3. März 2011
Sie kommen aus Afghanistan, aus dem Irak, aus Tschetschenien oder aus Uganda, aus Krisen- und Kriegsgebieten also. Meist sind sie noch im Kindesalter, wurden gesund geboren und werden nicht nur entstellt, sondern auch mit existenzbedrohenden Verletzungen in Berlin in Empfang genommen. Sie sind Opfer von Kämpfen, Vertreibungen, ethnischen Säuberungen, Folter und Gewalt und hätten keine Aussicht auf eine menschenwürdige Zukunft, gäbe es nicht die internationale Ärzte-Initiative Placet, das Plastisch-Chirurgische Centrum für Terroropfer, von der es auch eine Einrichtung in Berlin gibt. Ihr steht der Facharzt Prof. Dr. Frank-Werner Peter vor, der die Berliner Ärztemannschaft mit Standort im DRK-Klinikum im Berliner Westend leitet. „Unsere Patienten sind Kinder, die so schwer entstellt und verstümmelt worden sind, dass sie in ihren Heimatländern keine Chance auf eine angemessene Versorgung haben. Mit den modernsten Methoden der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie lindern wir inzwischen im zehnten Jahr die Verletzungen dieser Kinder und helfen ihnen und ihren Familien dabei, wieder ein menschenwürdiges Leben zu führen“, so Frank-Werner Peter zur Arbeit und Zielsetzung der Initiative.
Zugunsten von Placet Berlin findet am 13. März im Hotel de Rôme in Berlin Mitte die Placet-Charity-Auktion mit 34 Losen zeitgenössischer Kunst statt. Die Erlöse fließen zu 100 Prozent in die Initiative, alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich, eine Reihe Sponsoren entlasten mögliche Kosten. Die Künstlerliste der kleinen Auktion liest sich partienweise wie ein Who-is-Who der aktuellen Kunstszene: Arbeiten von Marc Brandenburg, Monica Bonvicini, Damien Hirst, Douglas Gordon, Sarah Lucas, Jonathan Meese, Tobias Rehberger und Daniel Richter sind zu ersteigern. Das entscheidende „...zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“ wird der Spross und Experte für Contemporary Art der Villa Grisebach, Daniel von Schacky sprechen. Es ist seine erste Auktion als Versteigerer und er sieht eingedenk der geheim zu haltenden aktuellen Gebotslage den Erfolg des Unternehmens so gut wie gesichert: „Da ist zum Beispiel diese Unikat-Arbeit von Damien Hirst, für die es schon viele Anfragen gibt. Das interessante an dieser Auktion ist außerdem, dass es in allen Preissegmenten Werke gibt. Es ist wirklich für jeden etwas dabei. Alle Lose sind Geschenke der Künstler, von denen einige zum ersten Mal auf den Auktionsmarkt kommen.“ Im Online-Katalog der „Placet-Charity-Auktion“ sind die Preise ausgewiesen, einmal das Limit, einmal der Galeriepreis. Bei 300 Euro kann der Bieter einsteigen, nämlich für die Installation Healing von Johannes Albers, bei einem Galeriepreis von 65.000 Euro endet die Skala. Damit ist die 86 cm hohe Gipsskulptur Spirit of Pig von Sarah Lucas beziffert.
Doch wie kommen der Chirurg Frank-Werner Peter und die Kunstszene zusammen? Über das Sammeln etwa? Weit gefehlt. Daniel von Schacky verrät, wer der eigentliche Initiator und Drahtzieher dieser Charity-Auktion ist: Der in Berlin lebende Künstler Igor Paasch, der seit August 2010 an diesem Projekt arbeitet und in der internationalen Kunstszene bestens vernetzt ist. Gemeinsam mit Nadine Griesbach zeichnet er für die Konzeption der Auktion verantwortlich. Ab Ende der 1980er-Jahre bis 1994 studierte er an der School of Architecture in London und hatte in der Themsemetropole enge, gute und freundschaftliche Kontakte zu den Künstlern des Goldsmith College, darunter Damien Hirst und Sarah Lucas. Vier Jahre, von 1994 bis 1998, arbeitete Paasch außerdem für Robert Wilson an Bühnenproduktionen in Europa und den USA. Und es scheint, dass Paasch, der sich zurzeit hauptsächlich dem Filmschaffen über Berlin widmet, bei allen seinen Kollegen hoch geschätzt ist, denn für sie war es gar keine Frage, ob sie sein Vorhaben unterstützen sollten oder nicht: „Von allen Künstlern, die ich um Arbeiten für diese Charity-Auktion gebeten habe, gab es spontan eine Zusage. Nur einer hat abgesagt.“
Igor Paasch hat selbst acht Jahre bei der Deutschen Welle als Bildredakteur gearbeitet. „Bilder von Bombenanschlägen sind mir geläufig“, meint er und fügt hinzu, dass er eine Vorstellung davon habe, wie es Menschen in Krisengebieten ergeht.
Und wie lernten sich Igor Paasch und der Chirurg Frank-Werner Peter schließlich kennen? Ganz einfach: Wer Igor Paasch treffen möchte, sollte wie Peter Stammgast des Berliner Hip-Restaurants „Grill Royal“ werden. Im Umfeld von Gourmet-Küche und illustrer Society gerieten die beiden ins Gespräch, und die Idee der Charity-Kunstauktion wurde geboren. „Erst dachten wir daran, die Kunstwerke in einem Kreuzberger Loft zu versteigern“, erinnert sich Paasch. „Aber nun haben wir mit Daniel von Schacky und dem Hotel de Rôme den richtigen Rahmen gefunden“.
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