 an die Wand projizierten Lichtschalters zu sehen.  Overgrowth (2004) zeigt einen Bonsai in der Größe eines „normalen“ Baumes.

Ceal Floyer: Der Vorteil bei der Projektionstechnik besteht darin, dass man mit Größe experimentieren kann – eine ihr inhärente Eigenschaft. Im Fall von Overgrowth entsteht durch Verschieben der Hardware eine sowohl bedeutungsmäßige als auch formale Korrektur. Zugleich untersagen die bloße Präsenz der Technik sowie ihre Nähe zum Gezeigten jeglichen illusorischen Effekt.

artnet: Worin besteht dann der Unterschied, etwas in seiner natürlichen Größe zu zeigen – wie bei Light Switch – und etwas größenmäßig zu verändern?

Ceal Floyer: Durch die Veränderung nutzt man die skulpturale und nicht bloß die bildhafte Dimension.

artnet: Eine Korrektur an Platons Höhlengleichnis?

Ceal Floyer: Da sehen Sie es! Schon wieder messen Sie Bedeutung bei – die ich so sorgfältig zu minimieren versuche…

artnet: …was an Half Empty (1999) und Half Full (1999) denken lässt. Zu sehen sind zwei sich exakt ähnelnde Fotografien eines bis zur Hälfte vermutlich mit  Wasser gefüllten Glases.  

Ceal Floyer: Diese Arbeit hat eine fast schon komische Pedanterie, die dafür sorgt, dass die Aussage der sprachlichen Figur „halb voll/halb leer“ einfach übergangen wird. Zwar ähneln beide Bilder einander komplett. Aber technisch betrachtet sind sie unterschiedlich – es sind zwei Fotonegative. Somit sind sie nicht ein und dasselbe Bild. Als zwei Originale untergraben sie die Vorstellung, dass man es mit ein und demselben Glas zu tun hat und bestätigen hierin die bildhafte Natur der Redewendung.

artnet: Auch die Arbeit Nail Biting Performance verwendet einen sprachlichen Ausdruck. Im Englischen wird damit eine riskante Tätigkeit beschrieben. Sie wurde 2001 im Vorfeld zu einem klassischen Konzert aufgeführt. Die Performance bestand darin, während einiger Minuten über ein Mikrofon gut hörbar an den Nägeln zu kauen.

Ceal Floyer: Nun – indem ich den Ausdruck wörtlich genommen habe, wurde er zu  einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Performance war eine Illustration der Sprache und nicht umgekehrt. Es ging darum, die Nervosität vor dem Auftritt darzustellen. Ironischerweise war ich vor dem Auftritt nervös, weil ich Nervosität vor dem Auftritt darstellen würde.

artnet: Das war also dramatisch und komisch zugleich. Welche Rolle spielt denn Humor in Ihren Arbeiten?

Ceal Floyer: Humor ist ein Nebenprodukt der investigativen Natur meiner Ideen und Arbeitsprozesse – Poesie und Pedanterie geben sich die Hand.

artnet: Der Preis der Nationalgalerie will auf die Bedeutsamkeit der zeitgenössischen Kunstszene  in Berlin aufmerksam machen…

Ceal Floyer: Ich mag es nicht, wenn man Berlin eine fertige Identität gibt. In meinen Augen hat die Stadt einfach keine. Eher besteht sie aus Leerstellen zwischen den Dingen. Berlin ist gerade deshalb interessant, weil es sich stets in einer Pendelbewegung befindet – oder wie ein Getriebe im Leerlauf.

artnet: Hat Sie die Nominierung für den Preis überrascht?

Ceal Floyer: Erst als ich hörte, dass der Preis der Nationalgalerie mit dem britischen Turner Preis vergleichbar sein soll, habe ich seine Bedeutsamkeit realisiert. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof hat für mich die Produktion einer Arbeit erfordert, die in diesem Kontext funktioniert. Die Herausforderung bestand darin, die Möglichkeiten zu nutzen, ohne den Versuchungen großer Gesten zu verfallen.


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