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Sammlerporträt Petter Olsen

Die Legende vom heiligen Petter

Clemens Bomsdorf
23. Mai 2012

Petter Olsen macht sich nicht viel aus den Millionen, die er geerbt hat. Zur weltweit beachteten Versteigerung von Edvard Munchs Der Schrei am 1. Mai taucht er in einem „zerknitterten, schlecht sitzenden Anzug“ auf, wie ein Journalist bemerkte. Und in der „New York Post“ hieß es, ein beim Restaurantbesuch danach zufällig zustande gekommenes Gespräch mit seinem Musiker-Idol Neil Young habe ihn glücklicher gemacht als der Hammerfall bei 107 Millionen US-Dollar. Diese von Olsen womöglich selbst lancierte Information passt zu seinem Image: Lieber als um den schnöden Mammon kümmert Olsen sich um Musik und Literatur oder auch die Natur. Petter, der Öko-Bauer und Naturschützer, Petter der Kunstfreund, Petter der Milliardär, Petter der Mäzen – mindestens drei dieser Petters tauchen stets auf, wenn in Norwegen über den Mann geredet oder geschrieben wird. Er gilt als der eigenwillige Sohn aus wohlhabendem Hause, der sein in der Schifffahrt verdientes Geld gut verwalten lässt, aber eigentlich andere Leidenschaften hat als den schnöden Profit. Klingt schön, weil sich so die Geschichte vom guten Olsen aus Norwegen so einfach schreiben lässt. Doch vermutlich ist er besser getroffen, wenn diese Beschreibung ein klein wenig geändert wird und aus dem „eigentlich“ ein „auch“ wird. Dann heißt es: Petter Olsen ist der Sohn aus wohlhabenden Hause, der auch andere Leidenschaften hat als Profit. Damit wäre sein Engagement nicht schlechter, er selber aber nur noch einer von vielen, die Geld und Kunst sammeln.

Und so gibt sich Olsen sogleich als großzügiger Mäzen, als er verkündet, den Schrei verkaufen zu wollen, um dadurch den Bau eines Munch-Museums zu finanzieren. Hier ist er – der Olsen, der Gutes tut und das Musische fördert. Zu seinem südlich von Oslo gelegenen Hof Ramme Gaard, in dessen Nachbarschaft Munch viele seiner Bilder gemalt hat, soll Dank Versteigerungserlös neben Ökobauernhof, Hotel, Amphitheater für das örtliche Shakespeare-Festival und Konzertarena bald noch ein Munch-Museum dazukommen. „Olsen ist ein großer Freund von Munchs Kunst und der Gegend, in der viele der Arbeiten entstanden sind. Sein Engagement wird vielen helfen, Munch neu zu entdecken“, sagt der Kunsthistoriker Hans-Martin Flaatten anerkennend. Petter Olsens Vater Thomas lebte lange Jahre Grundstück an Grundstück mit Munch und war mit ihm befreundet. Aber was Olsen plant, dürfte keine hohe zweistellige Millionensumme kosten und damit vom Auktionserlös noch viel Geld übriglassen.

Die internationalen Medien vergaßen vor lauter Freudentaumel über das Privatmuseum, sich auch einmal nach dessen Dimensionen zu erkundigen. So ging unter, dass es sich beim geplanten Munch-Museum nicht um ein Haus von internationaler Größe, sondern eher um ein Mini-Ausstellungsgebäude handelt, das entsprechend billiger sein wird. Nur rund 600 Quadratmeter soll das Gebäude messen. Fünf bis zehn Millionen Euro sollten dafür wohl ausreichen. Versteigert wurde das Bild aber für umgerechnet rund 80 Millionen Euro, von denen Olsen Verkaufsprämie zahlen muss, so er denn nicht mit Sotheby’s eine Sonderabmachung hat. Steuern fallen in Norwegen zudem gar keine an. Obwohl das nordeuropäische Land seinen Bürgern sonst mehr abnimmt als viele südliche Nachbarn, sind Privatverkäufe von Kunst steuerfrei – darauf wies vor der Versteigerung auch das norwegische Magazin „Kapital“ hin. In Zukunft müsse Olsen, der laut „Kapital“ unter anderem auch auf den Kanarischen Inseln Immobilien besitzt, „wohl viele Plätze höher auf Kapitals Liste über die 400 reichsten Norweger“ eingestuft werden, so Herausgeber Trygve Hegnar. Derzeit rangiert der Norweger mit einem geschätzten Vermögen von 4,3 Milliarden Norwegischen Kronen (570 Mio. Euro) auf Platz 28 der Liste, während sein Bruder Fred mit fast doppelt so viel Vermögen Position 11 einnimmt.

