10. Januar 2012
„Gute Kunstwerke haben Beine, sie laufen von allein zu den richtigen Sammlern“, sagt, in typisch britischem Understatement, Daniella Luxembourg, eine der erfolgreichsten Kunstvermittlerinnen überhaupt. In Wahrheit ist sie es meist, die Werken wie Sammlern Beine macht, auf dass sie zueinanderfinden. Man könnte die attraktive Israelin als Queen des Secondary Markets bezeichnen, denn ihre Private Deals sind in der Regel so hochkarätig wie ihre Kunden. Informationen dringen freilich nur selten an die Öffentlichkeit, lediglich wenn es um ganz prominente Fälle geht, wie damals, als sie für 38,1 Millionen US-Dollar Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszene bei Christie‘s für ihren Lebensgefährten, den Großsammler Ronald S. Lauder und dessen Neue Galerie in New York erwarb. Auch andere finanzpotente Sammler zählen zu ihren Klienten, doch – Diskretion ist oberstes Gebot – Namen nennt sie nicht, nur der von Nicolas Berggruen entschlüpft ihr. „Chinesen und Russen jedoch“, betont sie, „zählen nicht zu meinen Kunden, denn wir handeln mit etablierter Kunst und unsere Sammler sind genauso gut informiert wie wir.“
Auf die Frage, wo die meisten ihrer Kunden zu finden seien, antwortet Luxembourg: „Seit hundert Jahren gilt: die Europäer verkaufen, die Amerikaner kaufen. Die Europäer traten erst in den 1960er- und 70er- Jahren als Käufer in Erscheinung.“ Der Markt der Händlerin liegt also weiterhin hauptsächlich in den USA. Daher jettet sie von Kontinent zu Kontinent, nicht nur zwischen ihren drei Wohnsitzen in London, Tel Aviv und New York (wo sie ein Brownestonehaus von Pierre Matisse erwarb) hin und her, man trifft sie auch auf allen wichtigen Auktionen und Messen. „Ich bin eine reisende Jüdin“, sagt Daniella Luxembourg lachend. Doch all diese Erfolge scheinen ihr nicht zu genügen. Die Kunsthändlerin, die bei Sotheby‘s begann, dann mit Simon de Pury das Auktionshaus Phillips de Pury & Luxembourg leitete, machte sich 2004 selbständig und gründete die Firma Luxembourg Art Ltd. Mit ihrer exzellenten Kunstexpertise reüssierte sie schnell auf höchstem Niveau im internationalen Kunstbetrieb.
2009 abermals ein Neustart: sie eröffnet, gemeinsam mit Amalia Dayan, der Enkelin von Moshe Dayan, in New York eine Galerie auf der vornehmen Upper East Side. Weil die zu einem fulminanten Erfolg wird, folgt 2011 eine weitere Galerie in Londons Savile Row, in der auch Hauser & Wirth mit riesigen Lokalen residieren. Die Direktion in London übernimmt Luxembourgs Tochter, die 31-jährige Alma, die ihr kunsthändlerisches ABC bei Christie‘s und Sotheby‘s erlernte.
Wir treffen uns in der Londoner Galerie, die nur durch ein diskretes Messingschild Luxembourg & Dayan annonciert wird. Luxembourg, im eleganten Alaia-Kleid, begründet den eigentlich überraschenden Schritt, nun auch noch als Galeristin aktiv zu sein. „Eine Galerie ist wie eine Bühne, man kann zeigen, was und wie man denkt, seine persönliche Passion in Szene setzen. Außerdem: eine Galerie ist offen, man lernt neue Leute kennen. Private Dealing ist etwas ganz anderes, man geht zu einer individuellen Person und verhandelt mit ihr. Das heißt aber nicht, dass es in der Galerie nicht auch individuelle Gespräche gibt.“
Wie nicht anders zu erwarten, fährt Luxembourg auch in ihren Galerien großes Kaliber auf. Nach einer prächtigen Rückschau auf Marcel Duchamp folgte in New York eine museumswürdige Schau mit dem Titel „Unpainted paintings“, ein spektakuläres, exquisites Panorama bestückt mit Werken von 37 Künstlern, welche zwar das Bildformat, nicht jedoch Leinwand plus Öl oder Acryl verwenden. Über fünf Etagen verteilt waren da Strickbilder von Rosemarie Trockel, Nagelbilder von Günther Uecker oder Stoffbilder von Blinky Palermo vereint. Neben Tableaus, auf denen unübliche Flüssigkeiten im Spiel waren, bei Andy Warhol beispielsweise Urin oder Feuer bei Yves Klein, Silberfolie bei Jean Dubuffet oder Blattgold bei Robert Rauschenberg. Kurt Schwitters und Daniel Spoerris Collagen fehlten ebenfalls nicht. Eine Ausstellung mit absolutem Star-Appeal. Und kunsthistorisch innovativ, „denn bisher hat niemand das zusammengestellt. Diese Art Bilder herzustellen ist vielleicht die wirkliche künstlerische Erfindung des 20. Jahrhunderts.“
