Künstlerporträt Andreas Fischer

Schöne Parallelwelt

Alexandra Wach
14. Juli 2011

Andreas Fischer: „Westblindung“ – Galerie Reinhard Hauff, Stuttgart. Vom 10. Juni bis 30. Juli 2011

Auf dem Weg ins Atelier tauchen verdächtig viele Läden mit obskuren Flohmarktobjekten auf. Ohne Zweifel die perfekte Umgebung für jemanden, der Ventilatoren und Abflussrohre zum Sprechen bringt. Ein funktionierendes Klingelschild sucht man indes vergeblich. Um die Besucher zu empfangen, muss Andreas Fischer den fensterlosen Keller eines Mietshauses in der Nähe des Hauptbahnhofs verlassen und in die fahle Sommersonne treten. Er trägt Jeans und ein weißes T-Shirt, prätentiöse Selbstinszenierungen scheinen ihm gänzlich fremd. Bei den ungewöhnlichen Arbeitszeiten von 5 bis 13 Uhr wundert es nicht, dass die Gesichtszüge des Düsseldorfer Bildhauers nach unten drängen. Die Schuld daran trägt die neun Monate alte Tochter, die er gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Stanislava Kovalcikova, großzieht.

Wer sich in den dunklen Eingangsschlund hineintraut und auch die verwinkelten Treppen ins unterirdische Bricoleurparadies bewältigt, darf zur Belohnung sofort in Dialog mit dem halben Dutzend Skulpturen treten, die sich zwischen Transportkisten und wuchernden Verlängerungskabeln den knappen Platz streitig machen. Dank eines eingebauten Bewegungsmelders nehmen sie unvermittelt Kontakt auf. Es vibriert, lärmt, ventiliert und rüttelt, hier und da öffnet sich eine Kiste und fängt ein Gespräch an. Um das Ungetüm Doppel-L-Thema II, ein sargähnliches Holzgefäß auf Bügelbrettbeinen, muss man sich wohl Sorgen machen. „I want to explain my feelings“, gibt es beharrlich zu Protokoll, „but what is the sound of a feeling?“ Ähnlich selbstreflexiv parliert auch sein Erschaffer. „Ingenieurskunst, so wie man sie aus der Wirtschaft kennt, kann nicht scheitern. Aber mich interessiert gerade die Fragilität der Dinge, die Grenze zwischen Erfolg und Desaster.“

Die Spezialität des 39-Jährigen sind menschelnde Maschinen, die er aus ausrangierten Einzelteilen mittels baumarktüblicher Elektronik zu neuem Leben erweckt. Er befestigt sie auf Holzsockeln oder installiert sie in möglichst unauffälligen Raumwinkeln. Mit fast jeder Figur stellt er dem Betrachter die Frage: Was genau macht mich aus? Wie gehe ich mit Makeln, Defiziten und Fehlern um? Wann ist Kunst poetisch? Die Antworten versprühen mit Vorliebe subtile Komik, wenn etwa eine gelbe Zeltminiatur unter dem Titel Tente Jalouse (Eifersüchtiges Zelt) den Betrachter erst mit Atembewegungen anlockt, nur um sich wie eine Auster zu verschließen, sobald er ihr zu nahe kommt. Eigentlich harren die gebrechlichen kinetischen Objekte im Schummerlicht einer Reparatur entgegen. „Irgendwann klemmt es immer irgendwo“, stöhnt Fischer, „der Fön hier gehorcht inzwischen seinem eigenen Rhythmus und präsentiert das rot leuchtende Display mit der Inschrift PLEITE nur noch, wenn er Lust dazu hat“.

Die Ideen, die hinter den Montagen stecken, scheinen simpel, verbergen aber auf den zweiten Blick genug Potenzial für philosophische Traktate. Das merken sogar Kinder, die offenbar die besten Interpretationen liefern. „Einmal glaubte ein 5-jähriger Junge in einer meiner Skulpturen einen Drachen erkannt zu haben, der sich selbst in den Schwanz beißt“, erzählt Fischer begeistert. „Das hat mich umgehauen, zumal der Mythos für den Kreislauf von Leben und Tod steht, die Gegensatzpaare männlich und weiblich symbolisiert oder Licht und Finsternis“. Geschichten wie diese sprudeln im Minutentakt aus ihm heraus. Die Bewegungen der wild gestikulierenden Arme werden raumgreifend, die Augen leuchten euphorisch. Dann wechselt plötzlich die Stimmung und der Blick versinkt nach innen. Auch wenn der Schalterkram auf den Tapeziertischen und die roten Werkzeugkisten, die sich in den Regalen bis zur Decke stapeln, nach schlichter Tüftelei aussehen, umgibt die Arbeiten stets etwas Rätselhaftes, eine absurde Aura. Eindeutigkeit ist Fischers Sache nicht. „Da ist man gemein, wenn man sich als Künstler verweigert. Ich möchte, dass der Betrachter aktiv wird und seinen Assoziationen freien Lauf lässt.“

