2. April 2010
Münchens Galerien müssen sportlich sein. Denn die Stadt ist in Bewegung, da ist Mobilität wichtiger als Beharrungsvermögen. Und die eigene Fitness unter Beweis zu stellen haben Galeristen inzwischen reichlich Gelegenheit: bei häufigen Umzügen innerhalb der Stadt zum Beispiel, bei Stippvisiten in der Kunstkapitale Berlin, beim Spagat zwischen verschiedenen Dependancen oder beim Rütteln an festgezurrten Traditionen – in einer Zeit, in der kein Stein auf dem anderen bleibt. Wer etwas auf sich hält, trägt dabei Schweinchenrosa. Zumindest auf dem zweimonatlichen Ausstellungskalender der „Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst“. Denn in dieser Farbe sind die Kästchen all der Galerien markiert, die sich im „Kunstareal“ befinden, dem place to be im bajuwarischen Kunstkommerz. So wurde seit Eröffnung der Pinakothek der Moderne im Jahr 2002 das Viertel um die Pinakotheken, das Lenbachhaus und Museum Brandhorst apostrophiert.
Rüdiger Schöttle agiert von hier aus seit über vierzig Jahren, umtriebig wie eh und je. Bernd Klüsers Tochter Julia führt mit Galerie Klüser 2 einen Showroom zusätzlich zur Stammgalerie in der Georgenstraße. Der Bogenhausener Galerieveteran Walter Storms hat sich die Projekträume in der Schellingstraße geschnappt, wo Sprüth Magers vor ihrem Umzug nach Berlin agierten. Eigentlich wollten Nusser & Baumgart hier einziehen. Die Galerie wird nun im Mai in der nahen Steinheilstraße neu eröffnen – in ebenfalls vorgewärmten Hallen: Zwölf Jahre lang trugen hier Six Friedrich und Lisa Ungar zum Münchner Ausstellungsgeschehen bei, doch Ungar firmiert seit März 2008 mit ihrer Wiener Kollegin Miryam Charim als Charim Ungar Contemporary (CUC) in Berlin.
Six Friedrich hat sich dafür galeristisch mit ihrem Sohn zuMaxWeberSixFriedrich zusammengetan und sich nicht im Pinakothekenviertel niedergelassen, sondern – Überraschung! – in der Prinzregentenstraße, etwas oberhalb der Villa Stuck. Dort betreibt der Architekt Gert Weber – ja, man ist/war verwandt – seit Anfang des Jahres seine Etagenwohnung als Galerie im Salonstil. Aktuell zeigt dort der österreichische Künstler Markus Huemer digital gefilterte Landschaftsdetails in Öl. „So können sich die Leute vorstellen, wie die Kunst in ihren eigenen vier Wänden aussehen würde – im Kontext mit Leben und alltäglichen Bedürfnissen“, erläutert Weber sen. die Galeriestrategie im eigenen Wohn- und Arbeitsraum. Doch dass sich jemand vom Pinakothekenviertel ins Abseits wagt, ist die Ausnahme. Abgesehen von einer weiteren Grande Dame des Münchner Kunstgeschehens: Dany Keller hat sich 2009 nach fast vier Jahrzehnten Münchner Aufbauarbeit mit ihrer Westschwabinger Galerie gleich in den Westerwald zurückgezogen.
Dennoch: Pinakothekenviertel rules. Das sieht selbst die Galerie Thomas so und agiert seit letztem Herbst nicht mehr nur von der Maximilianstraße aus. Wobei man die neuen Räumlichkeiten nahe des Museums Brandhorst mit ihren 908 luftigen Quadratmetern kaum Dépendance nennen kann: Thomas Modern trotzt – im feudalen Brachialstil-Officium der 1920er-Jahre – architektonisch wie metaphorisch jeglicher Krise. Und auch Barbara Gross wird nach 21 Jahren ihre Nachbarn Christine Meyer, Andreas Binder und die Galerie Filser & Gräf im lauschigen Lehel verlassen und in einen Hinterhof an der Theresienstraße im angesagten Viertel ziehen. Und nachdem sich die Galeristin vom ersten Schreck erholt hat, gewinnt sie dem Ganzen viel Gutes ab: „In den neuen Räumen werde ich auch größere Arbeiten zeigen können, das bringt neue Ideen fürs Programm.“
Auch Dina Renninger logiert mit dem jungen Akademie-Programm ihrer Galerie Dina4 in der Theresienstraße, schräg gegenüber von Michael Zink, der sich schon 2007 aufgespalten hat und seither auch in Berlin eine Galerie betreibt. Renninger allerdings hat der Farbe Zartpink abgeschworen, hat sie doch, gemeinsam mit Tanja Pol, im letzten Jahr die Galerie-Initiative verlassen. Zu schwerfällig, zu innovationsfern erschien den beiden das über die Jahre institutionalisierte Aktionsfeld, vor allem das gemeinsame Galerienwochenende „Open Art“ der über 60 Initiativen-Mitglieder (dieses Jahr vom 10. bis zum 12. September). „Wahrscheinlich ist es klüger, gezielt an wichtige Events anzudocken, die anderes Publikum in die Stadt bringen“, erläutert Renninger ihre Strategie. Die wurde auch schon erprobt: Bei der Brandhorst-Eröffnung im letzten Mai taten sich die Galerien und Offspaces im und um das Kunstareal für den ON/OFF DAY 2009 zusammen. Im kleineren Maßstab – mit Barbara Gross, Thomas Modern, Andreas Grimm, Jordanow, Sabine Knust, Tanja Pol, Galerie f5,6 und Steinle Contemporary – fand dann im letzten Oktober der „Gallery Crawl“ statt, parallel zur Vernissage von Ai Weiwei im Haus der Kunst. „München hat leider nicht den Ruf, innovativ zu sein, es ist keine Stadt, die man mit zeitgenössischer Galeriekultur in Verbindung bringt“, klagt Renninger. Für das Frischegefühl einer Stadt, so die Galeristin, seien die Offspaces fundamental.