Nach diesem Meilenstein in der Ausstellungslandschaft folgt der nächste Coup als transatlantisches Doppel: „Grisaille“, eine auf beide Galerien in London und New York verteilte fulminante Kollektion von Werken in Grautönen. Ein faszinierendes Rendezvous von Klassikern und junger Kunst. Zum Entree ein Altarbild aus der Werkstatt Albrecht Dürers, dann ein frühes Stadtbild von Gerhard Richter, das einen in Grauschattierungen daherkommenden Fernand Léger zum Nachbarn hat. Ein geschlitzter silbriger Lucio Fontana trifft auf den jungen Ryan Sullivan mit seinen silbriggrauen Oberflächenstrukturen etc. Noch atemberaubender wurde die Symphonie in Grau in New York inszeniert. Stararchitekt David Adjaye gab jedem Raum kontrapunktisch eine andere Farbtönung, auf der die grau-changierenden Werke noch attraktiver wirkten. Die kuratorische Regie übernahm wieder Alison Gingeras, Chefkuratorin der Kunstsammlung von Francois Pinault im Palazzo Grassi. Die opulente Filzdrapierung von Robert Morris, kombiniert mit den minimalistischen Bildern von Agnes Martin kommt vor dem pinkisch Rot der Wand höchst theatralisch zur Geltung, das monumentale Frank Stella-Relief auf sattem Grün ebenso. Einen Faible für Grisaille haben, so zeigt sich, auch Brice Marden, Jasper Johns, Glenn Brown, John Currin, Alberto Giacometti oder Carl Andre – überraschend fand sich auch ein Werk des Bling-Künstlers Jeff Koons, das in die verschattete Grausymphonie passte.
Was treibt eine kommerzielle Galerie dazu, solch teure, aufwändige, museumswürdige Ausstellungen zu organisieren? Ist es eine noble, exquisite Visitenkarte, jenseits von kommerziellem Interesse? „Nein, wir haben mit diesen Shows auch kommerziell Erfolg, denn nur circa die Hälfte der ausgestellten Werke besteht aus unverkäuflichen Leihgaben. Dahinter steckt vielleicht der Wunsch, einmal wie ein Museumskurator agieren zu wollen. Ja, das ist der beste Teil der Unternehmung“, gesteht Luxembourg. Auffällig ist, dass auch andere erfolgreiche Galeristenkollegen in museale Höhen streben, sich plötzlich mit Museen messen wollen. Um zu demonstrieren, dass sie es genauso gut, wenn nicht besser können? „Wir sind flexibler. Museen sind große Maschinen mit schwerfälliger Verwaltung. Allerdings, an das Material heranzukommen, ist für Galerien schwieriger, jedenfalls aus den Museen. Werke von Sammlern zu erhalten, da haben wir es leichter.“
Derart im Sekundärmarkt verankert hat Luxembourg wenig Interesse daran, junge Künstler zu entdecken, zudem findet sie: „Der extrem zeitgenössische Markt ist sehr grausam. Marketing und Geschmackswandel spielen hier eine große Rolle. Der Wandel erfolgte früher nach ungefähr sieben Jahren. Heute, da so viel Geld im Zeitgenossenmarkt steckt, gibt es starke Interessen, den Zyklus zu verlängern, sagen wir auf ungefähr zwölf Jahre. Das Risiko bleibt“.
Wie alle Galeristen und Händler sammelt auch Luxembourg, „alles, was ich nicht verkaufen kann“, scherzt sie, „nein, ich sammle intensiv die Klassische Moderne, speziell die deutsche, Dada in allen Variationen, aber auch Arte Povera oder etwa Gerhard Richter. Und ich habe auch einige frühe judeo-christliche Mosaiken. Außerdem Objekte des Bauhauses“. Ein weiteres Projekt der umtriebigen Anfang 60-Jährigen: In ihrem Haus in Tel Aviv hat sie ein kleines, privates Bauhausmuseum eingerichtet.