Allerhand Gerümpel türmt sich im Nebenraum. Alte Bürostühle, Fernsehmonitore und Kaffeemaschinen. Fischer ist ein Meister der Wiederverwertung. Mitunter finden die Dinge von selbst den Weg an seinen Arbeitsplatz, dank umweltbewusster Hotelketten, die ihre veraltete Elektronik umsonst anliefern. Auf dem Terrain kennt er sich gut aus, das Handwerk liegt ihm im Blut. Immerhin stellte sein Vater als Ingenieur riesige Motoren für eine amerikanische Firma her. Unter seinen Großeltern finden sich ein Fernmeldetechniker, eine Spitzennäherin und ein Tapetenmaler. Aufgewachsen ist er auf dem Land in der Nähe von Bonn. Wenn er als Kind nicht Buden im Wald baute, schnappte er sich mit seinen vier Geschwistern Staubsauger und zerlegte sie in Einzelteile. „Wir waren ein lärmender Haufen, da zieht man sich schon mal gerne zurück in seine eigene Welt“. Zur Kunst kam er eher durch Zufall. Der Zivildienst in einem Altenheim hatte Spuren hinterlassen, die Konfrontation mit dem täglichen Sterben wirbelte die Lebensplanung durcheinander. Über einen Job auf der Art Cologne geriet der damals noch manisch Zeichnende an den Künstler Michael Irmer. Nach einem Jahr Unterricht bei dem Bildhauer ging er an die Kunstakademie Düsseldorf. 2003 verließ er sie als Meisterschüler von Georg Herold. Irmer hatte Fischer noch prophezeit, „einen Vertrag mit dem Teufel“ unterschrieben zu haben. Mindestens 15 Jahre würde es dauern, bis er von seiner Kunst leben könnte. „Ein Grund mehr, um weiterzumachen“, sagt er mit einem plötzlichen Anflug von unerschütterlichem Selbstbewusstsein, „ohne Widerstand entsteht ohnehin nichts, das Bestand haben kann“.

Bis zu 5 Monate kann es dauern, bis eine Apparatur fertig gebastelt ist. Da fällt die Trennung schon mal schwer. Wie bei der Operation Notzucker von 2008, die sich jetzt im Wohnzimmer des Kölner Sammlerpaars Kurt und Claudia von Storch befindet. Ein vorbildlich mit Kaffee und Zucker ausgestattetes Boot, an dessen Spitze ein Lautsprecher baumelt. Zu Fischers typischem Vokabular gehört es, dass er seine Bilderbühnen, die er selbst „innere Landschaften“ nennt, mit eigener Stimme bespricht. Der Ton erinnert mitunter an dadaistische Rezitationen, die er mit einer erstaunlichen Portion schauspielerischen Talents vorträgt. Ein in Not geratener Seemann singt vom Mast herab gegen seine Angst an und beschimpft das Meer als „feige Sau“. Entbrannt für das maritime Drama sind die von Storchs im Museum Ludwig, wo Fischer vor zwei Jahren einige seiner merkwürdigen Apparaturen gezeigt hatte. Direktor Kasper König gesellte sich dazu und nahm prompt das Rabenrohr in die Sammlung auf: Eine auf einem Besen nach rechts und links spähende Chipsrolle aus Pappe, die störrisch die Geschichte vom Raben erzählt, „der raucht und raucht, der Rabe raucht, er raucht die ganze Nacht...“. Eine märchenhafte Szene, die auszutesten scheint, was von dem Spieltrieb früherer Tage übrig geblieben ist. „Hoch hinaus zu kommen“ ist zwar nicht sein Ziel, aber seine Kunst zu subventionieren, das hat er sich schon früh geschworen, möchte er auch nicht. „Und wenn, dann nur zu meinen Konditionen“, sagt er entschieden und lächelt. Kein Wunder. Seine Tüfteleien haben längst einen Markt gefunden. Er gehört zu der seltenen Spezies, die Empfindsamkeit mit Bodenständigkeit verbindet. Einen veritablen Sonderling stellt man sich anders vor. Auch wenn er um Kunstmessen einen großen Bogen macht, freut es Fischer, sobald seine Findelkinder die Tapeten wechseln können. „Selbst die schönste Parallelwelt wird irgendwann zu eng“, sagt er und verabschiedet sich in sein Verlies.


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