Plünderung, Ermittlung, Restitution – Eine aktuelle Tagung in New York

Entärtete Kunst?

Anna Blume Huttenlauch
19. März 2008
Wünscht man sich das manchmal? Eine kunstpolizeiliche Task Force, mit allen Vollmachten versehen, ein fernsehtaugliches Team von Spezialermittlern, das am Ende der vergangenen großen Kriege all die geraubten Kunstwerke ermittelt, gesichtet, beschlagnahmt und wenn möglich zurückgegeben hätte? Eine große historische Aufräumaktion, die wenigstens in der Kultur jene Ordnung wiederhergestellt hätte, die Kriege auf allen Ebenen des Lebens zu beschädigen pflegen? Unter dem Titel "War and Peace - Art and Cultural Heritage Law in the 21st Century" veranstaltete die Juristische Fakultät der Yeshiva Universität in New York am 4. März 2008 ein Symposium zu Fragen des Kunst- und Kulturgüterschutzes und fragte nicht nur nach der lang vergangenen, sondern auch der jüngeren Vergangenheit.

Hochkarätig besetzte Panels widmeten sich neben der Restitution von Kunstwerken nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem auch den Plünderungen des Irak-Museums in Bagdad und näherten sich so zeitlich den aktuellen Tatorten an. Dabei wurde deutlich, dass sich das heutige Kulturgüterschutzrecht nicht nur auf die effektive Verhinderung kriegsbedingter Plünderungen, sondern zunehmend auf die Frage konzentrieren muss, über welche Kanäle unrechtmäßig erlangte Artefakte den internationalen Kunstmarkt erreichen und mit welchen Mitteln solch illegalem Handel zu begegnen ist.

Über die Plünderung des Irak-Museums in Bagdad sprachen Donny George, der frühere Direktor des Museums und ehemalige Vorsitzende des Irakischen Antiquitäten-Komitees, sowie Matthew Bogdanos, Bezirksstaatsanwalt in New York und Oberst der US-Marine-Reserve. Bogdanos hat im Jahr 2003 die Ermittlungen in Sachen Kunstplünderungen im Irak durch einen Spezialeinsatztrupp aus Soldaten, Kriminalbeamten, Geheimdienstlern und Zollfahndern geleitet. Dank des von dieser Einheit eingerichteten Amnestieprogramms, das allen Rückführern von gestohlenem Gut Straffreiheit und Anonymität zusicherte ("no questions asked"), befinden sich heute 95 Prozent der geplünderten Artefakte wieder im Irak-Museum. Bogdanos hat seine Erfahrungen in dem Buch Thieves of Baghdad festgehalten, dessen Einnahmen dem Irak-Museum zugute kommen (zusammen mit William Patrick; die deutsche Übersetzung Die Diebe von Bagdad ist 2006 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen).

Den Plünderungen waren allein aus den Galerien des Museums 40 Exponate sowie 14.000 weitere Stücke aus dessen Magazinen zum Opfer gefallen. Für die Raubzüge waren den Ermittlungen zufolge mehrere Tätergruppen verantwortlich: professionelle Plünderer, die - die Gelegenheit ihres Lebens witternd - bereits vor Kriegsbeginn angereist waren; weitere 200 bis 400 Amateure, die in mehreren Wellen über das Museum herfielen, und schließlich Mitarbeiter des Museums selbst. Da einige der versiegelten Kellermagazine nur Insidern überhaupt bekannt und zugänglich waren, müssen Museumsmitarbeiter nach Bogdanos' Berechnungen für gut ein Drittel der Diebstähle von insgesamt circa 15.000 Zylindersiegeln verantwortlich gelten, von denen eines im Handel bis zu 250.000 US-Dollar einbringen kann. Bogdanos vermutet, dass diese nach einer gewissen Stillhaltephase als syrische, türkische oder jordanische Antiquitäten auf den Markt gespült werden, während er im Hinblick auf die sofort identifizierbaren und daher für den Markt ungeeigneten Stücke hofft, dass sie dank des Amnestieprogramms noch ins Museum zurückkehren werden.

