Porträt Kai Heinze Modern Art

Avantgarde im Adlon

Gesine Borcherdt
9. Januar 2012

Vor dem Adlon weht ein kalter Wind. Über den matschnassen roten Teppich stapfen einzelne Jeanstouristen zum Brandenburger Tor, reiche Russinnen gleiten von der Marmortreppe herab geradewegs ins Taxi. Links vom Eingang die obligatorische Ladenzeile: Blümchenporzellan, gefälschte Afro-Fetische, Udo Lindenbergs eierlikörselige Witzbilder – hier bleibt kein Wunsch nach sinnfreiem Overload offen. Um die Ecke dann die Wilhelmstraße mit der Britischen Botschaft. Seit 2001 ist sie durch Poller und Security-Beamte für Autos gesperrt. Ein Fluchtweg: Die innere Adlon-Einkaufspassage. Das erste Schaufenster ziert ein weinroter Oldtimer – „Collector’s Toys“ heißt der Laden. Doch nicht nur Autosammler finden hier etwas zum Spielen. Unauffällig, fast wie eine Deko-Replik, hängt unweit eines ausgestopften Eisbären ein wolkiges Informel-Gemälde von Bernard Schultze über den Stromkästen. Daneben steht eine Glastür offen, doch auch, wer den Weg direkt durch die Passage nimmt, kann ihn nun wirklich nicht mehr übersehen: Den Showroom Kai Heinze Modern Art. „Ich betreue den Oldtimerhandel mit, dafür zahle ich keine Miete“ erklärt der smarte 36-Jährige so simpel und selbstbewusst, wie sonst nur Amerikaner jeden Zweifel vom Tisch wischen. Mit Anzug, Krawatte und hellwachem Blick versprüht der gebürtige Hannoveraner ein kosmopolitisch geschultes Manager-Flair, an das selbst Niedersachsens ehemalige Ministerpräsidenten nicht heranreichen – und das auch für die Berliner Kunstszene eher untypisch ist.

Heinze hat hier Kunstgeschichte studiert, bevor es ihn 2001 für ein Praktikum bei Leo König Inc. nach New York zog – daraus wurden sechs Jahre, fünf davon als Geschäftsführer. Anschließend leitete er die dänische Galerie Faurschou in Peking, um letztes Jahr als Verkaufsdirektor bei Nolan Judin nach Berlin zurückzukehren. Dann kam die Chance mit diesem Raum.

„Das alles hier erinnert mich an die Upper East Side: Es ist sicher, diskret und ruhig. Kunsthändler und Kunden schätzen das.“ Der Pariser Platz und die Upper East Side? Im ersten Moment denkt man da an eine Vermischung von monumentaler Partykulisse und blankgefegten Bürgersteigen für Manhattans Geldadel. Doch die Überzeugung, mit der Heinze auf einer wohnzimmergroßen Fläche afrikanische Holzpenisse aus den Zwanzigerjahren neben ein gigantisches Norbert-Bisky-Gemälde, einen 1991er Jörg Immendorff und eine bunte Frank Stella-Skulptur stellt, ist so ein totales No-Go, dass es schon wieder etwas Erfrischendes hat. Etwas von der amerikanischen „Alles ist möglich“-Mentalität, der heute beinahe etwas Nostalgisches anhaftet.

Tatsächlich geht es Heinze um mehr als einen profanen Verkaufsraum für Kunst nach 1945 – in dem er große Namen wie Lee Bontecou, John Chamberlain, Helen Frankenthaler, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg anbietet: Kommissionsware von Händlern, Künstlern, Sammlern. Heinze, der im Frühjahr auch eine Galerie für zeitgenössische Kunst eröffnen wird, will Zeichen setzen: Für eine klare Trennung zwischen Sekundärmarkt und Galeriearbeit. Für Ansprechbarkeit. Für Qualität, Diskretion und Transparenz. Alles Punkte, die am Kunstmarkt nicht selbstverständlich sind.

