Porträt Axel Hütte

Die unerklärliche Leichtigkeit des Seins

Gesine Borcherdt
25. November 2011

Eigentlich ist es schon zu kalt zum Kanufahren. Doch weil die Spätherbstsonne auch an diesem Wochenende ihre Fühler über den Feldern ausbreitet, sich zwischen Ästen verfängt und auf dem kleinen Kanal herumtanzt, ist Axel Hütte nicht der einzige, der sich den Tag für eine Bootstour im Spreewald ausgesucht hat. Mit einem Unterschied: Statt auf einem Touristenfloß Brotzeit in Daunenjacken abzuhalten, mit brandenburgischem Gondoliere im Nacken und liebevoll gedecktem Tischchen vor der Nase, über das gelegentlich die Zweige der Uferflora wischen, hockt der Düsseldorfer Fotograf mit seiner schweren Plattenkamera im Plastikkanu und verdreht die Augen. „Manchmal dauert es ewig, bis sich das Wasser wieder beruhigt hat“, seufzt er – dabei ist er stundenlanges Warten gewöhnt: Darauf, dass der Nebel sich um einen Gletscher legt, den er mit dreißig Kilogramm Gepäck bestiegen hat. Dass im tiefsten Urwald die Sonne untergeht und die Bäume wie rachitische Gliedmaßen aussehen. Oder eben, dass sie im Spreewaldkanal die richtige Welle trifft. Dann drückt Axel Hütte ab.

Was auf diese Weise in den letzten 26 Jahren entstanden ist, hat den prominenten Becher-Schüler zur Nummer eins der Landschaftsfotografie gemacht. In den Neunzigern kannte man ihn vor allem als den Mann für Leerstellen im urbanen Raum, der neben Thomas Struth, Candida Höfer, Thomas Ruff und Andreas Gursky einen minimalistischen Blick auf die Architektur der Moderne warf. Bei Hütte waren es meist bauliche Randzonen – Brückengitter, Unterführungen, Überdachungen – die den Blick ins Leere schickten. Dass man sich trotzdem nicht in seinen Bildern verliert, sondern sich bereitwillig in ihre meditative Sinnlichkeit einsaugen lässt, unterscheidet Hütte von seinen Zeitgenossen. So kühl und kahlgefegt seine klaren Konstruktionen daher kommen, so auratisch aufgeladen wirken sie. Immer wieder geht es ihm um die Frage nach dem eigenen Standpunkt, den er im Unklaren lässt – und den Betrachter in einen gefühlten Schwebezustand versetzt. Egal, ob er das Auge durch Stützpfeiler oder Metallrahmen, über Wasseroberflächen oder zwischen Baumstämme lenkt: Hüttes reduzierte Kompositionen bringen ein Maximum an Magie mit sich. Kein Wunder, dass er sich schließlich ganz von Gebäudefragmenten ab- und der Natur zugewandt hat – mit einem Blick, den Rudolf Schmitz einmal unter dem Begriff „halluzinative Sachlichkeit“ verbuchte. Seitdem entlockt er der Landschaft ihre Poesie. Und im Gegensatz zu anderen Fotografen seiner Generation tut er das niemals digital, sondern immer im Vertrauen auf den richtigen Augenblick. Welche seiner Aufnahmen den am Ende zeigt, weiß der Künstler erst ganz am Schluss. Denn Hüttes Bilder sind keine Abbilder. Es sind Momentaufnahmen, die der Welt ihr Geheimnis entlocken – aber es niemals verraten.

„Klar wäre es mit der Digitalkamera einfacher“, erklärt Hütte mit seiner tiefknarzenden Stimme und versucht, vor der kleinen, handbetriebenen Schleuse, das Kanu in Position zu bringen. „Ich muss ja abblenden, um Tiefenschärfe hinzubekommen.“ Doch digital bearbeitete Bilder, in denen auch der kleinste Ast in der Ferne messerscharf gestochen wirkt, interessieren ihn nicht. „Das hat nichts mit Realität zu tun – und noch weniger mit Atmosphäre.“ Klar, wer will schon „Fitzcarraldo“ in HD-Version sehen?