Davon aber gibt es in München nur eine Handvoll. Das sporadisch auftauchende Künstlerduo Inga Charlotte Taubert und Carsten Recksik mit ihrer Privatgalerie etwa, die Wohnungsgalerie Mini Salon von Rüdiger Belter oder der kunstfördernde Rechtsanwalt Tilman Mueller-Stöfen mit dem Raum 58, der bis zum 30. April den jungen Polen Robert Crotla zeigt. Zwei Projekträume mussten jüngst die Tore ganz schließen: die künstlerbetriebene Atelier- und Ausstellungsgemeinschaft raum500 sowie die Westender Plattform Grassereins. Wer nach Experimentellem und nach junger Atelierkunst sucht, wird im Glockenbachviertel aber immer noch fündig: Konsequent wechselt der Weltraum wöchentlich seine Ausstellungen, und auch die Tanzschuleprojects in der Auenstraße, von zwei bildenden Künstlern und einem Filmautor geleitet, sind noch aktiv.
Ins Glockenbachviertel hat es neben Andreas Höhne jüngst auch Matthias Jahn verschlagen, dessen Nachnamen man in München schon seit den 1960er-Jahren mit Kunst in Verbindung bringt: Vater Fred Jahn sitzt mit der Galerie Thomas, Häusler Contemporary oder auch der Galerie Biedermann und Tanit in der Maximilianstraße, dem ehrwürdigsten – und teuersten – Part der Münchner Kunstszene. Hierzu gehören auch die Brienner Straße mit den Bernheimer-Räumen oder der Odeonsplatz mit Daniel Blau und Florian Sundheimer. Matthias Jahn kennt den Glockenbach aus Kindertagen und hat so die Gentrifizierung des Viertels durch Karl Pfefferle mit Hilfe von Künstlern wie Arnulf Rainer, Bernd Zimmer oder auch Rainer Fetting live miterlebt. In der Nachbarschaft zeigt auch die Galerie Kampl seit 1983 Positionen wie Peter Weibel oder inzwischen Tom Fabritius. Jahn möchte als Nächstes im Glockenbach gemeinsame Galerie- und Offspace-Aktionen initiieren. Das ist zwar kein neuer Gedanke, könnte aber der stärkeren Wahrnehmung des Glockenbachs als eigenständigem Kunstviertel neben Pinakothekenviertel, Maximilianstraße und Lehel nur gut tun: „Ich bin natürlich nicht auf derselben Höhe wie Pfefferle“, schmunzelt Jahn, „aber ich habe ein junges Programm, zu dem ganz junges Publikum kommt. Es wäre doch schön, wenn dadurch junge Leute auch zu Etablierterem Zugang finden.“
Münchens Kunstszene ist also, selbst wenn sie manchem Außenstehenden eher behäbig erscheint, höchst aktiv und beweglich. Nur ein Klischee entspricht der Wahrheit: Die Mieten sind hier höher als anderswo. Die Erfahrung musste auch Dina Renninger machen, die auf der Suche nach einem geeigneten Objekt für ein Galeriehaus nach Berliner Vorbild war. „Es war aber einfach zu teuer“, resümiert Dina Renninger ihre Bemühungen und trauert ein bisschen den Möglichkeiten der Hauptstadt hinterher, die sie eineinhalb Jahre parallel zu ihrer Münchner Galerie ausprobiert hat: „Da habe ich für 250 Quadratmeter den gleichen Preis gezahlt wie hier in München für meine 60.“
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