Zu den nach wie vor fehlenden Beständen gehört die fast 3.000 Jahre alte assyrische Elfenbeinskulptur einer Löwin mit einem Nubierknaben, die Bogdanos als Schmuck für den Einband seines Buches gewählt hat. Unter den bereits zurückgebrachten Schätzen befinden sich die Alabastervase von Warka, eines der bedeutendsten Beispiele sumerischer Reliefkunst aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend, und die Statue von Bassetki aus der Zeit um 2.300 v. Chr., eine alt-akkadische, 150 Kilogramm schwere Kupferskulptur, die einst am Eingangsportal zum Palast des Herrschers Naram-Sin gestanden hatte. Bogdanos wies abschließend auf die enge Verknüpfung von Kunstraub und Waffenbeschaffung im Irak hin. Zwar seien Plünderungen dort schon immer eine Art Heimindustrie gewesen, die irakische Raubkunst-Industrie als Finanzquelle für terroristische Kriegsführung müsse jedoch als eine neuartige Zeiterscheinung gelten, so dass sich statistische Aussagen noch nicht treffen ließen. Seiner Einschätzung nach rangiert sie als Geldquelle jedoch unmittelbar nach Entführungen für Lösegeld.

Diese Beobachtungen ergänzte Donny George, der sein Amt als Museumsdirektor und Vorsitzender des staatlichen irakischen Antiquitäten-Komitees im August 2006 aufgrund zunehmenden politischen Drucks von Seiten radikaler Schiiten aufgegeben hatte, mit großer Sorge um die Lage des Kulturgüterschutzes im Irak. Obwohl es sich laut irakischer Verfassung um ein zentralstaatliches Anliegen handeln sollte, stünden einem effektiven Antiquitätenschutz föderalistische Bestrebungen entgegen. Auch die Rückführung von geplünderten Artefakten ins Irak-Museum sei von interessierten Kreisen aktiv verhindert worden. So sei etwa das Budget für eine museumseigene Einsatztruppe auf Druck eines Parlamentariers gestrichen worden, aus dessen Familie einige der Hauptakteure des illegalen irakischen Antiquitätenhandels stammen. George kritisierte auch die Haltung der Türkei und des Iran, die sich dem Irak bisher nicht kooperativ bei der Suche nach geplünderten Objekten gezeigt haben.

Monica Dugot (Christie's) und Lucian Simmons (Sotheby's) waren als Leiter der Restitutionsabteilungen der großen Auktionshäuser geladen, um über die Restitution von im Zweiten Weltkrieg enteigneten Kunstwerken zu sprechen. Dugot, ehemals stellvertretende Leiterin des Holocaust Claims Processing Office, legte zunächst die Schwierigkeiten der Provenienzforschung und die sich daraus ergebenden Herausforderungen für Versteigerungshäuser dar. Trotz des Stellenwertes, den man der Provenienzforschung mittlerweile beimesse, und trotz aller Sorgfalt, die man bei Christie's für die Erforschung der Geschichte eines Objekts aufwende, ergebe sich die Hauptschwierigkeit daraus, dass diese in den seltensten Fällen lückenlos dokumentiert sei. Christie's liegen mittlerweile ca. 13.000 sogenannte "red flag names" vor, das heißt Namen von Personen, die als Täter, Opfer oder Mittelsleute in der verfolgungsbedingten Enteignung von Kunstwerken involviert waren und bei denen man daher besondere Vorsicht walten  lässt.

Dennoch sei die Haupterkenntnis aus dem gesteigerten Bewusstsein für problematische Provenienzen und aus dem Wissenszuwachs der letzten zehn Jahre, so Dugot, dass der noch zu bewältigende Rechercheaufwand enorm sei, und es gelte, ihn verantwortungsvoll in Angriff zu nehmen. Eingehend beschrieb Dugot auch die für Restitutionsstreitigkeiten oft ausschlaggebenden Verjährungsregelungen, die in den Einzelstaaten der USA unterschiedlich ausgestaltet sind: Während in manchen Staaten wie z. B. New York die Verjährungsfrist erst zu laufen beginnt, wenn der (angebliche) Eigentümer die Rückgabe des Werks vom gegenwärtigen Besitzer erfolglos verlangt hat (die sogenannte "demand and refusal rule"), folgen andere Staaten der sogenannten "discovery rule", der zufolge die Verjährungsfrist läuft, sobald der Anspruchssteller das Werk tatsächlich aufgefunden hat oder bei Anwendung der erforderlichen Sorgfalt "hätte auffinden können".

