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Pipilotti Rist auf der 51. Venedig-Biennale

Werdet Frau!

Thomas W. Eller
22. Juni 2005
Die Videoinstallation Homo sapiens sapiens von Pipilotti Rist in der Kirche San Staë am Canale Grande, als zweiter Teil des Auftritts der Schweiz in Venedig, war sicher die am meisten beeindruckende der gesamten Biennale. Nachdem nicht nur die lange Schlange am Eingang überwunden war, sondern auch das durch die Loungeskulptur am Boden erzeugte Gefühl der Unlust – ein klar funktionales Liegemöbelsystem wäre besser gewesen – und man sich der Opulenz der Bilder hingegeben hatte, tauchte man ein und ab in eine Welt von Sinnlichkeit und scheinbarer Unschuld. Schilder am Eingang baten zu Recht darum, nicht länger als 20 Minuten zu verweilen; so lange dauert ein Loop aus vier Projektionen. So betrunken aber machten die Bilder, dass man mehr wollte – und bleiben. Das Schild hätte man glatt ignorieren mögen. Einzig das Gefühl, soviel anderes in Venedig noch nicht gesehen zu haben, machte sich als schlechtes Gewissen breit, drängte zum Aufbruch und machte den Platz frei für draußen in der Schlange Wartende.

Für die Videoinstallation werden in den mehrfach gewölbten Himmel der Basilika San Staë aus vier, hinter verspiegelten Halbkugeln versteckten Beamern Filmsequenzen projiziert, die den Kirchenraum zum Ausschnitt eines riesigen Bilderkosmos werden lassen. Jedes Barockdeckengemälde respektiert stärker die Grenzen des architektonisch definierten Bildgrundes, als die Projektion Homo sapiens sapiens von Pipilotti Rist. Perfekt aufeinander abgestimmt, erzeugen die Projektoren einen Ozean von Bildern, der über die Decke spült und den Betrachter von Beginn an mit hinfort reißt. Manchmal bricht er kaleidoskopisch in geviertelter Teilung, dann rotiert das Bild und wird hinausgezoomt. Die Bildbewegung ist geschmeidig wie eine Tänzerin und unterstützt wird die Sinnlichkeit der traumhaften Bilder durch sphärische Musik, die den Zustand der Entrückung bestärkt. Das ist großer Zauber.

Was man auf dem Rücken liegend sieht, sind Topografien des Körpers einer jungen Frau, in extremer Nahaufnahme davon, wie sich diese in grünen Blättern bettet und dreht. Manchmal erkennt man nur andeutungsweise ein bestimmtes Körperteil. Ein anderes Mal kommt sie gleich mehrfach von einem entfernten Horizont in Zeitlupe und Teleobjektiv auf einen zu gesprungen. Die meiste Zeit befindet man sich jedoch in der Duftsphäre – so nahe dran, dass man meint, sie riechen zu können. Es ist eine Sinnlichkeit, die einem die Augen schließen möchte und die es sonst ohnehin nur gibt, wenn man sie geschlossen hat und sie auf der Haut spürt. Hier wird Duft durch das Auge und das Ohr vermittelt.

Und es ist jene Sinnlichkeit einer jungen Frau, die bei sich ist – ozeanisch, aber nicht sexuell. Die sie umgebende Natur ist eine Frühlingswiese und Oase mit niedrigem Baumbestand. Die Vegetation ist die der gemäßigten Breiten, die Früchte, die sie wie Körperteile zerquetscht, sind dagegen tropisch. Den runden Formen entströmen in Zeitlupe endlose rote Säfte, rinnen an ihrem Körper herunter wie Urflüsse. Nur ein einziges Mal taucht die Sphäre des Mannes auf. Ähnlich wie vorher die Frucht hält sie die beiden Testikel in der gespannten Haut des Skrotums zwischen den zu einem Becher geformten Händen und berührt halb zärtlich mit dem Daumen die Naht der Haut. Die Kamera verweilt für eine kurze Weile, rotiert dann leicht die Szene und schiebt sie wieder aus dem Format. Was weiter vor sich geht, wird uns nicht mehr gezeigt.

Die Implikationen sind derart mannigfaltig, dass hier nur ein paar wenige Dinge zu bedenken gegeben werden sollen. Es sind immerhin einige der großen Fragen, die sich an die Arbeit anschließen. Die Künstlerin und mit ihr die große Frau ihres Kunstwerks, eignen sich die Sphäre des Himmels an und legen den Betrachter flach. Nicht als Gegenüber begegnet man dem Kunstwerk von Pipilotti Rist, sondern als Subjekt der Projektion. Man liegt und handelt demnach nicht. Der Kosmos der Frau ist ohne Anfang und Ende, ohne Rahmen und Raster, erlaubt keine Positionierung, keinen Ort. Die Geschlechterspannung findet scheinbar nicht statt. Alles löst sich in Sinnlichkeit auf. Rein formal betrachtet tendiert die Bilderpräsenz zur Überwältigung und lässt einem kaum eine Chance. Man ist im Bild aufgehoben und das im doppelten Wortsinn.

Ist das unsere Zukunft, die Befreiung vom Geschlechterkampf? Oder sind es uralte Muster, die sich hier wieder die Bahn brechen? Die Metaphern von Quellnymphen, Früchte des ewigen Werdens und Vergehens, Fruchtbarkeit und Verderben? Schwer zu sagen. Da Männer in diesem Kosmos nur als Frucht Platz haben, muss man dann annehmen, dass sie, wenn nicht gegessen, zumindest zerquetscht werden? Oder ist das ein Appell an uns Männer, dass wir werden müssen wie Frauen? Tatsache ist, dass auf diesem Feld alles in Bewegung geraten ist. Die alten Parameter von Männlichkeit sind in Auflösung begriffen. Frauen fordern mit Recht den einen Teil der Welt und dann noch all jenes, was sie vorher schon repräsentierten. In der strukturellen Asymmetrie der Geschlechter eine Balance zu gewinnen, ist wichtige kulturelle Arbeit. Unklar bleibt, ob das Kunstwerk von Pipilotti Rist dazu Bilder liefern kann. Wer weiter nachdenken will… Es war zumindest Deleuze, der jenen zunächst kryptischen Vorschlag an beide Seiten richtete, Männer und Frauen: „Werdet Frau!“

Mehr im Dossier Venedig Biennale 2005


Mehr im Dossier  Venedig Biennale 2005

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