15. Dezember 2011
Das Kunstschaffen im Netz boomt. Dennoch möchte niemand von einer neuen Netzkunst sprechen. Stattdessen ist von Post Internet Kunst die Rede. Was sich zunächst paradox anhört, bezieht sich auf den kurzen Frühling der Netzkunst in den Neunziger- und Nullerjahren – der weitgehend wirkungslos verpuffte. Einer der wichtigsten Protagonisten der Bewegung von damals, der Russe
Alexei Shulgin, schwärmte vom „ultimativen Modernismus“, einer „Poesie der URL-Adressen“ und sammelte sprechende Links wie www.desire.org und www.money.com. Aus heutiger Sicht völlig banal, schließlich kann man sich eine Zeit, in der eine Linksammlung etwas Außergewöhnliches, gar Subversives war, kaum mehr vorstellen. Ähnlich anachronistisch wirken heute Vektorgrafiken und interaktive Computerprogramme in Museen. Von solchen gimmickhaften Technikreferenzen distanzieren sich die Akteure der Netzkunst heute.
Für die New Yorker Künstlerin Marisa Olson, die den Begriff der Post Internet Kunst 2008 einführte, bedeutet dies vor allem, dass ihre Ästhetik nicht von Computern und Robotern dominiert ist, sondern sich des Alltags bedient, in dem das Netz schon lange zuhause ist. Emblematisch ist ihre YouTube-Karaoke-Version von Richard Serras und Nancy Holts Videoarbeit Boomerang (1974), die mit maschinell erzeugten Echos experimentierte. Dem gewollt kühlen, technikfokussierten Gestus setzt Olson demonstrativ Alltäglichkeit entgegen. Ihre Blondine sitzt schlicht in einem Sweater in ihrem quietschbunten Wohnzimmer, im Hintergrund Bücherregal und Bastkörbe, wie in Millionen anderer YouTube-Videos – in dieser Beiläufigkeit ähnelt Olsons Werk den Arbeiten Cory Arcangels.
„In einer Welt, in der die Technologie alle Lebensbereiche umfasst, sind explizite Technikreferenzen unnötig und überholt“, so Olson in einem Interview mit der Webseite www.we-make-money-not-art.com, in dessen Verlauf sie auch das Label der Post Internet Kunst einführte. Ihr Konzept wird seither so heftig von Netzkünstlern diskutiert, dass Kritiker Gene McHugh 2010 einen von der Warhol Foundation geförderten Blog ins Leben rief, der sich ausschließlich damit beschäftigt.
Das traf vor allem bei der Amsterdamerin Katja Novitskova auf offene Ohren, die 2011 den „Post Internet Survival Guide“ herausgab – ein Kompendium, das vom Techno-Magazin „De:Bug“ als „Manifest einer neuen Generation von Künstlern“ gefeierte wurde. In dem Band sind obskure Bilder und Texte versammelt, die sie auf Streifzügen durchs Netz aufgestöbert hat: Ein Hund im iPhone-Kostüm, ein Saudi, der mit einem Jeep auf zwei Rädern balanciert, das Twitter-Posting eines falschen Ahmadinedschad. Mittendrin zeigt ein Screenshot die Google-Eingabe „I think I might be Satan“.
Auch als Oliver Laric in diesem Sommer drei Exemplare der chinesischen BMW X5 Imitation Shuanghuan CEO auf das Dach des Berliner Atelierhauses Monbijoupark hieven lies, war das eine konsequente Übertragung der Online-Logik auf die Offline-Realität. Als Online-Künstler setzt sich Laric schon lange mit dem Thema Kopie auseinander. So dokumentierte er das seltsame Schicksal des Fotos eines Raketentests von 2008, das von der iranischen Regierung manipuliert worden war. Nachdem das aufflog, tauchten im Netz unzählige mit Photoshop veränderte Varianten des Bildes auf. Von da an war es unter dem Namen lol missile bekannt, Internetslang für Jux-Rakete. Wer heute nach „iranian missile test 2008“ sucht, sieht zahllose Kopien. Die Shuanghuan CEOs auf dem Dach des Berliner Atelierhauses sind aus dieser Perspektive „lol cars“, auch wenn das etwas despektierlich klingen mag.
Explizit bekennt sich der Athener Angelo Plessas zur Post Internet Kunst. Sein Monument to Internet Hookups, eine gewollt naive, poppige Pyramide, glorifiziere das „Aufeinandertreffen von Off- und Online-Realität bei Verabredungen im Internet“, wie es Plessas formuliert. Es gibt bereits zwei dieser Pyramiden, eine steht in einem Park in Athen, die andere im Hafen von Thessaloniki. Viele benutzten sie tatsächlich, um sich über ortsbasierte Dating-Apps wie Grindr und Blendr zu treffen. „Man kann sich damit zum Sex oder zur Revolution verabreden. Ich finde, jede Stadt sollte so ein Monument haben“, so der Künstler. Er nimmt damit nicht zuletzt eine Softwareentwicklung auf – den Trend zur enhanced reality und location based social networks, bei dem On- und Offline-Realität zunehmend verzahnt werden.
Die Kunst aus dem Post Internet Umfeld steht beispielhaft für eine netzgeprägte Kultur, die aber wiederum kaum auf kulturelle Inhalte fixiert ist. Vielleicht haben gerade deshalb die Internet-Künstler der ersten Generation von der Fetischisierung des Netzes genug. Wie weit es die zweite Garde damit bringen wird, steht auf einem anderen Blatt.