Keine Frage, auch in Norwegen ist die Freude darüber groß, von Olsen ein Museum finanziert zu bekommen. Zumal der geplante Neubau des Munch-Museums in Oslo erst einmal auf Eis gelegt worden ist. Niemand wird es Olsen vorwerfen, einige der Millionen aus der Auktion für sich oder andere Projekte verwenden zu wollen. Doch man sollte schon wissen, dass der Großteil des Geldes wohl eher nicht für philanthropische Zwecke genutzt werden wird.

In Norwegen hat die Sammlung Olsen bereits mehrfach Aufsehen erregt. Oder besser gesagt die Sammlungen, denn es ging dabei stets sowohl um Werke, die Petter gehören, als auch um die seines Bruders Fred. Alle stammten ursprünglich vom Vater Thomas. Lange Jahre stritten die beiden Söhne vor Gericht darüber, wem von beiden nach dem Tod des Vaters die vielen Bilder von Edvard Munch eigentlich gehören sollten. Schlussendlich bekam Petter die meisten Arbeiten zugesprochen. Rund 40 Munch-Originale soll er nun besitzen. Doch auch Bruder Fred ging nicht leer aus. 2006 versetzte er die Auktionswelt in Aufregung, als er 12 Bilder von Munch, darunter das Selbstportrait vor zweifarbigem Hintergrund sowie den Sommertag bei Sotheby`s versteigern ließ. Nie zuvor waren so viele Munchs aus einer Hand unter den Hammer gekommen. Der Erlös lag mit fast 17 Millionen Britischen Pfund weit über den Erwartungen.

Doch Vater Thomas Olsen hatte nicht alle seine Bilder direkt bei Munch gekauft. Anfang des Jahrtausends rückte die Sammlung Olsen in Norwegen ein zweites Mal in den Mittelpunkt des Interesses. Was folgte, war ein kleiner Skandal. Denn der Journalist Osman Kibar hatte herausgefunden, dass ein Teil der Werke Munchs direkt aus Nazi-Deutschland stammte. Bis dahin hatte es stets geheißen, die Bilder seien in der Schweiz ersteigert worden. Doch „große Teile der sehr wertvollen Munch-Sammlung, die Petter Olsen besitzt, stammen aus Harald Holst Halvorsens Handel mit Hitlers innerstem Kreis“, schrieb Kibar Ende 2002. Und bei Halvorsen handelte es sich immerhin um den norwegische Händler, der die zum Teil beschlagnahmten und enteigneten Munch-Arbeiten von Hitlers Handlangern gekauft und in die Heimat des Malers zurückbracht hatte – offenbar mit Unterstützung von Vater Olsen. Insgesamt sei man auf diese Weise an 75 Munch-Arbeiten herangekommen, so Kibar. Zwar sei die Rückkehr der Bilder ins Land des Malers in Norwegen damals freudig begrüßt worden, doch der Leiter des Osloer Zentrums für Holocaust-Studien, Odd Bjørn, bezeichnete den Kauf nach Kibars Recherchen als unmoralisch. So einwandfrei sind die Olsens also möglicherweise doch nicht zu ihrem kompletten Kunst-Vermögen gekommen.

Auch zur Versteigerung des Schrei am 1. Mai kursierte Kritik – denn Der Schrei war ebenfalls zur Zeit der Nationalsozialisten vom jüdischen Kunstsammler Hugo Simon an die Olsens verkauft worden. Ein Nachfahre Simons aber spricht von Zwangsverkauf und mag die Millionen-Auktion bei Sotheby’s nicht gutheißen: Rafael Cardoso, in Brasilien lebender Urenkel Simons, äußerte, Olsen und Sotheby’s hätten unverantwortlich gehandelt, indem sie den Schrei ohne viel Aufhebens um dessen Provenienz versteigerten. Sein Vorfahr, der deutsch-jüdische Bankier Simon, war 1933 nach Paris geflohen und hatte von dort aus den Verkauf des Schrei eingeleitet. Offenbar unter Druck, vermutlich unter Wert war das Gemälde auf der Flucht vor den Nazis abgegeben worden. Anfang des Jahres hatten Olsens Anwälte den Simon-Nachkommen schließlich angeboten, 250.000 US-Dollar des Ertrags an eine wohltätige, freilich selbstgewählte Organisation zu spenden, wenn sie ihr – juristisch nicht notwendiges – Plazet zum Verkauf des Gemäldes geben würden. Doch die lehnten ab. Der Gegenvorschlag der Erben, eine Summe zur Erforschung zur Sammlung Simon in der Weimarer Zeit zur Verfügung zu stellen, stieß bei Olsen auf taube Ohren. So ganz der große Heilige, als der er gerne dargestellt wird, ist Petter Olsen anscheinend nicht, denn wenn er partout keine ethischen Bedenken gehabt hätte, wäre es wohl kaum zu solch einem Angebot gekommen. Olsen zieht sich ins Private zurück – wie gut, wenn man ein eigenes Munch-Projekt hat – , bei dem man die kritische Öffentlichkeit ausschließen kann.


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