Inzwischen hat sich das Wasser beruhigt, und der Spreewaldkanal wird zu dem, was Hütte in den letzten Monaten hier in Szene gesetzt hat: Ein dunkles, ruhiges Gewässer, in dem sich die Bäume spiegeln. Was daraus entsteht, sind Bilder, die man erst einmal nicht begreift: Die Bäume stehen mit leicht zittrigen Konturen Kopf, was aussieht, als hätte jemand die Fotos aufgepixelt. Keine Chance zu sagen, was Spiegelung ist und was echt. Durch die Lichtpunkte sehen manche Fotos aus wie abgeblättertes Öl auf Leinwand oder Verwischungen à la Gerhard Richter. Selbst, wenn man der Fotografie ihre Nähe zur Malerei nicht absprechen kann – die Rätsel der Realität allein durch die Kamera einzufangen und ihnen ein universelles Antlitz zu verleihen, dazu braucht man poetisches Gespür.

Hütte taucht ab und wirkt, wie er da unter dem schwarzen Tuch mitten auf dem Wasser treibt, so seltsam wie eine Figur aus einem Peter Doig-Gemälde. Warum er sich nicht einfach auf die Schleuse oder gleich ans Ufer stelle? „Nein, ich muss in der Mitte des Wassers sein – damit ich dem Betrachter suggeriere, dass er selbst im Wasser oder darüber steht. So findet eine räumliche Illusionierung statt: Man weiß nicht, ob ich als Fotograf auf einer Brücke stehe oder in einem Boot sitze. Das hat mit Überlistung des Gehirns zu tun.“ erklärt die Stimme aus dem Off.

Um die Ratio auszuschalten, legt Hütte also ganz bewusst Wahrnehmungsfallen an – in die man beim Anblick seiner Bilder nur allzu gerne stürzt. Schließlich geht es hier nicht um Fotojournalismus. Hütte gibt die zarte Unschärfe, die durch die Reflexionen auf dem Wasser entsteht, an den Betrachter weiter und lässt ihn über die Grenze von Fiktion und Wirklichkeit rätseln. „Wenn ich neben der Spiegelung auch das zeige, was sich spiegelt, ist die Sache klar. Wenn ich aber nur die Spiegelung zeige und die dann auch noch auf den Kopf stelle, hat das etwas von Halluzination.“ In diesem Sinne wirkt Hüttes berühmte Aufnahme der Neuen Nationalgalerie, die er 2001 vor regennassem Pflaster einfing und Jenny Holzers Lichtinstallation in einen flirrenden Strahlenkranz verwandelte, wie ein Vorbote von „Towards the Wood“ – so der Titel seiner jüngsten Serie.

Hütte hält inne. Zwei Enten gleiten weiter vorne von einem Ufer ans andere. Blätter rauschen, ansonsten ist es still. Keine Kaffeefahrten mehr, kein Paddelplätschern. Der Punkt ist da, an dem der Zufall ihm in die Hände spielt. Das Warten hat sich gelohnt, irgendwo auf dem Wasser entdeckt Hütte die ideale Spiegelung – und drückt ab. Als Betrachter wird man später nicht wissen, warum er genau diesen Moment gewählt hat. Man wird nur spüren, dass von dem Bild eine Entscheidung ausgeht: Für suggestive Schönheit, die Zeit und Raum ausblendet. Hütte schält sich aus dem Tuch hervor, blinzelt und stößt das Boot mit zwei Schlägen zum Ufer. Glück gehabt. Von hinten nähert sich ein johlendes Floß der Schleuse, Erpel und Ente nehmen Anlauf und schlagen laut schnatternd übers Wasser. Die Romantik ist dahin.

