7. November 2006
Nun ist es soweit: In New York kommt am 8. November
Ernst Ludwig KirchnersBerliner Straßenszene zu einem Schätzpreis von 18 bis 24 Millionen US-Dollar beim Auktionshaus Christie’s neben weiteren Preziosen der modernen Kunst zum Aufruf. Schon mutmaßt man,
Ronald S. Lauder könne es auf die im Juli restituierte Ikone des deutschen Expressionismus abgesehen haben, ebenso wie er seit kurzem zumindest Besitzer der ebenfalls restituierten „Goldenen Adele“ von
Gustav Klimt ist. Während das Auktionshaus selber in seiner Preview die Straßenszene recht unbekümmert damit bewirbt, sie habe einst dem „equally well-known collector
Carl Hagemann,
(…), a good friend of Kirchner’s“ gehört und aus einem Briefwechsel zwischen beiden von 1937 zitiert, reißen die Meinungsbekundungen um Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit der Restitution des Werkes nicht ab. Auch jetzt, kurz vor dem Tag X, tobt noch immer der Streit um die Frage, ob die Handreichung, auf deren Grundlage das Gemälde zurückgegeben wurde, der Überarbeitung bedarf oder nicht. Auch einzelne Praktiken des internationalen Auktionsmarktes stehen zunehmend in der Kritik der Öffentlichkeit.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat währenddessen zu einer offiziellen Gesprächsrunde zwischen Experten am 20. November eingeladen, das bestätigte sein Büro. Zu einem Erfahrungsaustausch solle es dort kommen, die Teilnehmer über bisherige Restitutionspraktiken informiert, Lösungen für die Zukunft geboten und eventuell Handlungsbedarf aufgedeckt werden. Gespräche mit einzelnen Vertretern des Kunsthandels scheinen jedoch bereits im Vorfeld der Ankündigung seitens des Kulturstaatsministeriums stattgefunden zu haben, so zum Beispiel mit Henrik Hanstein, dem Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, dass unter anderen Klaus-Dieter Lehmann von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Isabelle Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, und Michael Eisenhauer, Präsident des Deutschen Museumsbundes, auf der Einladungsliste des Kulturstaatsministers stünden. Christoph Brockhaus, Direktor des Wilhelm Lehmbruck-Museums Duisburg, scheint ebenfalls zu den Eingeladenen zu gehören.
Die FDP-Fraktion hat derweil einen Antrag [Verlinkung PDF FDP] auf Umgestaltung der Handreichung im Deutschen Bundestag gestellt. Angesichts der Debatte um die Versteigerung des Kirchner-Werkes müsse über eine Änderung der Rückgaberegelungen für Kunstwerke aus öffentlichen Sammlungen nachgedacht werden. Der Restitutionsgedanke dürfe in Zukunft keinesfalls durch die Praktiken des Kunsthandels diskreditiert werden, so Hans-Joachim Otto, Kulturexperte der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Eine Expertenrunde im Kanzleramt sei ausdrücklich zu begrüßen, nur dürfe die Diskussion über die Auffindung und Restitution von NS-Raubkunst nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden. Die FDP-Bundestagsfraktion fordert daher eine Überarbeitung der Handreichung, an der auch die Länder und Kommunen beteiligt sein müssten. Die Anstrengungen der Provenienzforschung müssten zudem „ggf. auch finanziell unterstützt werden“.
Ein Positionspapier [Verlinkung PDF JCC] der deutschen Vertretung der Jewish Claims Conference in Frankfurt hebt indes die Verantwortung der Museen zur Erforschung der Herkunft ihrer Bestände im Besonderen hervor. Die Überarbeitung der im Zusammenhang mit der erfolgten Kirchner-Restitution oftmals kritisierten Handreichung halte er explizit für nicht angebracht, betonte der Deutschland-Vorsitzende der Claims Conference, Georg Heuberger, im Gespräch mit artnet. Eine von verschiedenen Seiten erwogene Haltefrist nach erfolgter Restitution werde einzelnen, negativen Begleiterscheinungen nicht vorbeugen, denn bedenklichen Praktiken des internationalen Kunsthandels könne man nur durch Transparenz und Publizität entgegenwirken. Fälle wie die Restitution des Kirchner-Gemäldes bildeten eine extreme Ausnahme innerhalb aller Rückgabeverfahren, schließlich sei die Zurückerstattung einzelner Spitzenwerke keineswegs die Regel, sondern vielmehr die Ausnahme. Der Knackpunkt der Schwierigkeiten liege zudem darin, dass es den Hinterbliebenen der ehemaligen Eigentümer oftmals nicht möglich sei, den entsprechenden Informationen zum Verbleib verlorener Werke überhaupt habhaft zu werden. Es bliebe ihnen gar nichts anderes übrig, als auf die Hilfe der Auktionshäuser und Anwälte zurückzugreifen. Deutschland habe sich indes in den Washingtoner Grundsätzen von 1998 zu umfassender Provenienzforschung verpflichtet und solle seinen daraus entstandenen Verantwortlichkeiten stärker als bisher geschehen nachgehen.
In einem Artikel mit der Überschrift „Amputation einer einzigartigen Sammlung“ (FAZ vom 4.11.2006) fordert der Berliner Kunsthändler Bernd Schultz (Villa Grisebach) derweil ein „Recht auf Unantastbarkeit“ für Kunstwerke von nationalem Rang. Es gehe um das „Kulturgedächtnis“ Deutschlands, denn weitere 100 bis 150 hoch bedeutende Kunstwerke stünden im Blickfeld von New Yorker Restitutionsanwälten. Es würde Zeit, eine rechtsverbindliche Regelung zu verabschieden und über mögliche Fristen nachzudenken.
Diesbezüglich skeptisch äußert sich dagegen Martin Roth, Generaldirektor der Dresdner Kunstsammlungen, gegenüber dem Magazin Spiegel (44/2006). Es verbiete sich, als Deutscher von sich aus über Fristen der Wiedergutmachung zu reden. Die Politik müsse das Thema nun dringend auf die Agenda setzen, denn mittlerweile würden bereits Provenienzforscher von den großen amerikanischen Kanzleien abgeworben und es entstünde „ein riesiges Business“ rund um die Restitution. Die öffentliche Debatte müsse nun endlich wirklich beginnen.
Derweil verschärfen sich die Auseinandersetzungen weiterhin. Bereits seit einigen Wochen liegt der Berliner Staatsanwaltschaft die Strafanzeige des Freundeskreises des Berliner Brücke-Museums gegen den ehemaligen Kultursenator Thomas Flierl (PDS), Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) und die ehemalige Kulturstaatsministerin Barbara Kisseler (CDU) wegen Verdachts der Untreue vor. Heute zog ein Münchner Anwalt nach: Im Auftrag eines Münchener Sammlers erstattete er Anzeige gegen den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und dessen Finanzsenator Thilo Sarrazin, wegen „Verdachts der Untreue beziehungsweise veruntreuenden Unterschlagung“. Die Rückübertragung des Werkes stehe unter dem Verdacht einer „willkürlichen Schenkung“. Ist das der letzte Verzweiflungsaufschrei einer empörten Öffentlichkeit oder der Versuch, den Preis für den Kirchner zu drücken? Die morgigen Ereignisse werden es zeigen.