2. November 2011
„Polish! Contemporary art from Poland“ – Künstlerhaus Bethanien, Berlin. Vom 21. Oktober bis 13. November 2011
„Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ – Martin-Gropius-Bau, Berlin. Vom 23. September bis 9. Januar 2012
Dominik Lejman „Far too Close“ – Galerie ŻAK|BRANICKA, Berlin. Vom 9. September bis 12. November 2011
„Ihr werdet niemals Polen sein“, blinkt die Neonschrift von Hubert Czerepok die Besucher an. Die Ausstellung „Polish! Contemporary art from Poland“ im Künstlerhaus Bethanien stößt das Publikum mit der Nase auf ihr Thema. Sie findet im Rahmen des Berliner Festivals „Obok – Nebenan!“ anlässlich des 20-jährigen Nachbarschaftsvertrags zwischen Deutschland und Polen statt. Parallel blickt der Martin-Gropius-Bau mit der Ausstellung „Tür an Tür“ zurück auf 1000 Jahre Kunst und Geschichte beider Länder.
Als roten Faden am neuen Bethanien-Standort in der Kottbusser Straße hat Kurator Christoph Tannert den augenfälligsten Aspekt gewählt: die Frage nach der polnischen Identität, die, so Tannert bei der Eröffnung, „immer auch an die deutsche Identität stößt“. Den Preis für das eindimensionale Konzept zahlt die Kunst. Ihre Vielschichtigkeit wird der leichten Lesbarkeit geopfert. „Ihr werdet niemals Polen sein“ – Czerepoks feiner Spott über den absurden Hohn polnischer Hooligans geht in dem plakativen Zusammenhang schnell verloren.
Wer sich als Besucher allerdings vom kuratorischen Konzept löst und der Spur einzelner Künstler folgt, wird belohnt. Denn hinter dem Label „Polish!“ verbergen sich Experimentierlust, Aufmüpfigkeit und ein mitunter rauer Witz. Eine der schönsten Arbeiten in der Ausstellung scheint direkt an die Avantgarde der 1920er-Jahre anzuknüpfen. Michał Budny hat eine Landkarte aus schwerem Wachspapier zu einer abstrakten Skulptur gefaltet. Doch die Karte ist leer – keine Länder, keine Grenzen, nur Raum für Projektionen. Budny baut Telefone oder Fernbedienungen mit Pappe oder Packpapier nach, befreit sie von ihren Funktionen und destilliert die Wünsche, die sie hervorrufen.
Mit der Finte der Vereinfachung arbeitet auch Sławomir Elsner: Er zeichnet mit Buntstiften nach Fotovorlagen. Die fröhlichen Farben verdichtet er durch beharrliche Fleißarbeit. Im Künstlerhaus Bethanien hängt ein Porträt des Papstes. Elsner hat es nach der Vollendung zerrissen und die Fragmente anschließend gerahmt. In der künstlerischen Bearbeitung des Katholizismus verschmelzen Verinnerlichung und Abwehr. Wie die meisten Künstler der Ausstellung gehört Sławomir Elsner (Jg. 1976) zur Generation Global. In Polen geboren, in Kassel aufgewachsen, lebt er inzwischen in Berlin.
So wie er ringen hier viele Künstler mit der bleischweren Last der Vergangenheit. Sie versuchen, die erstarrten Bedeutungen zu transformieren und ihre eigene Sichtweise in das Erbe einzuschreiben. So durchleuchtet Dominik Lejman, der gerade in der Galerie ŻAK|BRANICKA ausstellt, einen polnischen Mythos: Das Panoramabild von der Schlacht bei Racławice am 4. April 1794 gehört zu den populärsten Ausstellungsmotiven in Polen. Lejman projiziert die Bilder vom Sieg über die Zarenarmee als Negativfilm an die Wand, die Schemen der Besucher scheinen über das Schlachtfeld zu wandern. Die Szene wirkt wie ein Röntgenbild, das die metastasierenden Wucherungen der polnischen Geschichte transparent werden läßt.
Wortwörtlich „ätzend“ fällt das Video Itzik (2003) von Artur Żmijewski, Leiter der nächsten Berlin Biennale, aus. Er filmt die Hasstiraden eines israelischen Vaters, dessen Sohn in der Armee dient – seine Aggressionen gegenüber Arabern leitet er aus dem Holocaust ab. Allerdings evoziert der Film auch deshalb Unwohlsein, weil der Künstler seinen Protagonisten vorführt. Provokanter wirkte Zmijewskis Videoarbeit Berek von 1999, die in diesen Tagen aus der Schau im Martin-Gropius-Bau entfernt wurde – „aus Respekt vor den Opfern“ – so die Begründung des Museumsdirektors. Das Video zeigt nackte Männer und Frauen, die unter anderem in einer Gaskammer eines ehemaligen Konzentrationslagers Fangen spielen.
Als Reaktion auf den Krieg im ehemaligen Jugoslawien entstand 1995 Katarzyna Kozyras Fotoarbeit blood ties, die ursprünglich als Plakatwand konzipiert war. Die Künstlerin formt das Rote Kreuz und den Roten Halbmond aus Kohlköpfen, also einem Grundnahrungsmittel der polnischen Küche. Auf diesen Erste-Hilfe-Symbolen ließ sie nackte Modelle posieren; in Polen wurde die Arbeit wegen der Verbindung von Nacktheit und religiösen Motiven zensiert. Dabei aber schält Kozyra einen Grundgedanken heraus, der beide Zeichen als Blutsverwandte verbindet – Mitmenschlichkeit.
Einer Welt jenseits aller Zivilisation begegnet man dagegen in der Malerei von Roman Lipski, dem gleich ein ganzer, geheimnisvoll anmutender Raum gewidmet ist. Lipski (Jg. 1969) emigrierte 1989 nach West-Berlin. Sein Blick führt in ein Niemandsland, das erfüllt ist von schwefelgelber Luft. Unbewohnte Häuser stehen auf Brachen, von einem Schuppen führt eine Leiter in eine hohe Tanne. Aber auch die Natur ist versehrt, die Äste der Bäume gebrochen, die Verbindungen gekappt, die Farbe des Wassers giftig.
„Polish!“ orientiert sich übrigens an der gleichnamigen Publikation der ŻAK|BRANICKA Foundation. Das Vorwort des leuchtendroten Buches hat Anda Rottenberg verfasst, die profilierteste Kennerin der polnischen Kunstszene. Als Kuratorin von „Tür an Tür“ im Martin-Gropius-Bau setzt sie dort unter anderem die stille Strahlkraft polnischer Konstruktivisten wie Katarzyna Kobro und die präzise Poesie von Stanisław Dróżdż in Szene. Der Grundstein für die heutige Szene Polens hat sich ihrer Aussage nach bereits vor dem Mauerfall entwickelt – den „schöpferischen Widerstand“ sieht sie gar als Tradition in der Kunst des lange geteilten Landes. Solche historischen Verbindungslinien hätte man gerne auch in der Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien gesehen. Denn die Künstler aus Polen verwenden Vereinfachung nur als Strategie.