„Ich stehe für eine Geschäftsethik, wie sie in den letzten Jahren nur noch selten praktiziert wurde“, erklärt Heinze, während zwei Touristen von draußen den Oldtimer fotografieren. „Der Kunsthandel ist ein Business, das von keiner zentralen Stelle reguliert wird. Viele sehen darin einen Freifahrtschein, ohne jede Kunstkenntnis Galerist zu werden und ihr Lifestyle-Bedürfnis auszuleben. In letzter Zeit gab es viele Mitstreiter, die auf grauenvolle Weise Geschäfte machen und Künstler und Kunden schlecht behandeln.“ Zum Beispiel? „Manche Galeristen setzen Künstler auf ihre Liste, die sie gar nicht vertreten, sondern von denen sie nur ab und zu Werke über den Sekundärmarkt verkaufen. Das gibt ein völlig falsches Bild von Galeriearbeit.“

Heinze muss es wissen. Vor allem in Peking durfte er erleben, was man heute so alles unter einer Galerie versteht. „China ist Wilder Westen! Da gibt eine Galerie ihre Räume schon mal für ein Autohaus her und schraubt die Ausstellung des Künstlers von vier Wochen auf anderthalb herunter.“ Die Rede ist von dem berühmten Galeriequartier 798, wo sich bis auf Faurschou und den Ableger der New Yorker Pace Gallery niemand an solchen Aktionen störte. Selbst das prominente Ullens Center ließ sich von Dior für eine Schau bezahlen, für die man Künstler um eine Hommage an den Designer bat. „Das hat nichts mehr mit Verantwortung für die Kunst zu tun!“ meint Heinze erbost. Vielleicht könne man in 15 Jahren wieder auf das chinesische Festland blicken – oder nach Indien, wo dieselbe Mentalität herrsche. Doch heute dort als klassische Galerie mit westlichen Künstlern zu agieren, sei praktisch unmöglich. Die sogenannten „BRICS-Staaten“ tobten sich jetzt erst einmal am eigenen Markt aus. „Und ganz ehrlich: Wenn jemand wie Yue Minjun so teuer ist wie ein Pablo Picasso, dann kann etwas nicht stimmen!“

Auch in New York erlebte Heinze zu Boom-Zeiten, wie man es nicht macht: Manche Galeristen fuhren donnerstags in die Hamptons und riefen die Kunden auch in der nächsten Woche nicht zurück. „Nach dem Crash von Lehman Brothers sah das allerdings schon wieder anders aus. Wer seine Galerie nicht zugemacht hatte, stand sogar vor der Tür, um Präsenz zu zeigen.“ Präsenz zeigen, das tut auch Heinze im Adlon – und deshalb kommen nicht nur Kunstkäufer, die zufällig hier nächtigen, sondern auch neugierige Sammler aus Berlin und dem Ausland vorbei. Heinze steht immer zur Verfügung: „Es kommt nicht von ungefähr, dass die Sache hier einen gewissen Saloncharakter hat. Die Macht des Gespräches wird unterschätzt – ich möchte das wieder aufleben lassen.“ So wie Heinze das sagt, klingt es nach einer Mission, mit der er eigenen Berufsstand reinwaschen will.

Und was hat es mit der Galerie auf sich – für die er Geheimtipps wie Matthew Weinstein, Les Rogers und Meyer Vaisman sowie den US-Fotografen Joe Maloney listet und dem Moritzplatz-Veteranen Helmut Middendorf noch einmal zu später Blüte verhelfen will? „Im Moment plane ich die Eröffnung zum Gallery Weekend mit Räumen am Potsdamer Platz“, so Heinze. Wenn erst die Sammlung der Moderne ins Gebäude der Gemäldegalerie am Kulturforum einziehe, hätte man dort ein großartiges Kunstkonzentrat! Offenbar läuft der Draht der Hauptstadtpolitik zu manchen Neuberlinern erstaunlich heiß. Und was ist mit Arkadenshopping und Kasinokultur? Heinze winkt ab. „Ich denke da eher an das Haus Huth und den Martin-Gropius-Bau“, meint er, als zwei Anzugträger vor dem polnischen Immobilienbüro vis-à-vis stehenbleiben und das Foto eines Einfamilienhauses betrachten. Heinze reckt den Rücken. „Und so etwas wie das Sony Center finde ich sehr gelungen!“ Wie gesagt, alles ist möglich. Nur nicht im Kunsthandel. Wenn Heinzes Haltung die Runde macht, ist alte Schule bald die neue Avantgarde.


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