In Kalifornien, wo bisher eine einzelgängerische Lösung verfolgt und allein auf die tatsächliche Entdeckung abgestellt wurde, herrscht derzeit wegen eines laufenden Gerichtsverfahrens Unsicherheit, ob künftig, wie in anderen discovery-Staaten, auch bereits deren Möglichkeit maßgeblich sein wird. Dugot betonte, dass Konflikte um ein strittiges Objekt meist am effektivsten durch offenen Dialog zwischen den Anspruchsstellern beigelegt werden könnten. Ein Hauptanliegen des Auktionshauses sei es denn auch, einvernehmliche Lösungen aktiv zu fördern und den Streitparteien die hohen emotionalen und finanziellen Kosten eines Rechtsstreits zu ersparen. Andauernde und zunehmende Kooperation zwischen allen Beteiligten betrachte man bei Christie's als absolute Notwendigkeit, um die Herausforderungen der Kunstrestitution in Zukunft zu bewältigen.

Lucian Simmons rechtfertigte zunächst die Existenz einer Restitutionsabteilung im Hause Sotheby's, die einerseits der für ein am amerikanischen Aktienmarkt notiertes Unternehmen unerlässlichen Transparenz diene und zum andern eindeutig ökonomisch motiviert sei - nämlich, um das Unternehmen vor kostenintensiven nachträglichen Gerichtsverfahren zu schützen. Als eigentlichen Auslöser einer strengeren Formalisierung und Institutionalisierung der Provenienzrecherche bei Sotheby's zitierte Simmons eine Schlagzeile des Journalisten Walter Robinson, der 1997 im Boston Globe die dunkle Vergangenheit des zur Versteigerung anstehenden Gemäldes Dünenlandschaft mit zwei Figuren am Zaun von Jacob van Ruisdael aufgedeckt hatte.

Robinson hatte - ausgehend vom Auktionskatalog, in dem als Provenienz "Ankauf für die Galerie in Linz, 1941" vermerkt war - recherchiert und entdeckt, dass das Werk einst zur Sammlung Günter Henles gehört hatte, einem führenden Vertreter der rheinisch-westfälischen Eisen- und Stahlindustrie mit zweifelhafter NS-Vergangenheit. Henle hatte das Bild von Pieter de Boer gekauft, zu dessen Kunden auch Hermann Goering gehörte und war außerdem mit Edouard Plietzsch, dem stellvertretenden Leiter der für Kunstkonfiszierung in den Niederlanden zuständigen "Dienststelle Mühlmann" befreundet, der ihn auch bei der Zusammenstellung seiner Sammlung beriet. Die genauen Umstände des "Erwerbs" für das Linzer Museum blieben zwar zunächst unklar - skandalös war jedoch, dass diese Angabe im Hause Sotheby's offenbar niemandem als verdächtig aufgefallen war. Wie unvorstellbar solche Naivität aus heutiger Sicht ist, zeigt, wie sehr sich in den letzten zehn Jahren das Bewusstsein für die bemakelte Provenienz von Kunstwerken geschärft hat.

Abschließend lieferte Simmons einen Überblick über kürzlich bei Sotheby's versteigerte Werke, deren zweifelhafte Provenienzen zuvor geklärt werden konnten bzw. hinsichtlich derer Restitutionsansprüche einvernehmlich beigelegt wurden. So konnten Franz MarcsWeidende Pferde III (1910), 1937 als "entartet" aus dem Kunstmuseum Düsseldorf entfernt, im Februar verkauft werden, weil die damalige Deakzession in Einklang mit den seinerzeit gültigen Richtlinien stand und das Eigentum insofern rechtswirksam vom deutschen Staat an den nachfolgenden Erwerber übertragen worden war. Danseuse rajustant sa sandale (1896) von Edgar Degas, das dem Auktionshaus von einem asiatischen Einlieferer angeboten, jedoch Gegenstand eines Restitutionsanspruches seitens der Erben des Hamburger Bankiers und Kunstsammlers Henry Newman war, erzielte im Februar 10 Millionen Dollar, nachdem sich die beteiligten Parteien zuvor gütlich geeinigt hatten. Wie sehr sich die geschäftliche Rechnung mit Restitutionen zum spekulativen Markt entwickelt hat, demonstrierte schließlich eine Zusammenstellung gefälschter Stempelungen, die man bei Sotheby's auf der Rückseite von Gemälden gefunden hat - darunter befindet sich zum Beispiel auch der Stempelaufdruck "Entärtete Kunst" (sic).


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