Romantik? Ein bisschen suspekt ist dem Mann mit den tief umschatteten Augen dieses Wort schon. Ruinengebrösel, eherne Kreuze auf Bergkuppen, Rückenansichten vor tiefen Schluchten – das alles habe ja nichts mit ihm zu tun. Er dreht die Schleuse auf, um das Touristenfloß durchzulassen, von dem Zigarettenrauch und fragende Blicke zu uns aufsteigen. Kurz sitzt es in der Stahlkonstruktion gefangen, dann stößt der Bootsmann es vorne hindurch. Hütte lächelt etwas gequält und sagt dann doch: „Man braucht ja heute keine Ruine mehr, um einen bestimmten Klang zu erzeugen. Berge, Pflanzen, Wasser – klar, das sind romantische Motive. Und jeder Mensch projiziert seine eigenen Wünsche, Hoffnungen und Anschauungen dort hinein, da er sich über das Bild hinaus etwas vorstellt.“ Und ja, stundenlanges Warten darauf, dass sich die Sonne im richtigen Winkel auf einer Welle bricht – auch das sei wohl romantisch. Dass man aber eben diese Anstrengung hinterher nicht sieht und nicht weiß, wie sich die Stimmung in einem Bild tatsächlich zusammensetzt und erst recht nicht versteht, wo genau der Künstler war, als es entstand, sondern nur erahnt – all das versetzt den Betrachter in einen geistigen Flugmodus, der über jede Illustration einer romantischen Idee hinausreicht.

„Ich glaube fest daran, dass bei hundertprozentigen Bildern Menschen ähnliche Erfahrungen machen“, sagt Hütte, während er sein Equipment im Bauch des Kanus verstaut. Einen Moment lang stellt man sich vor, wie er es über einen Berg im Amazonas zieht, die rote Strickmütze in der Hand und eine aberwitzige Vision vor Augen. „Ich zeige ja nicht den Mönch am Meer, sondern nur das Monument der Natur – also den Gipfel oder die Wasseroberfläche. Wie groß das alles ist oder wie weit entfernt, weiß man nicht. Und man weiß nicht, ob ich daran mit einem Fesselballon vorbeigeglitten bin oder wie ein Vogel über das Wasser fliege – jeder Versuch, sich beim Anblick des Bildes darin zu verorten, schlägt fehl.“

Hütte versetzt dem Boot einen Stoß. Wir gleiten ins Wasser, vorbei an dichtem Gebüsch, tiefhängenden Ästen und Weiden – trotz der rötlichen Kulisse ist der Winter schon überall zu spüren. Woher weiß man eigentlich, wann der Herbst endet? In Stefan Georges totgesagtem Park leuchtet ja schließlich auch noch „der Schimmer ferner lächelnder Gestade“. Axel Hütte schmunzelt. Selbst, wenn man sich den Rheinländer nicht so recht beim Rezitieren solcher Verse vorstellen kann: Ganz fern ist ihm der Gedanke auch an lyrische Nebelschwaden wohl nicht. „Im Nebel kann man sich völlig verlieren. Das Verortungssystem ist einfach aufgehoben“, erklärt er klar. „Würde ich einen Berg vor blauem Himmel und fünf Kühe auf der Alm zeigen, wäre alles ganz einfach.“ Doch einfach interessiert Axel Hütte nicht. Sein Element ist unerklärliche Leichtigkeit des Seins. Unerträglich ist schon alles andere.

Bilder aus Axel Hüttes Serie „Towards the Wood“ sind derzeit in folgenden Ausstellungen zu sehen:

Borusan Contemporary, Istanbul

„Emerald Woods” – Dirimart Gallery, Istanbul. Vom 24. November bis 27. Dezember 2011

„Terra Incognita. Weltbilder – Welterfahrungen“ – TU Dresden. Vom 28. Oktober 2011 bis 03. Februar 2012

„Der deutsche Wald – eine Kulturgeschichte“ – Deutsches Historisches Museum, Berlin. Vom 1. Dezember 2011 bis 4. März 2012


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